2021: Was von der Performance übrig blieb

17. Dezember 2021

Börsenjahr 2021

Im Laufe des Jahres ist viel passiert. Schulen waren über lange Strecken geschlossen, wir sind zu einem Volk von 80 Millionen Virologen mutiert, und auch an der Börse war ziemlich viel los. Ein Rückblick auf ein bemerkenswertes Börsenjahr 2021 – heruntergedampft auf fünf Themen, die Investoren bewegt haben und denen wir Wiedergänger-Qualitäten für 2022 zutrauen.

An Jahresrückblicken scheiden sich nicht erst seit Günther Jauch die Geister. Die gedankliche Zuordnung von Ereignissen und Trends zu Kalenderjahren ist willkürlich. Ereignisse passieren dann, wenn sie „fällig“ sind, und das hängt nur eingeschränkt mit unserer Zeitrechnung zusammen. Einerseits. Andererseits ist die kalendarisch strukturierte Sicht auf die Welt relevant, weil wir uns als gesellschaftliches Kollektiv entschlossen haben, diese als maßgeblich zu betrachten. Es folgt daher einerseits ein Jahresrückblick, der andererseits aber an manchen Stellen kalendarische „Gesetzmäßigkeiten“ durchbrechen wird. Wir stellen fünf Themen vor, die Investoren 2021 bewegt haben und schauen, welche Strahlkraft sie für das kommende Jahr besitzen.

Mr. Market hebt die Daumen: 2021 war ein sehr gutes Börsenjahr

Am Anfang war Mr. Market, und der hat bekanntlich immer Recht. Die Feststellung, dass 2021 ein sehr gutes Börsenjahr war, erstaunt nur den, der die volatilen Entwicklungen der vergangenen Monate zum Maßstab erhebt. Der DAX hat per Mitte Dezember in diesem Jahr um gut zwölf Prozent zugelegt, der MSCI World stieg sogar um 19 Prozent. Der ETF-Anleger-Liebling S&P 500 machte bis zum 15. Dezember sogar einen Sprung um gut 26 Prozent, der NASDAQ 100 machte sogar 27 Prozent (letztere drei Indizes in US-Dollar gerechnet). Nur der MSCI Emerging Markets trat unter (leicht) negativen Vorzeichen auf der Stelle.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Die Rückkehr der Wirtschaft zum Wachstum nach dem Einbruch 2020 und die zeitweilige Überwindung der Corona-Krise trieben die Aktienkurse auf immer neue Höhen. Das war allerdings nicht nur realwirtschaftlichen Entwicklungen geschuldet, sondern auch reichlich Psychologie: Der beste Börsen-Monat seit dem Höhepunkt der Corona-Pandemie war mit großem Abstand der November 2020. Was war seinerzeit passiert? Donald Trump wurde in den USA abgewählt, und, noch wichtiger, BioNTech/Pfizer berichteten Anfang November über die hohe Effektivität ihres neuen Impfstoffs gegen Covid19. Diese beiden Ereignisse verschafften Anlegern also die nötige Zuversicht, noch stärker in Risiko-Assets zu investieren. Diese Zuversicht hat die Kurse über weite Strecken in diesem Jahr weiter getragen.

Und heute? Im Nachhinein betrachtet war die politische Kehrtwende in den USA in vielerlei Hinsicht eine fragwürdige. Und dass effektive Impfstoffe gegen Covid19 entwickelt wurden, bedeutet leider nicht, dass wir uns damit auch impfen lassen. Am Ende des Jahres 2021 dominiert ein eher pessimistischer Diskurs: Lieferkettenprobleme dämpfen das Wirtschaftswachstum, politische Konflikte in Asien und Osteuropa destabilisieren die internationale Sicherheit, und Covid19 ist mitnichten besiegt. Aber vielleicht ist die Perspektive auch nur Psychologie? Möglich, aber wir haben den allgegenwärtigen Elefanten im Raum noch nicht ins Spiel gebracht.

Die Notenbanken: Vom Paulus zum Saulus?

Wer die Rolle der Notenbanken bei der seit 2009 andauernden Aktienhausse ignoriert, ist im Begriff, die Kontrolle über sein Portfolio zu verlieren. Bei jeder kleineren oder größeren Krise standen die Notenbanken Gewehr bei Fuß (wir sind großzügig und lassen die beiden Trichet-Ausreißer 2011 außen vor). Mit einer beispiellosen geldpolitischen Lockerung – massive Anleihen-Kaufprogramme und die Senkung der Zinsen auf null – haben sich die Notenbanken in den Industrieländern als Stützen der Konjunktur und der Finanzmärkte erwiesen. Die sprichwörtliche Flutung der Märkte mit Liquidität legte den Grundstein für den Aufstieg der Märkte ab 2009. Eine entscheidende Rolle spielten die Notenbanken auch während der Pandemiebekämpfung 2020-21. Doch der 15. Dezember 2021 könnte rückblickend der Anfang vom Ende des geldpolitischen “Big Easy” sein.

Am 15. Dezember kündigte die FED angesichts der stark steigenden Inflation an, die Anleihenkäufe deutlich früher zu beenden als geplant. Bis März 2022 dürfte es damit vorbei sein, und unmittelbar danach werden die Zinsen steigen. Damit leitet die US-Notenbank den lange befürchteten bzw. erhofften Zinserhöhungszyklus ein. Die Projektionen lauten nun: drei Zinserhöhungen 2022, drei im übernächsten Jahr und zwei weitere Anhebungen im Jahr 2024. Auch wenn nicht jede Zinserhöhung Gift für Risiko-Assets ist, hat der 15. Dezember 2021 das Zeug, als Game Changer in die Geschichte einzugehen. Ab jetzt deckt die FED nicht mehr Meme-Tradern den Rücken. Insofern ist die erste euphorische Reaktion der Aktienmärkte auf die Ankündigung der FED von gestern mit Sicherheit nicht das letzte Wort. Besonders belastend dürfte der neue Zyklus übrigens für die Entwicklungsländer sein, die sich nun mit einem absehbaren Ende der Ära des Carry Trades konfrontiert sehen.

Wunder- und Katastrophen-Trades: Freaks kommen und gehen

Smart Money und Dumb Money: 2021 musste man nicht “smart” sein, um Geld zu verdienen. Wie auch in den Jahren zuvor nicht. Zugespitzt gesagt war es egal, welches Risiko man kaufte: Kryptos, Aktien für Standardwerte, Nebenwerte, Meme-Stocks oder Themen-Investments. Die Märkte waren so gnädig, dass sich jeder irgendwie der Illusion hingeben konnte, ein guter Anleger zu sein. 2021 stieg Bitcoin um 67 Prozent, Ethereum um 454 Prozent. Inzwischen liegt die Marktkapitalisierung der Krypto-Währungen bei 2,27 Billionen Dollar. Exzesse gibt es auch anderswo: Das E-Auto-Unternehmen Rivian, das keine nennenswerten Umsätze erzielt, wurde kurz nach seinem furiosen Börsendebüt im November 2021 mit 100 Milliarden Dollar bewertet. Auch Meme-Aktien wie GameStop feierten im Jahresverlauf 2021 immer wieder eine fröhliche Wiederauferstehung.

Beim näheren Hinsehen gab es 2021 natürlich keinen Blankoscheck zum Gelddrucken. Selbst, wenn es seit März 2020 egal war, was man kaufte, es war eben nicht egal, wann man es tat. Wer im März 2020 in den Themen-ETF ARK Innovation investierte, was kaum einer tat, war um einiges reicher als die vielen Anleger, die ab November 2020 bei Cathie Woods High-Growth-ETF einstiegen. Letztere sitzen heute auf dicken Verlusten. Auch Anleger in anderen Themenfonds haben im laufenden Jahr keine guten Erfahrungen gemacht, Stichwort: Clean Energy ETFs.

Geht man nun von der These aus, dass die Liquiditätsflut 2022 dank einer restriktiveren Linie der Notenbanken abebben wird, dann wird es für Dumb Money immer schwieriger, den Schein des Genius aufrecht zu erhalten. Smart Money hat sich längst aus den High-Growth-Übertreibungsmärkten zurückgezogen, Dumb Money hat im Zweifel den Einsatz verdoppelt. Eine Rückbesinnung auf fundamental gerechtfertigte Wachstumsthemen könnte ein guter Vorsatz für das neue Jahr sein.

Die wundersame Nachhaltigkeits-Mehrung 2021

Man konnte sich in diesem Frühjahr verwundert die Augen reiben: Die einschlägigen Fonds-Datenbanken meldeten im ersten Quartal die wundersame Mehrung der Gelder, die in Nachhaltigkeitsfonds stecken. In Deutschland stieg das Vermögen in sogenannten ESG-Fonds im März dieses Jahres um sage und schreibe 100 Milliarden Euro. Was war passiert? Nun, die Transparenzverordnung der Europäischen Union (SFDR) verlangt eine Offenlegung der Nachhaltigkeits-Profile von Fonds. Das hat Vermögensverwaltungs-Industrie als Steilvorlage verstanden. Seitdem werden auch Fonds als „nachhaltig“ vermarktet, die mitunter nur wenig ambitionierte ESG-Screenings einsetzen.

Sind nunmehr wirklich rund ein Viertel aller Fonds in Europa nachhaltig, wie es die europäischen Fondsdaten nunmehr suggerieren? Die Kontroverse um die Praxis beim Fondsanbieter DWS legt den Schluss nahe, dass sich die Branche grüner gibt, als sie ist. Waren im Zuge des Pariser Abkommens 2015 die vergangenen Jahre von einem rasanten Wachstum von Nachhaltigkeits-Fonds geprägt, spricht einiges dafür, dass ab 2022 eine kritische Evaluierung von ESG-Fonds anstehen wird.

Die Untoten der Märkte sind noch unter uns

Crash-Gurus hatten seit der großen Finanzkrise immer wieder Hochkonjunktur. Bei jedem Anzeichen einer Krise entstiegen die sogenannten Perma-Bären der Asservatenkammer des Grauens. Mangels akuter Krisen ist es 2021 um Doomsday-Propheten etwas ruhiger geworden. Kein Wunder: Gold war 2021 eines der wenigen Risiko-Assets, mit denen man keinen hinter dem Ofen hervorlocken konnte, und Fonds wie der Dirk Müller Premium Aktien zeigten einmal mehr, dass man ohne Aktien-Exposure keine Aktien-Renditen vereinnahmen kann.

Aber es gibt kein Vertun: sie weilen immer noch unter uns – und sie haben eine unerträglich große wie treue Fangemeinde. Mit dem erwartbaren Ende der großen geldpolitischen Lockerung ab 2022 werden die Ober-Illuminaten Bill Gates und George Soros mitnichten zurückgedrängt, sondern es wird vielmehr nur ein neues, noch perfideres Kapitel der Weltverschwörung eingeleitet. Das natürlich nur Persönlichkeiten wie Dirk Müller et al in der Lage sind aufzudecken. Sollte es also ab dem 3. Januar 2022 zu mehr oder weniger unerklärlichen Phänomenen an den Kapitalmärkten kommen: wir werden die Hintergründe aus berufenem Munde erfahren. Bleiben Sie dabei, aber seien Sie gewappnet!

Disclaimer

Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

Ali Masarwah

Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Chefredakteur und Partner bei der Fondsplattform envestor.de und schreibt auch Kolumnen über Investmentthemen für The Digital Leaders Fund. Anleger-orientiertes Research ist seit über 20 Jahren Alis Ding. Vor seiner Zeit bei envestor.de war er zehn Jahre lang bei Morningstar, wo er für die Personal Finance Websites des Analysehauses in Deutschland verantwortlich war. Als Experte für Anlagethemen ist er ein gefragter Ansprechpartner für Finanzmedien im deutschsprachigen Raum.

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