360 DigiTech – Neues Jahr, neue Finanzierung, neues Glück?

2. Februar 2022

360DigiTech Aktie

Es ist nicht zum ersten Mal, dass wir in unserem Blog über das rasant wachsende FinTech Unternehmen 360 DigiTech berichten. Bereits im Juli 2021 gab es eine Einführung in dieses spannende Unternehmen aus Shanghai. Viel ist seitdem passiert, nicht nur im Wettbewerb mit anderen Spielern in diesem Segment, sondern auch auf regulatorischer Ebene und in der Volkswirtschaft Chinas. Die Firma ist weiterhin hochprofitabel und dennoch „nur“ mit einem KGV von 4,3 bewertet. Was verunsichert die Investoren? Wir wollen dieser und anderen offenen Fragen im heutigen Update nachgehen.

Einführung – Makrosituation

In der letzten Woche hat China bekannt gegeben, dass das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2021 im Jahresvergleich um 8,4 Prozent gestiegen ist. Im letzten Quartal hingegen gab es „nur“ ein Wachstum von annualisiert 4,9 Prozent. Es ist kein Geheimnis, dass China früher als andere Länder aus der Corona Pandemie herausgekommen ist. Im Nachhinein muss man aber sicher hinzufügen, dass dieses Bewältigen der Krise nur scheinbar erfolgreich war, denn jetzt wird das Land beharrlich von lokalen Ausbrüchen geplagt, und vielerorts fragt man sich, ob die Zero-Covid Policy wirklich das Allheilmittel ist.

Die einheimische Wirtschaft leidet massiv unter den Lockdowns, die Lieferketten funktionieren nicht. Die Zentralbank der VR China redet jetzt gar von „downward pressure“ – ein Synonym dafür, dass die Wirtschaft zu stottern beginnt. Dies ist umso mehr ein Problem, als dass der bisher stark auftretende Exportsektor nun auch seine Rolle als Wachstumsmotor aufgeben muss, da zu befürchten steht, dass der Rest der Welt unter dem Druck der sich verschärfenden Geldpolitik der europäischen und amerikanischen Notenbanken in diesem Jahr wesentlich weniger Ware bei chinesischen Fabriken in Auftrag geben wird.

Konzentration auf den Binnenmarkt

Der große Hoffnungsträger für Staatschef Xi Jinping ist und bleibt der Binnenkonsum. Wie wichtig der sein wird, zeigt sich schon daran, dass in dem im letzten Jahr verabschiedeten 14. Fünfjahresplan die „Strategie der zwei Kreisläufe“ („dual circulation strategy“) quasi-gesetzlich verankert wurde. Der innere Kreislauf beschreibt, wie durch die Fokussierung auf den Binnenkonsum die bisher hohe Abhängigkeit vom Exportsektor verringert werden kann.

Allerdings spielen die chinesischen Verbraucher derzeit noch nicht so recht mit, was sicher auch mit den in den letzten Monaten sinkenden Immobilienpreisen  zu tun hat. Umso mehr bemüht sich die Zentralregierung dieser Tage, auch über die vereinfachte Kreditaufnahme den Konsum anzuheizen.

Wichtige Player sind neben den traditionellen Banken auch immer häufiger FinTechs, die an der Schnittstelle zum Verbraucher durch technologische Lösungen wie Big Data und Künstlicher Intelligenz bei der effizienten und gezielten Vergabe von Darlehen helfen. Eines von diesen Unternehmen ist 360 DigiTech.

Wachstum und Zahlen der 360 DigiTech Aktie

Wie eingangs bereits kurz angesprochen, kann man beim Jahr 2021 getrost von einem Regulierungs-Tsunami sprechen. Mittlerweile dürften die meisten wissen, wie es der Ant Group in diesem Zusammenhang seit dem abgesagten IPO im November 2020 ergangen ist. Insbesondere die hoch-profitablen Kreditplattformen der Ant Gruppe, Jiebei 借呗 (Digitale Kreditkarte) und Huabei 花呗 (Buy-Now-Pay-Later), wurden ausgelagert und einer Neugründung mit teils staatlichen Partnern zugeführt. Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass das Ausscheiden des großen und teilweise allmächtig wirkenden Platzhirschen Alipay mit seiner umfassenden Consumer Finance Plattform ein großes Einfallstor für kleinere Konkurrenten wie 360 DigiTech, Finvolution, Lexin und Lufax eröffnet hat. 

Jede Medaille hat aber zwei Seiten. Wie zu erwarten war, ist die regulatorische Neuausrichtung auch an 360 DigiTech und seinen Mitbewerbern nicht spurlos vorbeigegangen. Angesichts sich ändernder Vorschriften war die operative Wettbewerbsfähigkeit jedes Unternehmens wichtig für die weitere Gestaltung der Branche. Nur außerordentlich gut geführte Unternehmen  überleben; eine Vielzahl wurde bereits aus dem Markt gedrängt: heutzutage weiß kaum noch jemand, dass von 6.000 ehemaligen P2P-Kreditunternehmen im Jahr 2015 nur noch wenige am Leben sind.

Die Wachstumsrate jedes Unternehmens ist daher einer der besten Indikatoren, um die Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Unternehmen, die in dem jetzigen Umfeld mit all seiner Komplexität nicht mehr wachsen können, dürften alsbald verschwunden sein.

360 DigiTech Vergleich mit Lufax

Ein kurzer Überblick zu den Ergebnissen aus dem Quartalsbericht: Der Umsatz von 360 DigiTech stieg in den drei Monaten bis September 2021 im Jahresvergleich um 24,6 Prozent auf 4,6 Milliarden Yuan (716 Mio. US-Dollar). Der Nettogewinn stieg in der gleichen Zeit um 27 Prozent auf 1,56 Milliarden Yuan. Die Betriebsmarge betrug im dritten Quartal 41,1 Prozent, die Non-GAAP-Betriebsmarge 42,6 Prozent. Die Nettogewinnmarge lag im dritten Quartal bei 33,9 Prozent, die Non-GAAP-Nettogewinnmarge bei 35,4 Prozent. Das Unternehmen erwirtschaftete im dritten Quartal 1,78 Mrd. RMB in bar aus der Geschäftstätigkeit und hat erstmalig eine Dividende von 0,28 Dollar pro ADR ausgezahlt. Gleichzeitig wurde vom CFO Alex Xu für die Zukunft eine vierteljährliche Dividendenausschüttung in Aussicht gestellt:

Künftig werden wir rund 15 bis 20 Prozent des Quartalsüberschusses nach Steuern in Form von Bardividenden regelmäßig ausschütten. Wir glauben, dass dies ein angemessener Weg ist, um eine zusätzliche Rendite für unsere Aktionäre zu generieren und ihre langfristige Unterstützung zu würdigen.“

CEO Wu Haishen erfreut über drittes Quartal

Annualisiert erwarten wir auf aktuellem Kursniveau damit eine Dividendenrendite von 5,5%. Das ist eine äußerst erfreuliche Entwicklung. Entsprechend euphorisch war dann auch der Ton im dritten Quartal Earnings Call im November. CEO Wu Haisheng:

Ich freue mich sehr über ein weiteres starkes Quartal. Dies ist das sechste Quartal in Folge mit Rekordergebnissen seit der Pandemie im letzten Jahr … Wir befinden uns in einer sich schnell verändernden Welt und die heißen Themen des Marktes kommen und gehen. Unsere Antwort darauf ist, Quartal für Quartal beständig rekordverdächtige Ergebnisse zu liefern. Wir glauben, dass dies die starke Widerstandsfähigkeit unseres Teams und des Unternehmens voll und ganz demonstriert.“

  • Das Unternehmen hat im dritten Quartal Darlehen im Wert von 97,3 Milliarden Yuan vermittelt, 48 Prozent mehr als im Vorjahr.
  • Der Gesamtsaldo der ausstehenden Darlehen hat sich von 84 Milliarden Yuan im Q3 2020 auf jetzt über 133 Milliarden (YoY +58,4 Prozent) erhöht.
  • Mehr als 115 Finanzinstitute sind derzeit an die 360 DigiTech Plattform angeschlossen (108 waren es im zweiten Quartal 2021).
  • Die durchschnittliche Vertragslaufzeit lag im dritten Quartal bei 11,2 Monaten, im Quartal zuvor hatte sie noch bei 10,6 Monaten und im dritten Quartal 2020 bei 9,72 Monaten gelegen.

Schwerpunkt 1: Transformation zu capital-lite

Das Unternehmen befindet sich mitten in der Transformation von capital-heavy hin zu einem technologiegetriebenen capital-lite Plattform Modell. Zum Einsatz kommen hier eine ganze Reihe von Softwaremodulen, die mithilfe von KI, Big Data und Machine Learning beim Risikomanagement unterstützend mitwirken. Wie man unten im Schaubild gut erkennen kann, werden diese Tools mittlerweile auch in Stand-alone Finanzinstituten und Plattformbetreiber als SaaS-Lösung oder auch via API als sogenanntes „Embedded Finance“ angeboten. Das Hauptgeschäft findet aber weiterhin durch die Kreditvermittlung statt.

Capital-light Plattform Modell 360 DigiTech

Die jüngsten Zahlen geben einen guten Überblick, wie weit dieser Transformationsprozess bisher gediehen ist: von den 97 Milliarden Yuan an neuen Darlehen im dritten Quartal entfielen 55,4 Milliarden Yuan auf das capital-lite Modell. Das entspricht in etwa 56,8 Prozent vom Neuvolumen. Im Quartal zuvor lag der Wert bei 56,2 Prozent. Das klingt nicht nach viel Wachstum. Doch wenn man sich die absoluten Zahlen anschaut, wird einiges klarer. Im dritten Quartal 2020 waren über das capital-lite Modell 18,2 Milliarden Yuan an neuen Krediten eingespielt worden und in Quartal zwei 2021 dann bereits 49,6 Milliarden Yuan. Wir kommen also auch hier auf stolze Zuwachsraten von 205 Prozent (YoY) und 11,8 Prozent (QoQ). In der nachfolgenden Übersicht kann man gut sehen, wie der Anteil der Darlehen auf dem Balance Sheet immer mehr abgenommen hat. 360 DigiTech ist in der Tat viel „leichter“ geworden. Der Trend hat sich in den letzten beiden Quartalen aber leicht gedreht. Dazu wird unten gesondert im Kapitel zu „Cash, Kreditkosten und Qualität“ Stellung genommen.

Balance Chinesische Aktien

Eine Frage bleibt aber: warum das schwache relative Wachstum des capital-lite Segments?

 Hier wird es ein wenig technisch: denn nicht alles was als „off-balance sheet“ betrachtet wird, ist auch immer gleich capital-lite. In anderen Worten: Ein Großteil der „Off-balance sheet“ Darlehen gilt weiterhin als capital-heavy, weil das Unternehmen diese Darlehen mit eigenen Garantien besichert. Damit verdient 360 DigiTech gutes Geld – im dritten Quartal alleine waren das 1,44 Milliarden Yuan, pralle 55 Prozent vom Gesamtumsatz. Aber dieser Umsatz kostet auch Geld, da entsprechende Provisionen zurückgestellt werden müssen und diese tauchen dann halt wieder auf dem Balance Sheet auf, was wiederum zur Kategorisierung als „capital-heavy“ führt. Dieses Segment hält sich im Umsatzmix weiterhin stark, wie untige Tabelle deutlich zeigt.

capital-Ligth

Als Konsequenz bleibt dann auch festzuhalten, dass das capital-heavy Segment auf der Umsatzseite immer noch deutlich den grösseren Beitrag leistet.

capital-heavy

Das liegt daran, dass die Take-Rate bei capital-lite angesichts des kleineren Ausfallrisikos natürlich wesentlich geringer ausfällt: 

  • bei cap-lite lag diese im dritten Quartal bei 3,6 Prozent
  • bei cap-heavy/Garantie im dritten Quartal bei 15,8 Prozent
  • bei cap-heavy/On-Balance-Sheet im dritten Quartal bei: 21,4 Prozent

Dennoch: die Umstellung auf capital-lite trägt bereits jetzt Früchte. CEO Wu Haisheng im dritten Quartal Earnings Call:

„Mit starken Betriebsergebnissen und einem erhöhten Beitrag des capital-lite Modells sank unsere Leverage Ratio (risikotragender Kreditsaldo dividiert durch das Eigenkapital) im dritten Quartal weiter auf das 4,3-fache gegenüber dem 4,8-fachen im zweiten Quartal und dem 7,4-fachen im Vorjahr. Wir erwarten einen weiteren Schuldenabbau in unserem Geschäft, angetrieben durch die weitere Bewegung in Richtung capital-lite und solider Betriebsergebnisse.“

Schwerpunkt 2: Das Geschäft mit den KKUs

Was sind denn eigentlich KKUs? Klein- und Kleinstunternehmen. In China gibt es dafür auch einen eigenen Namen: 小微企业 xiǎo wēi qǐyè. Und man kann sagen: das neue KKU-Geschäft von 360 DigiTech macht sich. Ursprünglich kommt das Unternehmen aus dem Verbraucherkreditsegment, bemüht sich aber seit einiger Zeit auch in das Geschäftsfeld mit KKUs einzusteigen. KKU in China ohne Bankkredithistorie haben traditionell Schwierigkeiten, Kredite bei Finanzinstituten zu beantragen. Nach Covid-19 benötigten viele dieser Unternehmen Notkredite, um durch die schwierige Zeit zu kommen. Das war das Opening, auf das 360 DigiTech gewartet hatte, denn dies ist die Sandbox, in der der um einiges größere Gegenspieler Lufax (Ticker: LU) zu Hause ist. Lufax generiert mehr als 75 Prozent seiner Einnahmen bei KKUs und KMUs (Mittelständler). Der Markt ist angeblich 90 Billionen Yuan groß und die Nachfrage zu mehr als 50 Prozent nicht gedeckt.

Automatisierung und Ticketgröße ausschlaggebend

360 DigiTech konnte im dritten Quartal acht Milliarden Yuan an Darlehen an Klein- und Kleinstunternehmer vergeben. Dies stellt einen Anstieg von 12,7 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal dar. Im Vergleich zum Gesamtvolumen an neuen Krediten im dritten Quartal sind das zwar immer noch „nur“ 8,2 Prozent, aber das Management will dies bis Ende 2021 auf 10-15 Prozent anheben. Spätestens im März wissen wir mehr.

Bemerkenswert ist auch der Grad der Automatisierung bei KKU Darlehen: 30 Prozent der Darlehen werden innerhalb von zehn Minuten erteilt. Etwa 60 Prozent dieser Kreditnehmer haben ein registriertes Firmenkapital von weniger als fünf Millionen Yuan, und 70 Prozent von ihnen sind „erstmalige Kreditnehmer“. Den Mix bei den Darlehensnehmern um die KKUs zu erweitern, ist schon deswegen eine gute kommerzielle Ausrichtung, weil in China traditionell mehr verlässliche Daten (hier insbesondere auch Daten bezüglich Steuerzahlungen!!) über Firmen vorhanden und zugänglich sind als das traditionell bei Verbrauchern der Fall ist.

Daneben liegt die durchschnittliche Ticketgröße für KKU Darlehen bei 250.000 Yuan. Im Vergleich ist der durchschnittliche Verbraucherkredit mit 10.000 Yuan eher gering. Nach Aussagen des CEO Wu Haisheng hat 360 DigiTech in der Risikobewertung bei KKU Darlehen einen gewissen Vorteil, weil sie eine „duale Messung“ vornehmen: sowohl das Risiko beim Unternehmen als auch beim Inhaber persönlich.

Customer Lifetime Value und ROI wichtiger als Kosten für Neukundenakquise

Die Kosten für Neukundenakquisition (CAC) sind im dritten Quartal leicht gestiegen auf 305 Yuan pro Benutzer mit genehmigter Kreditlinie oder auch 5,5 Prozent vom Neuvolumen. Im Quartal zuvor lagen diese Kosten noch bei 250 Yuan. Dieser Anstieg hat aber ebenfalls mit dem neuen und hochwertigen KKU Kundensegment zu tun. Nimmt man die Akquisekosten für Unternehmenskunden aus der Betrachtung heraus, liegen die Kosten pro Nutzer im dritten Quartal nur noch bei 249 Yuan im Vergleich zu 225 Yuan im vorherigen Quartal. Aus Sicht des Managements sollte CAC aber nicht der entscheidende Kennwert sein, sondern vielmehr das Augenmerk auf LTV (Customer Lifetime Value) und ROI gelegt werden. Dies ist verständlich, denn die Quote der Kunden, die sich mehrmals Kredite geben lassen, liegt bei 360 DigiTech traditionell – und mit fast 90 Prozent im dritten Quartal – sehr hoch. Die CAC liegt bei dem auf KMU fokussierten Lufax mit 2,6 Prozent vom Neuvolumen deswegen auch deutlich niedriger.

Schwerpunkt 3: Cash, Kreditkosten und Qualität

Wie eingangs bereits kurz erwähnt, ist 360 DigiTech eine echte Cash Cow. Im dritten Quartal hat das Unternehmen über 1,78 Milliarden Yuan an Cash generiert. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 1,42 Milliarden Yuan. Dennoch haben sich die Barreserven (Cash and Cash Equivalents) im Vergleich zum vorherigen Quartal bereits zum zweiten Mal in Folge vermindert – von 5,2 Milliarden Yuan auf 4,2 Milliarden Yuan. Laut Management war der Rückgang der Barmittel hauptsächlich auf den “proaktiveren” Einsatz von Barmitteln zur Unterstützung von ABS-Produkten (Asset-backed Securities) zurückzuführen.

ABS sind forderungsbesicherte Wertpapiere – im Grunde genommen gebündelte und nach der Bonität der zugrundeliegenden Kredite gewichtete Instrumente, die an Investoren weiterverkauft werden und infolgedessen auch das Balance Sheet von den verpackten Verbindlichkeit befreien. 360 DigiTech konnte diese ABS als alternativen Finanzierungsmechanismus nutzen und hat in diesem Geschäftsjahr damit bereits mehr als vier Milliarden Yuan an Cashflow generieren und das zu Kreditkosten von zwischen 5 bis 5,5 Prozent. Die gewöhnlichen Funding Costs liegen bei Banken in der Regel bei sieben Prozent. Diese Kostenvorteile erlauben es dem Management, noch günstigere Konditionen anzubieten, was wiederum auch dazu führt, dass eine noch attraktivere Klientel mit höherer Bonität angezogen werden kann. Für die bereits ohnehin starke Kundenbindung ist dies sicher auch von Relevanz. Bisher war 360 DigiTech, was den Kundenstamm angeht, eher im sub-prime Bereich unterwegs – auch wenn sie es lieber „near-prime“ nennen.

Bis auf eine Schwächeperiode während des Ausbruchs des Coronavirus im Frühjahr 2020, hat 360 DigiTech eine im Vergleich zu den anderen Mitbewerbern sehr geringe Kreditausfallquote vorzuweisen. Im dritten Quartal sank die für Kreditausfälle relevante 90-Tage-Ausfallquote auf 1,17 Prozent. Nur im zweiten Quartal 2020 war sie kurzzeitig auf 2,82 Prozent angestiegen.

Asset Quality Remains Stable

Asset Quality 360 DigiTech Aktie
D1 Delinquency & M1 Collection Rate

Schwerpunkt 4: KCB Bank

Wie unsere Leser vom vorherigen Newsletter Beitrag sicher noch in Erinnerung haben, hat sich 360 DigiTech im September 2020 mit 30 Prozent bei der in Tianjin angesiedelten Kincheng Bank 金城银行eingekauft und zum größten Anteilseigner gekürt. Der Spass hat damals stolze 1,3 Milliarden Yuan gekostet. Nun kann man zumindest schon mal berichten, dass 360 DigiTech seine eigenen Leute in der Top-Ebene als CEO und Aufsichtsratsvorsitzenden platziert hat. 

Die Frage ist nur: Was hat das jetzt alles eigentlich gebracht? 

Eine der ersten Maßnahmen war die Implementierung des hauseigenen SaaS Produkts bei der KCB, um einerseits beim Risikomanagement zu helfen und gleichzeitig Einnahmen über Subscription Fees zu generieren. Wenn man dem Management glauben darf, dann sind diese Maßnahmen aber auch als „Showcase“ gedacht, um andere Banken zu überzeugen. Dazu kommt, dass die KCB Zugang zum immer wichtiger werdende KKU Kundensegment verspricht. In vielerlei Hinsicht bietet diese enge Kooperation nach Aussagen vom Management auch Gelegenheit, die operative Effizienz in der Zusammenarbeit mit einem Finanzinstitut zu erhöhen, was wiederum beim Onboarding eines neuen Partners die Erfolgsaussichten erhöht. KCB ist seit dem Beginn der Beteiligung der  wichtigste Partner für das zukunftsweisende capital-lite Model geworden:

KCB 360 DigiTech Aktie

Risiken – Regulierung

Hinsichtlich der Risiken, mit denen die 360 DigiTech Aktie behaftet ist, gibt es insbesondere in Sachen Regulierung einiges zu sagen. Für die meisten Kommentatoren liegt hier der Grund, warum 360 DigiTech & Co so günstig bewertet sind.

Datensicherheit und Kreditauskunft

Nachdem die App 360 IOU 借条 im August 2021 nach kurzzeitigem Verschwinden wieder ihren Weg zurück in den App Store gefunden hat, sind vorerst einmal die Bedenken bezüglich der Datensicherheit aus dem Weg geräumt. Es bleibt zu hoffen, dass aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt wurde und allen Beteiligten ein neuerliches Rendezvous mit der Cyberspace Administration in Sachen Missbrauch von Kundendaten erspart bleibt.

Der nächste Aspekt betrifft die Frage der Zusammenarbeit mit einer Credit Scoring Agency (Kreditauskunftei). Die PBOC und die CBIRC haben sich bisher noch nicht zu den genauen Modalitäten eines solchen Kooperationsprozesses geäußert. Im Augenblick werden von den Marktteilnehmern gemeinsam mit dem Regulierer drei verschiedene Kooperationsmodelle diskutiert, wobei an zentraler Stelle die Frage diskutiert wird, wo letztlich die Arbeit der Risikomodellierung auf der Basis der gelieferten Kundendaten vonstatten gehen soll:

  1. ausschließlich bei Kreditauskunfteien, oder

  2. separate Modelle sowohl bei Kreditauskunfteien als auch bei den Kreditvermittlern, oder

  3. separate Modelle bei Kreditauskunfteien und Finanzunternehmen, die aber von Kreditvermittlern aufgebaut und gepflegt werden.

Von den meisten Beobachtern wird derzeit davon ausgegangen, dass sich das zweite Modell durchsetzen wird. Das Management von 360 DigiTech glaubt, dass sich die technische Umsetzung im Hause der von staatlichen Anteilseignern dominierten Kreditauskunfteien – Baihang, Pudao und Qiantang – wohl eher schwierig gestalten dürfte. Der Regulierer hat bereits signalisiert, dass hier eine Übergangsfrist bis 2023 eingerichtet wird. Das Management von 360 DigiTech wird alles unternehmen, um gemeinsam mit einem staatlichen Akteur eine eigene Kreditauskunftei ins Leben zu rufen. Die Erfolgsaussichten halten wir aber für gering. Hier hilft die Eigentümerrolle bei der KCB auch nicht weiter. Es wird erwartet, dass die PBOC sich im ersten Quartal 2022 zu dieser Frage mit konkreten operativen Anweisungen äußern wird. Mit der dadurch gewonnenen Klarheit wird ein endgültiger Befreiungsschlag für diese Branche prophezeit.

Einhaltung der Zinsobergrenze

Der dritte offene Punkt in regulatorischer Hinsicht betrifft die im letzten Jahr bereits beschlossene Zinsobergrenze von 24 Prozent. Bis zum Juni 2022 müssen alle neu vergebenen Kredite diese Höchstgrenze beachten. 360 DigiTech hat bereits mit der Umsetzung begonnen und ist auf dem besten Wege, dieses Ziel bis Juni einhalten zu können. Bereits im Oktober waren 60 Prozent aller neu vergebenen Kredite mit einem effektiven Jahreszins von weniger als 24 Prozent versehen. Für das dritte Quartal lag der durchschnittliche Zinssatz bei 26,1 Prozent. Dass diese Höchstgrenze noch einmal nach unten angepasst wird, ist nach Aussage aller Marktteilnehmer sehr unwahrscheinlich. Natürlich hat dies einen Effekt auf die zuvor bereits angesprochene Take-Rate. Hier der CFO Alex Xu im O-Ton:

“Wenn Sie sich erinnern, haben wir im Rahmen des 24%-Szenarios eine Art Stresstest unternommen. Grundsätzlich sehen wir immer noch einen Rückgang von ein Prozent. Wenn alles gesagt und getan ist, und das gesamte Portfolio unter 24 % gefallen ist, wird die durchschnittliche Preisgestaltung wahrscheinlich bei etwa 22,5 % liegen und die Netto Take Rate wird von etwa vier % auf etwa drei % fallen. Das ist vorerst noch der Ausblick.”

Bewertung und Fazit zur 360 DigiTech Aktie

Wie bereits zu Beginn dieses Beitrags festgestellt, sind die chinesischen FinTech Unternehmen im Segment der Online Kreditvermittlung seit geraumer Zeit sehr günstig bewertet. Die 360 DigiTech Aktie kostet derzeit 19,35 Dollar und liegt damit 56 Prozent unter dem Höchstwert vom Juni 2021. Ein KGV von 3,6 und ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von knapp 1,2 bei einem stark wachsenden und hoch profitablen Unternehmen findet man selten, noch seltener mit einer Dividendenrendite von 5,5 Prozent. Die anderen Mitbewerber wie Lexin, Finvolution und Lufax sind ähnlich deutlich unterbewertet. Wir haben aber auch gesehen, dass die regulatorischen Unsicherheiten in China wahrlich keine Kleinigkeiten sind.

Dennoch darf man davon ausgehen, dass ein Großteil der auf regulatorischer Ebene bestehenden systemischen Unwägbarkeiten mittlerweile zum größten Teil eingepreist ist. Ein Fiasko und Totalausfall vergleichbar mit dem After-School-Tutoring Business ist nicht zu erwarten. Die politische Intention bei der Regulierung ist es, Missbrauch und Misinformation bei der Kreditvergabe an Verbraucher und Kleinunternehmer auszumerzen. Aber die effiziente, datengetriebene und auf die Bedürfnisse dieser Segmente der Volkswirtschaft zugeschnittene Kreditversorgung zu unterbrechen und abzuschneiden, ist nicht im Sinne der Kommunistischen Partei China und seiner Regierung. Wir erwarten mit Spannung den Finanzbericht zum vierten Quartal und verfolgen weiter mit großem Interesse die Entwicklungen und hoffentlich bald präzisen Anforderungen zur Kooperation mit den staatlichen Kreditauskunfteien.

Disclaimer

Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

Mirko Wormuth

Mirko Wormuth

Mirko war 23 Jahre lang in China als Anwalt und Unternehmer tätig. Zuletzt war er Global Head of HR für das chinesische EV Startup BYTON in Nanjing. Davor lagen seine unternehmerischen Tätigkeiten im Bereich des chinesischen E-Commerce und Einzelhandels. Seit 2020 managt Mirko den auf die chinesische Digitalisierung spezialisierten “China Digital Leaders” Fonds.

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Eine Antwort

  1. Am Anfang des Artikels wird ein KGV von 4,2 genannt und zum Schluss eines von 3,6.
    Die Aktie ist zwar sehr volatil aber ich denke nicht, dass sich der Kurs in der Zwischenzeit so stark verändert hat. 😉

    Ansonsten vielen Dank für diesen sehr ausführlichen Artikel.

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