Agora Aktie: Ein ernsthafter Rivale für Zoom?

8. Oktober 2020

Agora Aktie - Bild von Videokonferenz mit vielen Personen auf dem Bildschirm

Heute darf ich nach längerer Zeit mit der Agora Aktie wieder von einer Neuaufnahme ins Portfolio von The Digital Leaders Fund berichten. Eigentlich halten wir uns bei IPOs von hoch bewerteten Technologie-Aktien mindestens 6 Monate zurück und warten zunächst mal das Auslaufen der LockUp-Frist der Altaktionäre ab.

Aber keine Regel ohne Ausnahme: Im Falle von Agora Inc. haben wir kürzlich eine Einstiegsposition erworben, obwohl das Unternehmen erst im Juni 2020 seine Erstnotierung hatte. Der IPO spülte $350 Millionen in die Kasse des Unternehmens. Der Preis der Agora Aktie schoss am ersten Tag um 133 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis von 20$ in die Höhe. Seitdem konsolidiert die Aktie auf hohem Niveau. Bei gerade mal knapp $100 Millionen Umsatz (in den letzten 12 Monaten) wird das Unternehmen mit über $3 Milliarden bewertet.

Graph zur Entwicklung der Agora Aktie seit IPO
Entwicklung der Agora Aktie seit IPO. Quelle: aktien.guide

Warum Agora für uns so spannend ist?

Agoras Gründer und CEO Tony Zhao ist ein alter Weggefährte von Eric Yuan, dem Gründer und CEO von Zoom. Beide waren in frühen Jahren in der Softwareentwicklung bei WebEx beschäftigt und nutzen ihre jahrzehntelange Erfahrung nun, um ihren alten Arbeitgeber zu disrupten. Denn WebEx ist mittlerweile ein in die Jahre gekommenes Videoconferencing-System und konnte sich seit der Übernahme durch Cisco 2006 kaum weiterentwickeln.

Ich selbst komme aus der Software-Entwicklung, und ich gebe gerne zu, dass ich eine Vorliebe für Software-Companies habe, die von Entwicklern für Entwickler gebaut werden. Twilio ist so ein Beispiel, MongoDB ein anderes und auch Elastic gehört in diese Kategorie. All diese Firmen sind in kurzer Zeit sehr erfolgreich geworden, weil sie Heerscharen von Entwicklern rund um den Globus davon überzeugen konnten, dass sie mit den jeweiligen Schnittstellen (API = Application Programming Interface) bessere Softwarelösungen so effizient wie nie zuvor bauen können.

Agora Inc. ist ein weiteres Musterbeispiel einer solchen API-zentrischen Plattform-Company. Das wird besonders deutlich am genial gewählten Ticker-Symbol API. Konkret bietet Agora seinen Kunden Schnittstellen an, um Real-Time Kommunikationslösungen zu bauen, d.h. Video-Calls ähnlich wie bei Zoom in Applikationen zu integrieren. Oder Voice-Calls als Alternative zu Twilio.

Von Entwicklern für Entwickler

Das Leistungsversprechen von Agora an die Entwicklergemeinde ist, dass man mit nur wenigen Zeilen Code und ohne Expertenwissen interaktive Kommunikations-Funktionalitäten in eine Softwarelösung einbauen kann.

Grafik zeigt Leistungsversprechen von Agora an die Software-Entwickler
Das Leistungsversprechen von Agora an die Software-Entwickler.

Dieses Angebot kommt an, das Feedback aus der Entwicklergemeinde bezüglich der Leistungsfähigkeit der Agora APIs ist hervorragend. Kunden bauen mittlerweile tausende von Applikationen in den unterschiedlichsten Bereichen wie Social Media, Gaming, e-Learning, e-Health oder e-Commerce-Services mit den Agora Komponenten.

Die Anzahl der bei Agora registrierten Entwickler ist von Dezember 2019 bis Juni 2020, also in nur 6 Monaten, um 75 Prozent auf 217.000 angestiegen. Ende Juni zählte Agora knapp 1.500 zahlende Kunden, das waren 85 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Agora-Funktionalitäten sind eigenen Angaben zufolge im Q1 2020 bereits auf der unvorstellbaren Anzahl von 1,7 Milliarden Endgeräten zur Kommunikation genutzt worden. Dabei wurden die Agora APIs im April mehr als 40 Milliarden Minuten zur Kommunikation genutzt.

Entwicklung der Nutzerzahlen und Kundenbasis bei Agora steigend - Statistik

Diese Zahlen deuten allesamt auf eine große Akzeptanz in der Entwicklergemeinde hin und könnten Agora ein explosives Umsatzwachstum bescheren. Und tatsächlich stieg der Umsatz im Q2 (auf noch niedrigem Niveau) um 128 Prozent auf knapp $34 Millionen. Die Net Expansion Rate betrug für die vergangenen 12 Monate phantastische 183 Prozent.

Die Vorteile des Freemium-Geschäftsmodells

Das von Agora praktizierte Freemium-Geschäftsmodell (die ersten 10.000 Minuten Streaming pro Monat sind kostenlos) ermöglicht es Entwicklern, ein Projekt auch ohne Budget zu starten. In der Praxis werden dann schnelle Prototypen realisiert, die Entscheidungsträger begeistern und so – bottom up – für neue zahlende Kunden sorgen.

Aus dieser Go-To-Market-Strategie resultiert eine sehr effiziente Vertriebsorganisation. Im Q2 hat Agora nur 27 Prozent des Umsatzes für Vertrieb und Marketing (S&M) sowie für allgemeine Verwaltung (G&A) ausgegeben. Das ist für ein  Enterprise-Software-Unternehmen unglaublich wenig.

Im Gegensatz zu den allermeisten kürzlich an die Börse gekommenen Softwarefirmen ist Agora nicht nur cashflow-positiv, sondern generierte im Q2 bereits nach GAAP einen kleinen Nettogewinn von $3 Millionen.

Der Free Cashflow betrug im Q2 $3,6 Millionen. Somit konnte das Unternehmen den Umsatz zuletzt 3-stellig steigern und gleichzeitig 10 Prozent Free Cashflow-Marge erwirtschaften. Der Rule-of-40-Score von mehr als 100 Prozent ist beeindruckend.

Agora Aktie – Besondere Risiken

Die Kostenstruktur von Agora ist auch deshalb so günstig, weil ein Großteil der Agora Mitarbeiter nicht gemeinsam mit Tony Zhao und dem Management-Team im Silicon Valley sitzt, sondern in China zuhause ist. Es handelt sich hier um ein chinesisches Unternehmen mit Headquarter in Shanghai – auch wenn man in der Außendarstellung gerne den US-Standort in Santa Clara (Silicon Valley) herausstellt und von einem Dual-Headquarter spricht.

An der NASDAQ notiert sind jedoch wie bei ausländischen Firmen in USA üblich ADS (American Depositary Shares) und nicht direkt die Agora Aktie.

Durch diese enge Verbindung zu China könnte Agora durchaus in den Handelskonflikt zwischen USA und China hineingezogen werden. Derzeit sind die größten Kunden von Agora chinesische Unternehmen. Der aktuelle Umsatz wäre somit bei einem US-Bann nicht gefährdet. Aber Agora will und muss insbesondere in USA wachsen, um die hohe Bewertung des Unternehmens zu rechtfertigen.

Sollte die US-Administration auf die Idee kommen, dass Agora ähnlich wie TikTok eine Bedrohung der nationalen Sicherheit darstellt, so könnte das sehr nachteilige Konsequenzen für die Expansion außerhalb Chinas haben. Wie real diese Gefahr ist, das ist aktuell schwer zu beurteilen. Aber es handelt sich bei Agora im Kern immerhin um Kommunikations-Daten sowohl aus dem privaten als auch geschäftlichen Umfeld.

Diese politischen Unsicherheiten könnten auch verhindern, dass Agora allzu schnell zum Übernahmeziel z.B. seitens Zoom wird. Unabhängig von den politischen Risiken sehen wir Agora mittelfristig tatsächlich als mögliche Bedrohung der Vormachtstellung von Zoom. Die beiden ehemaligen Arbeitskollegen Eric Yuan und Tony Zhao dürften durchaus Gesprächsbedarf haben.

Denn mit der Hilfe von Agora werden derzeit rund um den Globus eine unüberschaubare Vielzahl von Applikationen gebaut, die maßgeschneiderte Branchenlösungen versprechen für all die Anwendungen, bei denen heute mangels besserer Alternativen Zoom als Universalprodukt eingesetzt wird. Und wäre es nicht für uns Anwender sehr wünschenswert, wenn man sofort aus der jeweiligen Anwendung heraus Gesprächspartner online treffen könnte, anstatt den Umweg über eine Zoom-Session gehen zu müssen?

Bewertung der Agora Aktie und Fazit

Nach dem Hype zum IPO ist es in den letzten Wochen sehr ruhig geworden um die Agora Aktie. Das ist gut. Leider ist die Bewertung trotz der Konsolidierung hoch. Sehr hoch sogar. Das Unternehmen wird bei einem Kurs von 42,50$ mit einem Enterprise Value von $3,6 Milliarden bewertet. Das entspricht dem 28-fachen des für 2020 erwarteten Umsatzes.

Ein Investment in die Agora Aktie bedeutet eine Wette darauf, dass es dem Unternehmen gelingt, seine API gegen den Wettbewerb von Zoom, Twilio u.a. erfolgreich am Markt zu etablieren. Es gibt da durchaus etliche Wettbewerber und API-Alternativen. Derzeit sieht es ganz danach aus, als könne Agora die Developer-Comunity für sich gewinnen. Aber man muss als Investor die weitere Entwicklung hier ganz genau im Auge behalten.

Wir sind für das Portfolio von The Digital Leaders Fund nun mit einer kleinen Einstiegsposition bei Agora investiert und werden die weitere Entwicklung auf diesem boomenden Markt genau beobachten. Wenn Du das Unternehmen gemeinsam mit uns verfolgen und nichts verpassen willst, dann kannst Du jetzt hier unseren kostenlosen Newsletter bestellen.

Disclaimer
The Digital Leaders Fund und/oder der Autor und/oder verbundene Personen oder Unternehmen besitzen Anteile von Agora. Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

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Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser war in seinem gesamten Berufsleben in der High-Tech-Industrie tätig. Er hat sein eigenes Software-Unternehmen gegründet, internationalisiert und vor einigen Jahren ins Silicon Valley verkauft. Der Wirtschaftsmathematiker investiert seit 30 Jahren erfolgreich in Aktien und ist Co-Founder des Digital Leaders Fund.

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3 Antworten

  1. Hi Stefan,

    ich wollte dich kurz fragen, wie du Agora nach den Quartalszahlen beurteilst. Ich finde das deutlich nachlassende Wachstum und die Margenentwicklung in Verbindung mit der immer noch extrem hohen Bewertung der Aktie etwas bedenklich und kann die derzeitige Bewertung nur schwer nachvollziehen, auch wenn die Firma an sich natürlich sehr spannend ist. Vorhersagen zu Usage-based-Preismodellen sind ja immer nicht ganz einfach, aber ich fürchte, dass sich dieses Modell die nächsten Quartale über weiterhin nicht gerade vorteilhaft für Agora entwickeln könnte. Da ich gesehen habe, dass sich Agora weiterhin in eurem Portfolio befindet, wollte ich dich fragen, wie du die Zahlen siehst und ob ihr an eurer kleinen Agora-Position weiterhin festhalten werdet.

    Viele Grüße und ein schönes Wochenende

    Martin

      1. Meine Frage hatte sich zeitlich mit deinem Blogbeitrag überschnitten, sorry! Deine Gedanken zu Agora sind auch meine Gedanken – leider … 😉

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