Amazon-MGM und Warner-Discovery: Harte Bandagen im Kampf um Streaming Markt zu erwarten

21. Mai 2021

Amazon MGM Warner Discovery Aktie

Die an Giganten nicht gerade arme Entertainment Branche konsolidiert sich weiter. Zwei Deals haben die Schlagzeilen in dieser Woche bestimmt. Zum einen wird der Telekom-Gigant AT&T nach nur drei Jahren seinen Ausflug ins Filmgeschäft beenden und sich von WarnerMedia trennen. Aus WarnerMedia und Discovery wird ein zusammengeführtes Unternehmen hervorgehen. Zum anderen steht eine Übernahme von Amazon von MGM Filmstudios an.

Fusion von WarnerMedia und Discovery

AT&T Chef John Stankey benötigte wohl nicht viel Bedenkzeit, um dem Angebot von Discovery-CEO David Zaslav einer Fusion von Warner und Discovery zuzustimmen. AT&T erhält 43 Milliarden Dollar (in Anleihen und Cash) und 71 Prozent der neuen Gesellschaft. Discovery wird die restlichen Anteile halten. Das neue Unternehmen soll von Zaslav geführt werden.

Das aus WarnerMedia und Discovery zusammengeführte Unternehmen ist mit einem Jahresumsatz von über 41 Milliarden Dollar und einem Portfolio an Marken wie HBO, TNT, CNN, Discovery und HGTV eine ernstzunehmende Konkurrenz zu Disney – zumal Warner-Discovery über eine gigantische Content Library verfügen wird, die es in sich hat: Zum Warner-Portfolio gehören Blockbuster wie Harry Potter, Batman und das stilprägende Serienepos Games of Thrones.

Amazon vor Übernahme von MGM Filmstudios

Der zweite Deal steht noch nicht fest, scheint aber laut Medienberichten weit fortgeschritten zu sein. Wie unter anderem die New York Times und die Financial Times berichteten, will Amazon das Filmstudio MGM übernehmen. Die Akquisition soll sich Amazon neun Milliarden Dollar kosten lassen. MGM (das Studio mit dem brüllenden Löwen) ist eines der letzten großen unabhängigen Filmstudios. Auch im MGM-Portfolio finden sich etliche Klassiker, unter anderem Ben Hur, Doktor Schiwago, Rocky und James Bond.

Der Übernahmepreis von neun Milliarden Dollar entspricht nach Berechnungen von Capital IQ dem 31-fachen MGM EBITDA. Das ist zwar ein stolzer Preis, zumal Amazon vorerst nur 50 Prozent der Anteile an der James Bond Saga halten wird (Barbara Broccoli, die Tochter des 1996  verstorbenen James-Bond-Produzenten Albert R. Broccoli, hält die andere Hälfte der Bond-Marke), aber die Taschen von Amazon sind mit einem freien Cashflow von 31 Milliarden Dollar tief genug, um die zweitgrößte Übernahme seit dem Kauf von Whole Foods locker stemmen zu können.

Ende der Medienträume

Mit dem AT&T-Discovery Deal zeichnet sich ab, dass der Trend zu integrierten Telekom-Medienkonzernen seinem Ende entgegen geht. Denn auf beiden Branchen lastet erheblicher Investitions- und Konsolidierungsdruck.

Stichwort Telekoms: Die Bestrebungen, Netze und Inhalte unter einem Dach zusammenzubringen waren – neutral formuliert – teuer. Vor drei Jahren hatte AT&T Warner für 81 Milliarden Dollar übernommen.

Heute ist AT&T mit knapp 170 Milliarden Dollar verschuldet; eine große Bürde. Der Kurs von AT&T in den vergangenen Jahren reflektiert die skeptische Haltung vieler Investoren über die Tragfähigkeit dieser Schuldenlast – die zwar jetzt teilweise abgebaut wird, aber auf dem Hintergrund der Risiken steigender Zinsen nach wie vor erheblich ist.

Nicht neutral formuliert könnte man von den Folgen einer Übernahme-Hybris sprechen. Jetzt stehen im AT&T Kerngeschäft erhebliche Investitionen im Zuge des Infrastrukturprogramms der Biden Administration an. Das erfordert eine Rückkehr zu den Ursprüngen.

Aktienpreis AT&T, Netflix, Disney Chart
Aktienpreis AT&T, Netflix, Disney 2016-heute Chart

Dass der Aufbau des 5G-Netzes in den USA sehr viel Geld verschlingen wird, ist klar. Inwiefern sich diese Investitionsoffensive amortisieren wird, steht indes in den Sternen. In diesem Kontext ist auch der Verkauf von Verizon Media (Yahoo, AOL) an Apollo Global Management zu sehen, der Anfang Mai bekannt wurde. Auch Verizon braucht dringend Geld, um die anstehenden Investitionen in die mobilen Netze zu stemmen. Der Verkauf wird fünf Milliarden Dollar in die Kassen spülen – die Akquisition der beiden Dienste hatte freilich 2015 und 2017 zusammen knapp neun Milliarden gekostet.

Big is beautiful

Heute findet das Epos mit dem Titel „Big is definitely beautiful“ seine Fortsetzung. In den vergangenen Jahren gab es bereits mehrere Mega Deals: Disneys Teil-Übernahme von 21st Century Fox und die Übernahme von TimeWarner durch AT&T. Die traditionellen Filmstudios sind nunmehr, mit Ausnahme des kanadischen Lionsgate, unter dem Dach von großen Telekom-Medien-Konzernen: Disney-20. Century, Paramount-ViacomCBS und Universal-Comcast. Die Filmstudios haben einen immensen Fundus an Content, und angesichts des Streaming-Booms ist Content King.

Zwar gehört dem Streaming-Geschäft die Zukunft, doch die Konkurrenz ist groß. Die Stagnation der Streaming- Abos in den USA zeigt, dass jetzt der Kampf um den Kunden das rasante Wachstum abgelöst hat. Das Publikum will bzw. muss laufend mit attraktivem Content bedient werden, um es bei der Stange zu halten.

Insofern kann der Rückzug von AT&T gleich als zweifacher Verzweiflungsakt gewertet werden: als Rückzug auf das Kerngeschäft zum einen und als Kapitulation vor den Erfordernissen des Streaming-Geschäfts. Ungeachtet der hohen Investitionen in die HBO Max Streaming-Plattform, verliert AT&T laufend Abonnenten an die günstigeren Anbieter Disney+ und Netflix. Und das bei einer deutlich niedrigeren Subskriptions-Basis. Den 64 Millionen Warner Abos stehen den mehr als 100 Millionen bei Disney+ und 208 Millionen bei Netflix gegenüber. Um Schritt zu halten, wären also auch hier gesteigerte Anstrengungen nötig.

Discovery – Disney – Netflix: Wer macht das Rennen?

Walt Disney

Walt Disney zählt mit einem Anteil von 3,5 Prozent zu den Top zehn Positionen im Portfolio des The Digital Leaders Fund, und wir fühlen uns unverändert wohl damit. Durch die Schließung der Themenparks, dem Stopp des Disney Cruise Lines Geschäft und der Schließung der Disney Shops wurde Disney von der Corona-Krise hart getroffen. Dagegen konnte Netflix in der Stay-at-Home Zeit massiv vom gestiegenen Bedarf nach Streaming Angeboten profitieren. Doch die Zeiten haben sich geändert: Die Wirtschaft in den USA ist wieder open for business.

Netflix und Disney

Mitte April 2020 zog Netflix nach Marktkapitalisierung wieder an Disney vorbei. Doch der Wind hat gedreht. Mit Kostendisziplin, einem Bekenntnis zum DTC-first-Geschäftsmodell und mit einem sagenhaften Erfolg des Streaming Dienstes Disney+. Der Kurs der Disney Aktie notiert bei 170 Dollar. Mit einer Marktkapitalisierung von 307 Milliarden Dollar liegt der Wert von Disney deutlich über dem von Netflix (Marktkapitalisierung: 216 Milliarden Dollar). Im Streaming Geschäft hat Disney ambitionierte Ziele. Bis Ende 2024 sollen 350 Millionen zahlende Kunden weltweit gewonnen werden.

Diese Ambitionen haben kürzlich zwar einen Dämpfer bekommen. Im ersten Quartal (dem zweiten Unternehmensquartal) meldete Disney für Disney+ ein Plus von nur acht Millionen Abonnenten nach 21 Millionen neuen Abonnenten im Vorquartal. Ob das Ausrutscher war, muss sich zeigen. Netflix kommt indes per Ende des ersten Quartals auf 209 Millionen zahlende Subscriber. Mit den 104 Millionen Disney+ Kunden liegt Disney noch weit dahinter. Allerdings schwächelt auch das Wachstum bei Netflix aktuell erheblich, und auch die Guidance lässt auf weniger Wachstum schließen. Da das Unternehmen nicht auf Werbung setzt, gibt es nur zwei Umsatzhebel: Die Zahl der Abonnenten und den Preis, den sie für ihr Abo zahlen. Vor dem Hintergrund erscheint uns die Aktie aktuell nicht attraktiv genug bewertet zu sein.

EV Sales AT&T, Disney, Netflix Chart
EV/Sales AT&T, Disney, Netflix Chart

Netflix ist deutlich hochpreisiger und kommt auf 7,2 Milliarden Dollar Umsatz im abgelaufenen Quartal, während Disney „nur“ 2 Milliarden Dollar Umsatz mit Disney+ erwirtschaftete. Das ist m.E. bemerkenswert hoch, denn Netflix hat viele Jahre Preiserhöhungen hinter sich, während der Disney+ Umsatz noch die Kampfpreise reflektiert, mit denen der Konzern in den Streaming Markt gestartet ist.

Warner-Discovery

Bleibt Warner-Discovery. Zwar stehen auf der Habenseite die Fähigkeit von David Zaslav, jetzt in einer neuen Gewichtsklasse im Kampf um Marktanteile zu agieren. Auch wird Warner von den Unzulänglichkeiten der Streaming Strategie des Telekomkonzerns AT&T befreit und eine konzentrierte Strategie fahren können. HBO und HBO Max kommen aktuell auf 64 Millionen zahlende Abonnenten, Discovery auf 17 Millionen. Zusammen sind das stolze 81 Millionen zahlende Kunden.

Zugleich startet Warner-Discovery jedoch mit einer erheblichen Bürde von 56 Milliarden Dollar an Schulden ins Geschäftsleben. Das ist Faktor 4,6 des gemeinsamen EBITDA. Das Unternehmen muss jetzt die Integration der unterschiedlichen Einheiten meistern, dabei die Schulden sukzessive abtragen und weiter massiv in Filmproduktion und Expansion der Streamingdienste investieren. Wir werden diese Entwicklung mit großem Interesse von der Seitenlinie aus verfolgen.

Disclaimer

The Digital Leaders Fund und/oder der Autor und/oder verbundene Personen oder Unternehmen besitzen Anteile von Amazon und Walt Disney. Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

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Baki Irmak

Baki Irmak

Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien für BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanger bei der Commerzbank und ABN Amro.

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