Baidu-Aktie: Schwierige Metamorphose zur AI-Plattform

23. Mai 2024

Baidu-Aktie

Baidu hat wieder ordentliche Zahlen geliefert und wieder haben Anleger die Baidu-Aktie abgestraft. Warum der Kursabschlag die Realität des chinesischen Markts widerspiegelt und der AI-Wachstumsfantasie doch nicht gerechnet wird – und warum Anleger einen wichtigen Faktor nicht ignorieren sollten. 

Wie viel können Anleger von einem von der KPC beeinflussten Riesen erwarten, der nicht nur in einem engen regulatorischen Korsett operiert, sondern seine Brötchen zudem in einer stagnierenden Wirtschaft verdienen muss? Die Antwort auf die Frage lautet: offenbar sehr viel. Denn Baidu hat relativ robuste Zahlen geliefert. Der Umsatz lag leicht, der Nettogewinn sogar deutlich über den Erwartungen der Analysten. Das haben die Märkte allerdings mit Verkäufen der Baidu-Aktie quittiert. Damit wiederholte sich das Playbook des Vorquartals, als Baidu alles richtig gemacht hat, aber die Aktie auf Talfahrt geschickt wurde. Schauen wir uns die Zahlen also genauer an.

Baidu-Aktie Kursverlauf

Baidu-Aktie Kursverlauf; 23. Mai 2023 – 22. Mai 2024 in US Dollar

Baidu-Aktie: Zahlen zum ersten Quartal 2024

Der Umsatz legte im ersten Quartal um 1 Prozent auf 31,5 Milliarden RMB (4,37 Milliarden Dollar) zu. Laut Bloomberg-Schätzungen gingen die Analysten von etwas weniger – 31,43 Milliarden RMB – aus. Im Vorquartal hatte Baidu die Erwartungen leicht verfehlt. Das operative Ergebnis konnte dagegen deutlich um zehn Prozent auf 5,5 Milliarden RMB zulegen (non-GAAP: plus vier Prozent). Das EBITDA lag bei 8,24 Milliarden RMB, ein Plus von nur einem Prozent, aber neun Prozent über den Erwartungen. Der Nettogewinn sank indes um sechs Prozent auf 5,4 Milliarden RMB, was aber um 37 Prozent über den Konsensschätzungen lag. (Alle Vergleichsangaben, soweit nicht anders erwähnt, im Vorjahresvergleich.

Positiv

Die einfachste Art, eine Brücke zu schlagen zwischen Erwartungen, Ergebnissen, dem anämischen Wachstum und der Reaktionen der Anleger, ist, CFO Rong Luo sprechen zu lassen:

“We have established a track record of consistently improving operational efficiency. In the coming quarters, we will execute on what is needed to optimize our operational efficiency in support of our AI enabled businesses and high-quality growth, and maintain a healthy non-GAAP operating margin,”

Baidu legt den Fokus einerseits auf Effizienz (lies: Sparen). R&D-Kosten sanken um ein Prozent auf 5,4 Milliarden RMB, was vor allem am Personalabbau lag. Diese Effizienz kombiniert Baidu mit gezieltem Wachstum im Bereich AI, für den der Chat-Bot Ernie steht, der aber weitaus tiefer verankert ist im Ökosystem der chinesischen Unternehmen. Der Umsatz von AI-Cloud, der zu Baidu Core zählt, wuchs um 12 Prozent und erwirtschaftet operativ laut Baidu bereits Gewinne.

Hinter Ernie steht eine Familie von Chatbots. Im ersten Quartal wurden einige günstige „light“ Modelle lanciert, zugleich wurde aber die Enterprise-Plattform MaaS weiterentwickelt, die die Schaffung von maßgeschneiderten Large-Language-Modellen erlaubt. Baidu CEO Robin Li nannte im Earnings-Call eine neue Partnerschaft mit Smartphone-Anbieter Samsung China. PC-Hersteller Lenovo wird Li zufolge Ernie in seinem Default-Browser einsetzen. Auch Trip-com und Singapur Tourism Board seien als Ernie-Kunden gewonnen worden. Li weiter: “Our goal is to build our proprietary AI-native applications, potentially killer apps for the Ernie ecosystem. By doing so, we should be able to generate new growth opportunities.”

Hinzu kommt, dass man – nicht selbstverständlich für chinesische Unternehmen – Anleger nicht vergessen hat. In das Buyback-Programm flossen im ersten Quartal 229 Millionen Dollar.

Negativ

Baidu Core, für 70 Prozent der Baidu-Umsätze verantwortlich, hängt am Tropf des chinesischen Konsumenten, und dem geht es angesichts der stagnierenden Wirtschaft und dem miesen Konsum in China nicht gut. Online-Marketing Revenue stieg um drei Prozent auf 17 Milliarden RMB. Das ist wenig für einen Marktführer, der dabei ist, von seinem traditionellen Suchmaschinen-Geschäft auf AI-getriebene Geschäftsmodelle umzusteigen. Zumal der Marktanteil der Baidu-Suchmaschine in China von über 80 Prozent in der Spitze vor zwei Jahren auf unter 60 Prozent gefallen ist. Microsoft Bing dagegen kommt in China auf 22 Prozent des Suchvolumens, ausgehend von rund fünf Prozent Anfang 2022. Nicht hilfreich ist zudem, dass bei der Nutzung von LLMs ein Preiskampf zwischen Baidu, Alibaba, Bytedance & Co. losgetreten worden ist, der die Monetarisierung zunächst verzögert. 

Das in iQIYI konzentrierte Online-Entertainmentgeschäft schrumpft. Die Umsätze gingen um fünf Prozent auf 7,9 Milliarden RMB zurück. 

Das aufstrebende Geschäft Intelligent Driving (Apollo Go) kann zwar 826.000 Fahrten im ersten Quartal vorweisen, aber das ist gerade einmal ein Plus von 25 Prozent gegenüber Vorjahresniveau. Im Vorquartal hatte die YoY-Steigerung noch bei 50 Prozent gelegen.

Ausblick

Baidu gibt sich zurückhaltend in seinem Ausblick. Das Legacy-Ad-Geschäft sei „hochsensitiv“ für das Makroumfeld, so Robin Li im Earnings Call. Auch SMEs seien von der Wirtschaftsflaute betroffen. Im zweiten Quartal sei das Sentiment der Werbetreibenden nicht besser geworden und das Wachstum werde in den kommenden Quartalen schwach bleiben. Man setze auf das GenAI Cloud-Geschäft, in dem man immer mehr Umsatz und Gewinn erwarte. Zugleich bleibe der Fokus auf operativer Effizienz, und man werde sich von niedrigmargigem Geschäft trennen, so Co-CEO Rong Luo. Er machte im Call auch deutlich, dass die für 2024 erwarteten Capex-Einsparungen nicht ganz freiwillig erfolgten: Die Verfügbarkeit von Hochleistungs-Chips in China sei „begrenzt“, man habe genug Vorräte, um Ernie für „die nächsten ein oder zwei Jahre“ zu trainieren. Man mag hiervon beruhigt sein – oder auch nicht.

My Take zur Baidu-Aktie

Die Baidu-Aktie ist immer noch wie ein unerfülltes Versprechen. Der frühe Adopter von AI-Technologie macht Fortschritte beim Roll-out von Ernie und gibt sich zuversichtlich, mit dem Ernie-Ökosystem profitabel wachsen zu können. Anleger misstrauen diesem Versprechen, zumal die Makrolage in China, der US-Chips-Boykott und der Switch vom klassischen Online-Werbegeschäft hin zu einem „AI-First Business“ (Robin Li) mutmaßlich zu früh kommt. 

Dem steht die extrem günstige Bewertung entgegen – nach jedem Maßstab. Das PE liegt bei 9,7, das P/B-Verhältnis bei 0,96 und EV/Sales bei 1,33 (alles fwd Ratios für Q3 2024). Es gibt für Anleger keinen günstigeren Zugang zu AI-Hochtechnologie – China-Malus hin oder her.

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Autor

  • Baki Irmak

    Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien bei BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanager bei der Commerzbank und ABN Amro.

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Baki Irmak

Baki Irmak

Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien bei BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanager bei der Commerzbank und ABN Amro.

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