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Baidu – In 2021 zurück auf Wachstumskurs?

18. November 2020

Baidu Logo auf Firmengebäude aus Glas

Wir sind seit Anfang 2019 mit The Digital Leaders Fund in Baidu investiert. Seither ist der Baidu-Anteilschein einer der Underperformer in unserem Portfolio. Wir hatten in der Vergangenheit schon 4 mal hier im Blog über unser Baidu Investment berichtet, beim letzten Mal ging es um Baidu inmitten der Corona-Krise.

Der Kurs des Baidu Anteilscheins hat sich seit dem Corona Crash um über 70 Prozent erholt. Und es ist nun an der Zeit darüber nachzudenken, ob es sich hier nur um eine technische Erholung oder tatsächlich um die erhoffte Trendwende im Sinne unseres langfristig angelegten Investment Cases handelt.

Entwicklung der Baidu Aktie von Januar 2019 bis heute

Baidu Zahlen zum Q3 2020

Anfang dieser Woche berichtete Baidu die Q3-Zahlen 2020. Der Umsatz lag kaum verändert gegenüber dem Vorjahresquartal bei $4,2 Milliarden. Die Talsohle beim Umsatz scheint nun durchschritten zu sein, denn im ersten Halbjahr war noch ein deutlich rückläufiger Umsatz ausgewiesen worden. Bereinigt um die Umsätze aus der Streaming-Plattform iQIYI erzielte Baidu Core Umsätze von $3,1 Milliarden. Das ist ein Wachstum von 2 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und ein deutlicher Fortschritt, nachdem Baidu Core in den letzten beiden Quartalen noch um 13 Prozent bzw. 3 Prozent geschrumpft war.

Große Herausforderungen gibt es nach wie vor bei der Videostreaming-Tochter iQIYI (“Netflix von China”). Denn diese musste auch im Q3 zweistellige Einbußen bei den Werbeeinnahmen hinnehmen. Das führte insgesamt zu einem Umsatzrückgang von 3 Prozent. Und einem weiterhin deutlichen Cashabfluss i.H.v. ca. $300 Millionen, welcher die Baidu Bilanz belastet.

Baidu Core hingegen ist hochprofitabel: Die operative Marge betrug 40 Prozent (non-GAAP). Aufgrund von Zuschreibungen auf Beteiligungen sehen die Zahlen unter dem Strich sogar noch besser aus: so wurde nach GAAP über $2 Milliarden Nettogewinn für das Q3 ausgewiesen.

Für uns wichtiger ist der Free Cashflow, der betrug für Baidu Core im Q3 ca. $1,2 Milliarden und führte zu einem Cashbestand von $20,4 Milliarden am Ende von Q3. Dabei wurden Anteilscheine im Wert von circa $600 Millionen zurückgekauft und somit den Aktionären zurückgegeben.

Auch im Q4 soll sich der Aufwärtstrend laut Unternehmensangaben weiter fortsetzen: der aktuellen Guidance zufolge soll der Umsatz für Baidu Core im Q4 bis zu 10 Prozent wachsen gegenüber dem Vorjahresquartal. Es könnte also gut sein, dass Baidu in den kommenden Quartalen erstmals seit 2018 wieder über ein zweistelliges Wachstum berichten wird.

Das Baidu Mobile Ökosystem

Baidu verfügt mit seinen Apps aktuell über eine Nutzerbasis von 544 Millionen MAUs (monatlich aktive User) bzw. 206 Millionen DAUs (täglich aktive User).

Das Kerngeschäft von Baidu rund um die Internet-Suche hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Das In-App-Advertising steht inzwischen für die Mehrheit des Werbegeschäftes und wächst zweistellig.

Die Werbetreibenden pflegen dabei oftmals ihre eigenen Seiten (Managed Pages) innerhalb der Baidu-App und leiten den via Baidu-Suchergebnis gekauften Traffic nicht mehr wie z.B. bei Google Adwords auf ihre eigenen Webseiten, sondern auf diese Managed Pages innerhalb des Baidu-Ökosystems. Dieses Modell steht schon für mehr als 1/3 des gesamten Advertising-Umsatzes bei Baidu Core.

Baidu übernimmt YY Livestreaming in China

Baidu hat angekündigt, das Live-Streaming-Business von YY China für umgerechnet $3,6 Mrd. in bar zu übernehmen. YY war der Pionier eines Livestreaming-Angebotes und Marktführer in China, hatte zuletzt aber große Schwierigkeiten weiter zu wachsen. Es stellte sich heraus, dass Live-Streaming mehr ein Feature eines mobilen Ökosystems ist als eine Standalone-Plattform. Der damit von Baidu für das Mobile Ökosystem zugekaufte Umsatz i.H.v. ca. $1,5 Milliarden ist jetzt schon hochprofitabel und erwirtschaftete 2019 eine Marge von über 30 Prozent (non-GAAP).

Die Logik hinter der Übernahme: Man erwartet sich seitens Baidu erhebliche Synergieeffekte und einen Boost der von Werbeeinnahmen unabhängigen Umsätze. Denn die Einnahmen generieren Live-Streaming-Plattformen wie YY direkt von den Endusern, die für die Streams an die Performer zahlen, wobei die Plattform einen Anteil erhält.

Es soll beim Videostreaming innerhalb der Baidu Apps zukünftig um sehr unterschiedliche Anwendungsfälle gehen, man will sich nicht dauerhaft auf das heutige Geschäftsmodell aus dem Entertainment-Bereich rund um das Tipping von Karaoke-Künstlern beschränken. Angedacht sind laut Unternehmensangaben z.B. Video-Meetings mit Rechtsanwälten und auch die virtuelle Konsultation von Ärzten.

Über 500 Mio. MAUs von Baidu können nun genutzt werden, um die YY Plattform besser zu monetarisieren. YY als unabhängiger Anbieter konnte nicht die kritische Masse erreichen, die jetzt stattfindende Konsolidierung ist die logische Folge.

Ergänzung vom 19.11.2020: Nach Veröffentlichung dieses Beitrages hat der Shortseller Muddy Waters einen Report veröffentlicht, in dem er YY massiven Betrug vorwirft. Es bleibt abzuwarten wie die Reaktionen auf diesen Bericht ausfallen und ob die angekündigte aber noch nicht abgeschlossene Übernahme der YY Assets durch Baidu  überhaupt zustande kommt.

Baidu Cloud AI Plattform

Die Baidu Cloud PaaS-Services sind gegenüber dem Vorjahr um 41 Prozent auf über 320 Millionen Umsatz gewachsen. Das ist wenig im Vergleich zu den übermächtig erscheinenden Cloud-Alternativen von Alibaba und Tencent. Aber aufs Jahr hochgerechnet ist die Baidu Cloud Plattform inzwischen auch ein Unternehmen mit Milliarden-Umsatz.

Wichtiges Alleinstellungsmerkmal sind die AI Services rund um Machine Learning und Artificial Intelligence Algorithmen, die von einer 2 Millionen großen AI Developer Community genutzt werden. Im Vergleich mit Alibaba und Tencent ist Baidu führend was das AI Developer Mindset angeht. Für mich ein fast unschätzbarer Wert.

Einer der wichtigsten Anwendungsfälle für die AI Services ist das Apollo-Projekt zum autonomen Fahren Es sollen hier gleich 3 Umsatzströme entwickelt werden:

  1. Baidu ist Zulieferer von Komponenten zum autonomen Fahren für die Hersteller von teil-autonomen Fahrzeugen (OEM Automobilzulieferer).
  2. Baidu wird von öffentlichen Auftraggeber in China für Infrastrukturprojekte beauftragt (Smart Transportation).
  3. Die Monetarisierung von vollständig autonomen Fahrzeugen soll durch eine Robo-Taxi-Flotte erfolgen. Es ist zu erwarten, dass die chinesischen Anbieter in China (hier ganz vorne Baidu) schneller als die Anbieter in USA erfolgreich am Markt sein werden. Denn Baidu hilft selbst mit, die Infrastruktur in den Städten aufzubauen, welche die zukünftige Level 4/5 autonome Fahrzeugen beim autonomen Fahren z.B. mit Sensoren in Ampeln oder in Fahrbahnbegrenzungen unterstützt. Das ist ein großer Vorteil gegenüber USA oder Europa, wo zukünftige autonome Fahrzeuge wohl noch länger ohne Support seitens der Infrastruktur auskommen müssen.

DuerOS Plattform (Smart Living Group)

Eine Erfolgsstory ist bisher die Positionierung der Baidu AI Services im Heimbereich. Laut den Marktforschungsunternehmen IDC und Canalys war Xiaodu Smart Display im 2. Quartal 2020 weltweit die Nummer eins bei den Auslieferungen und Xiaodu Smart-Speaker die Nummer eins bei den Auslieferungen in China für das zweite Quartal 2020.

Baidu Xiaodu Smart-Speaker - Bild von drei Modellen in rot schwarz weiß
Xiaodu Smart-Speaker von Baidu.

Im Q3 neu vorgestellt wurden die für ca. 35$ erhältlichen Xiaodu Smart-Kopfhörer, die es den Benutzern ermöglichen, zu suchen, Anrufe zu tätigen und DuerOS-Fähigkeiten durch einen Sprachassistenten zu nutzen. Das Highlight sind die Fähigkeiten zur Simultan-Sprachübersetzung.

Für den weiteren Ausbau dieses Geschäftes der Smart Living Group (SLG) rund um DuerOS hat Baidu eine externe Finanzierungsrunde in Anspruch genommen. Die Bewertung beträgt $2,9 Milliarden Baidu wird SLG weiterhin konsolidieren.

Und was ist mit iQIYI?

iQIYI wird in der Quartalsberichterstattung von Baidu getrennt ausgewiesen.  Es ist ausdrücklich nicht Bestandteil von Baidu Core. Aber nach wie vor hält Baidu die Mehrheit an iQIYI, das gerne als Netflix von China bezeichnet wird.

Doch die Video-Streaming-Tochter ist 2020 in schweres Fahrwasser geraten und hat Mühe, gegen den harten – vor allem von Tencent und Bytedance vorangetriebenen – Wettbewerb zu bestehen. Derzeit weist iQIYI ca. 105 Mio. Abonnenten aus, das ist sogar 1 Mio. weniger als im Vorjahr. Es bleibt offen, ob diese enttäuschende Abo-Entwicklung auch darauf zurückzuführen ist, dass es vor einigen Monaten Shortseller-Reports über aufgeblähte User-Statistiken gab.

Die entsprechenden Vorwürfe ergaben zwar keine nennenswerten Ergebnisse, könnten aber dazu beigetragen haben, dass jetzt bei iQIYI etwas konservativer gezählt wird. Es gab im Sommer seitens Baidu offenbar Überlegungen, die Mehrheit von iQIYI an den Rivalen Tencent abzugeben um damit unter der Führung von Tencent einen dominierenden und damit potentiell profitableren Video-Streaming-Dienst in China zu formieren.

Offenbar konnte man sich mit Tencent bisher nicht auf einen Deal einigen. Für Baidu wäre es sicher positiv, die Mehrheit an iQIYI abzugeben, um den Verlustbringer iQIYI nicht länger in der Bilanz konsolidieren zu müssen und stattdessen eine Minderheitsbeteiligung am dann unangefochtenen Marktführer Tencent-Video zu halten.

Fazit

Wir sind mit der Unternehmensentwicklung bei Baidu in 2020 angesichts der Corona- Pandemie zufrieden. Uns war sehr wohl bewusst, dass ein Investment in Baidu nur langfristig erfolgreich sein wird. Denn die neuen Geschäftsfelder werden mit langem Atem aufgebaut und verschlingen zunächst etliche Jahre lang viel Geld.

Nach wie vor sind wir zuversichtlich, dass hier in den kommenden 5-10 Jahren Shareholder- Value geschaffen werden wird. Eine mögliche Entkonsolidierung von iQIYI in 2021 wäre wohl ein erster Schritt in diese Richtung.

Sollte sich für Baidu tatsächlich schon in 2021 wieder ein zweistelliges profitables Wachstum realisieren lassen, so steht einer Höherbewertung des Baidu Anteilscheins nichts im Wege.

Denn derzeit beträgt das EV/Sales-Verhältnis gerade mal 2. Das Unternehmen wird mit weniger als dem 10-fachen des Free Cashflows bewertet.

Disclaimer
The Digital Leaders Fund und/oder der Autor und/oder verbundene Personen oder Unternehmen besitzen Anteile von Baidu. Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

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Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser war in seinem gesamten Berufsleben in der High-Tech-Industrie tätig. Er hat sein eigenes Software-Unternehmen gegründet, internationalisiert und vor einigen Jahren ins Silicon Valley verkauft. Der Wirtschaftsmathematiker investiert seit 30 Jahren erfolgreich in Aktien und ist Co-Founder des Digital Leaders Fund.

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2 Antworten

  1. Hallo Herr Waldhauser,

    eigentlich finde ich das Grundkonzept des DLF wirklich genial, ich kann mich mit den allermeisten Unternehmen Ihres Portfolios gut identifizieren und empfinde die Gedankengänge in Ihren Analysen stets äußerst nachvollziehbar. Womit ich mich jedoch in keiner Weise anfreunden kann, ist Ihre ausgeprägte Vorliebe für China-Investments und Ihre in meinen Augen mitunter zu laxe Haltung gegenüber Unternehmen mit schlechter Corporate Governance. Weder kann ich veröffentlichte Zahlen von Alibaba in irgendeiner Weise nachvollziehen (die Analyse von Deep Throat finde ich zu großen Teilen recht plausibel) noch kann ich verstehen, weshalb Baidu das seit Jahren ausbleibende Wachstum nun plötzlich durch einen sehr teuren Kauf einer großteils betrügerischen Firma ankurbeln will (das erinnert mich sehr an die Akquisition der GI Retail Group durch Wirecard); abgesehen dürfte bei iQIYI auch einiges nicht stimmig sein und die angeblich autonom zurückgelegten Kilometerangaben von Baidu irritieren mich ebenso. Dass mehr als 6 % Ihres Fonds in Fake-China-Unternehmen investiert werden, erschließt sich mir nicht. Was mich auch stets massiv gestört hatte, waren die seit langer Zeit immer größer werdenden CG-Probleme bei Opera, über die Sie sehr großzügig hinweggegangen sind. Hier haben Sie nach meinem Verständnis erst sehr spät den Stecker gezogen, als es sich nicht mehr vermeiden ließ. Diese Punkte hindern mich derzeit an einem Investment in den DLF. Sehr gerne werde ich die diesbezügliche Entwicklung aber weiter beobachten und falls sich Dinge in die von mir gewünschte Richtung entwickeln sollte, so würde ich sehr gerne Ihr Investor werden.

    Herzliche Grüße

    Arne Breuer

    1. Hallo Herr Breuer, wir halten derzeit ca. 6% der Assets in China-Investments und zwar ausschliesslich in Alibaba und Baidu. Wie kommen sie darauf, dass wir eine “ausgeprägte Vorliebe für China Investments” haben? Wir sind der Meinung ein globaler Fonds zur Digitalisierung kann das Land, das wohl in der Digitalisierung am weitesten fortgeschritten ist, nicht völlig ignorieren. Aber wir sind uns der speziellen China-Risiken insbesondere bei den Werten aus der zweiten Reihe sehr wohl bewusst.

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