Debt Ceiling Krise USA: Hakuna Matata oder doch lieber Panik?

24. Mai 2023

Nur noch wenige Tage, bevor die USA den sogenannten Debt Ceiling erreichen. Einigen sich Demokraten und Republikaner nicht auf eine Erhöhung der Schuldenobergrenze, drohen die USA am 1. Juni zahlungsunfähig zu werden. Es ist nicht das erste Mal, dass die USA vor einer Pleite stehen. Aber lassen sich aus der Vergangenheit Rückschlüsse für die Marktperspektiven des Jahres 2023 ziehen? 

Theater oder Leben? In den USA streiten sich Demokraten und Republikaner wie die Kesselflicker um die Erhöhung der sogenannten Schuldenobergrenze. Das ist keine technische Frage: Die USA dürfen sich nach dem heutigen Stand der Dinge mit maximal 31,4 Billionen Dollar verschulden. Dieses Limit ist am 1. Juni erreicht. Erzielen die beiden Parteien keine Einigung, drohen die USA zahlungsunfähig zu werden. Lässt sich dieses “Event” anhand vergangener Debt Ceiling Krisen modellieren? Zunächst erläutern wir kurz die Debt Ceiling Problematik, dann zeigen wir, dass diese Budget-Streitigkeiten Tradition haben, um dann die Frage zu stellen, ob die Erfahrungen der letzten großen Krise des Jahres 2011 als Blaupause für die heutige Zeit taugt.

Die Debt Ceiling Krise: Worum es geht

Vor wenigen Wochen schlug die US-Finanzministerin Janet Yellen Alarm. Komme es nicht zu einer Anhebung der gesetzlich festgeschriebenen Schuldenobergrenze, dann drohe ab dem 1. Juni den USA die Zahlungsunfähigkeit. Weil die staatlichen Ausgaben auf Pump finanziert werden, können die USA dann ihren staatlichen Verpflichtungen nicht mehr uneingeschränkt nachkommen. Irgendwo wird dann der Rotstift angesetzt: Investitionen, Gehälter für Beamte, Pensionen, Zuschüsse für die Krankenversicherungen. Für die Kapitalmärkte wäre eine Folge dramatisch: US-Schulden könnten bei fehlender Einigung kurzfristig nicht mehr bedient werden. Angesichts der immens wichtigen Bedeutung des US-Dollar als Schmiermittel der Weltwirtschaft und Treasuries als wichtigster Wertspeicher sind die Folgen schwer vorstellbar. 

Vor diesem Hintergrund ist die Gelassenheit von Anlegern weltweit erstaunlich. Auch im Epizentrum der Ereignisse haben die Märkte erstaunlich ruhig auf diese dramatische Ankündigung reagiert. Der Dollar konnte in den vergangenen Wochen gegenüber dem Euro deutlich zulegen, der US-Aktienmarkt stieg leicht, US-Staatsanleihen traten auf der Stelle. Panik sieht anders aus. 

Die Ruhe ist erstaunlich, denn die Fronten zwischen den Republikanern und Demokraten sind vollkommen verhärtet. Präsident Joe Biden brach in dieser Woche einen Asienbesuch ab, um mit dem Verhandlungsführer der Republikaner im Abgeordnetenhaus, Kevin McCarthy, zu einer Lösung zu kommen. Ein Treffen am Montag blieb ergebnislos. Verhandlungen unterhalb der obersten Ebene kamen am Dienstag auch zu keinem Ergebnis. Es geht nicht um Peanuts. Laut dem Congressional Budget Office wird das Defizit allein in diesem Jahr bei 1,4 Billionen Dollar liegen. Die Demokraten unter Biden fordern eine bedingungslose Anhebung der Schuldenobergrenze; die Republikaner im Abgeordnetenhaus wollen dagegen umfassende Kürzungen durchdrücken, die nicht nur die Staats- und Sozialausgaben der US-Regierung betreffen würden, sondern auch den sogenannten Inflation Reduction Act, also das staatliche Programm zum ökologischen Umbau der US-Wirtschaft, einschränken würden. Kein Wunder, dass Biden sich dieser Debatte bisher verweigert. Weil der Kongress “The Power of the Purse” hat und die Republikaner im Repräsentantenhaus die Mehrheit halten, muss aber ein Kompromiss her.

Debt Ceiling Krise, die 79.? Ein Blick in die Historie

Dass die gesetzlich vorgeschriebene Schuldenobergrenze angehoben werden muss, ist in den USA eigentlich ein Standardprozedere. Medienberichten zufolge wurde der Debt-Ceiling seit 1960 bereits 78 mal angehoben. Das klappte fast immer reibungslos. Allerdings befinden sich die Republikaner und Demokraten seit rund 30 Jahren in einem Kulturkampf. Das hat dazu geführt, dass aus einer Bipartisan-Routine ein politisch aufgeladener Konflikt wurde. Etliche Male kam es seit Ende der 1990er Jahre zu einem regelrechten Game of Chicken: Wer blinkt als erster, wer zuckt zurück, wer geht am wenigsten beschädigt aus dem Rennen hervor? 

Unter Präsident Bill Clinton gab es 1995 und 1996 Shutdowns bei staatlichen Behörden, die ihre Angestellten in den (unbezahlten) Urlaub schicken mussten. Das war auch wieder 2013 unter Barack Obama der Fall – es gab einen 16-tägigen “Shutdown”. Immer wieder musste das US-Finanzministerium in den vergangenen Jahrzehnten “außergewöhnliche Schritte” ergreifen, um die Zahlungsunfähigkeit der USA abzuwenden. Das war dann unproblematisch, als im Kongress und Weißen Haus eine Partei regierte. So war die Anhebung der Schuldenobergrenze in der Amtszeit von Donald Trump, als der Kongress unter Kontrolle der Republikaner stand, kein Problem. Die vermeintlichen Budget-Hardliner hatten kein Interesse daran, “ihren” Präsidenten zu beschädigen. Aber heute ist die Macht in den USA geteilt, und die Fronten hoffnungslos verhärtet. Daher bietet sich ein Blick auf die Situation im Jahr 2011 an, als die USA unter ähnlichen Vorzeichen das Drehbuch für die Zahlungsunfähigkeit der USA beinah abspulten.

2011: Blaupause für das Jahr 2023?

Die Auseinandersetzung um den Debt Ceiling fiel 2011 besonders hart aus. Nach viel Hickhack und einem unbefriedigenden Kompromiss zwischen der Obama-Administration und den Republikanern machte die Rating-Agentur Standard & Poor’s im August ernst. Nachdem S&P den Rating-Ausblick für die USA im Juli bereits auf “negativ” gesetzt hatte, kam es Anfang August zum Downgrade der Kreditwürdigkeit der USA von “AAA” auf “AA+”. Es ging der Rating-Agentur dabei nicht nur um eine kurzfristige Anhebung der Schuldengrenze , sondern um einen “glaubwürdigen Plan”, um die langfristige Verschuldung der USA zu senken. Damals lag die Debt-GDP-Quote bei etwas unter 100 Prozent. Dieser Plan sei nicht erreicht worden, so S&P, die die “dysfunktionale” US-Finanzpolitik auch für den Downgrade mitverantwortlich machte.  

An den Kapitalmärkten kam es zu heftigen Reaktionen: Die Aktienkurse brachen weltweit ein, der Goldpreis schoss im Juli und August um bis zu 25 Prozent nach oben, und auch Euro-Anleihen legten zu. Soweit, so verständlich: Aktien sind Risikopapiere, und steigt das Risikobewusstsein der Anleger, dann werden sie diese verkaufen; Gold nimmt traditionell in Krisenzeiten die Funktion einer Ersatzwährung ein. Aber ab jetzt wird es unverständlich, zumindest auf den ersten Blick: Kräftig zulegen konnten US-Staatsanleihen, und auch der US-Dollar blieb im Juli und August bemerkenswert stabil. 

Was war passiert? Treasuries und der Dollar erfüllen für viele Anleger – ähnlich wie Gold – die Funktion von sicheren Häfen. Das Downgrade von S&P und die Gefahr einer Staatspleite erfüllten alle Merkmale einer Krise, weshalb Anleger die gewohnten Sicherheits-Assets anstrebten. Sie kauften Treasuries und andere Dollar-Assets, obwohl genau sie Gegenstand der Krise waren.

Grafik: Übersicht über die Performance von sechs Asset Klassen 2011

Debt Cieling
Performance 2011 in Prozent und in der jeweiligen Basiswährung, Quelle: Morningstar

Nach der Einigung zwischen Republikanern und Demokraten über die Erhöhung der Schuldenobergrenze im Herbst 2011 beruhigten sich im vierten Quartal die Gemüter; Aktien, vor allem amerikanische, erholten sich, der Run auf Anleihen ebbte ab, und der Goldpreis korrigierte deutlich. Die obere Grafik zeigt die Performance der Asset-Klassen Gold, US-Anleihen, Euro-Anleihen, US-Aktien, Aktien Eurozone und Aktien Emerging Markets. Sie illustriert, wie schnell die Sommerkrise 2011 bei US-Assets vergessen wurde: Der S&P 500 schloss das Jahr 2011 mit einem leichten Plus ab, der Goldpreis legte deutlich zu (auch wenn er im Laufe des vierten Quartals zurückkam). Zwei markante Verlierer stachen 2011 indes hervor: Euroland-Aktien sowie Emerging Markets Aktien. Beide Märkte korrigierten im Zuge der USA-Angst im Sommer und erholten sich auch nicht im weitere Jahresverlauf. Sie waren die Verlierer des Jahres 2011. Das lag vor allem an der Verschärfung der Eurokrise im Herbst. In den USA erholten sich die Kurse von Risikopapieren, in Europa nicht. Auch der Dollar ging steil, was wiederum Emerging Markets Aktien nicht gut tat. Sie verharrten, wie Euro-Aktien, bis Jahresende nahe ihrer Jahrestiefs im dritten Quartal.

Fazit: Lernen aus der Geschichte?

Es ist verlockend, auch in dieser Debt Ceiling Krise Normalität und Gelassenheit an den Tag zu legen. Es ist bei den 78 Debt Ceiling-Events ja auch bisher gut gegangen. Und sollte es zu keiner Einigung zwischen den großen US-Parteien kommen, hat das US-Finanzministerium die Möglichkeit, die berüchtigte Eine-Billion-Dollar-Münze zu prägen und bei der FED zu hinterlegen. Oder der US-Präsident ergreift Kraft seiner verfassungsrechtlichen Sonderrechte (14. Amendment) Maßnahmen, um die Integrität der USA als Schuldner zu sichern. Und am Ende bleibt uns ja immer noch die Option für die Krisenzeit: “Buy America”. Sind nicht Treasuries der klassische Safe-Haven-Trade? 

Das ist ein Spiel mit (zu) vielen Unbekannten. Was 2011 geklappt hat, muss heute nicht aufgehen. Die Eurozone steht heute viel solider da als 2011, und Länder wie China, Russland und andere Emerging Markets stehen im Gegensatz zu früher der Dollar Dominanz sehr kritisch gegenüber. Sie kaufen derzeit Gold. Und mit dem Bitcoin steht eine neue Reservewährung bereit – Kritiker des sogenannten Fiat-Regimes wären über ein US-Default regelrecht entzückt. Anleger haben heute etliche Alternativen zu USA-Assets, zumindest für das kurzfristige Risikomanagement.

Die USA rasen auf den Abgrund zu. Zwar erscheint der Default angesichts der immensen Risiken noch immer unwahrscheinlich, aber auszuschließen ist er nicht. Zumal die Rating-Agenturen ein Unsicherheitsfaktor sind. Inzwischen hat Fitch das „AAA“-Rating der USA mit einem „negativen“ Ausblick versehen hat. Das erinnert an die 2011-er Krise, deren Höhepunkt der S&P-Downgrade bildete. Der Unterschied zu 2011: Fitch wäre die zweite große Rating-Agentur, die den Daumen über das „AAA“-Rating senkt. Das würde vielen Anlegern die bisher erstaunliche Sorglosigkeit austreiben.

Im Gegensatz zu früher sind die Demokraten und Republikaner im Jahr 2023 regelrecht verfeindet. Die Republikaner werden sich ungern an die Lösung des Jahres 2011 erinnern, als sie in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit klein beigaben. Der Wille zum Kompromiss erscheint bei der Tea-Party-Fraktion schwach ausgeprägt. Präsidentielle Notmaßnahmen und die sagenumwobene Eine-Billion-Dollar-Münze zeugen eher von magischem Denken und sind zudem rechtlich anfechtbar. Es ist nicht von Ungefähr, dass das Weiße Haus Anfang Mai in drastischen Worten vor den wirtschaftlichen Folgen eines Defaults warnte.

Weil so viel auf dem Spiel steht, ist der Druck auf die Parteien immens. Am ehesten dürften es dieses Mal die Demokraten sein, die zurückstecken und deutlichen Budgetkürzungen zustimmen werden. Zu destruktiv erscheint die Linie der GOP. Mögliche gesichtswahrende Argumente wäre sogar plausibel: Mit einer Debt-GDP-Ratio von 130 Prozent drückt der Schuldendienst heute viel stärker als 2011, und die hohen Zinsen und die damit verbundenen Refinanzierungskosten könnten auch spendierfreudige Demokraten zum Einlenken bringen.

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Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

Autor

  • Ali Masarwah

    Ali Masarwah ist Gesellschafter-Geschäftsführer der Fondsplattform envestor.de und schreibt auch Kolumnen über Investmentthemen für The Digital Leaders Fund. Anleger-orientiertes Research ist seit über 20 Jahren Alis Ding. Vor seiner Zeit bei envestor.de war er zehn Jahre lang bei Morningstar, wo er für die Personal Finance Websites des Analysehauses in Deutschland verantwortlich war. Als Experte für Anlagethemen ist er ein gefragter Ansprechpartner für Finanzmedien im deutschsprachigen Raum.

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Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Gesellschafter-Geschäftsführer der Fondsplattform envestor.de und schreibt auch Kolumnen über Investmentthemen für The Digital Leaders Fund. Anleger-orientiertes Research ist seit über 20 Jahren Alis Ding. Vor seiner Zeit bei envestor.de war er zehn Jahre lang bei Morningstar, wo er für die Personal Finance Websites des Analysehauses in Deutschland verantwortlich war. Als Experte für Anlagethemen ist er ein gefragter Ansprechpartner für Finanzmedien im deutschsprachigen Raum.

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