Disney Aktie: Streaming-Push nach Corona-Pandemie

17. April 2020

Disney Aktie - Streaming-Push nach Corona-Pandemie - Eingefrorenes Schloss auf Eisberg

Innerhalb von wenigen Wochen ist bei Disney nichts mehr wie es war. Mit Ausnahme der Streamingdienste gibt es kein Geschäft bei Disney, das nicht massiv durch die Corona-Krise beeinträchtigt ist. Die Freizeitparks sind geschlossen und Disney Cruise Line hat alle Kreuzfahrten bis Ende Juni abgesagt. Disney-Shops sind zu, Kinos sind geschlossen und selbst die Filmproduktion gerät ins Stocken. Nun ist Disney auch noch von Netflix entthront worden als das wertvollste Medienunternehmen der Welt.

Vergleich Marktkapitalisierung Disney und Netflix
Vergleich Marktkapitalisierung Disney und Netflix.

Disneys Welt erinnert aktuell an Arendelle, jenem Ort aus dem Film Frozen, der plötzlich vom ewigen Winter heimgesucht wird.

Wie hoch sind die Ertragsausfälle?

Ein Blick auf die letzten Quartalszahlen verdeutlicht das Ausmaß der möglichen Ertragsausfälle. Das Segment Park, Experience and Products ist aktuell für etwa ein Drittel der Umsätze verantwortlich, doch für mehr als 50 Prozent der Gewinne.

Die Freizeitparks in Shanghai und Hong Kong mussten schließen, bevor das Virus mit Wucht die USA erreicht hat. Im März war es dann Schluss für alle Disney Parks. Das ist bitter, weil die Hauptsaison für die Walt Disney World in Orlando, Florida, und Disneyland in Anaheim, Kalifornien, ab April beginnt.

Disney Aktie - Übersicht zeigt Vergleich der letzten Quartalszahlen von Disney im Vergleich zum Vorjahr
Vergleich der letzten Quartalszahlen von Disney im Vergleich zum Vorjahr. (Quelle: Disney)

Wann die Parks eröffnen, ist noch völlig ungewiss. Selbst bei einer schrittweisen Lockerung des Lockdowns in den USA werden die Auflagen hoch sein. Auch hartgesottenen Disneyfans werden Massenveranstaltungen zunächst meiden.

Analysten schreiben daher die Erträge für Parks bis zum Ende des Disney-Geschäftsjahr, also bis zum 30. September, komplett ab. Die Umsätze fallen weg, aber viele Kosten bleiben. Disney selbst hat in Absprache mit den Gewerkschaften viele der 223.000 Mitarbeiter in den Zwangsurlaub geschickt, allein 30.000 in Kalifornien und 43.000 in Florida.

Mit der Markteinführung von Impfstoffen sollte sich das Geschäft in den Parks wieder erholen. Disneyparks gehören zum Kulturgut in den USA. Für viele Familien ist der Jahresurlaub in einem der Freizeitparks eine feste Konstante. Die Konsumfreude wird in den USA aber insgesamt nachlassen. Nicht alle Zwangsurlauber kehren wieder zurück zur Arbeit. Auch die massenhaften pay-cuts in den USA werden das Konsumverhalten dort ändern.

Weitere 40 Prozent der Gewinne hat Disney zuletzt im Segment Media Networks erzielt. Im Gesamtjahr 2019 waren es sogar 50 Prozent des operativen Gewinns. Hier werden die Ertragseinbrüche nicht so dramatisch sein wie bei Parks, doch die Werbeeinnahmen werden spürbar zurückgehen. Da nahezu alle Sportevents abgesagt wurden, wird Disneys ESPN die größten Einbrüche bei den Werbeeinnahmen vermelden. Die Erholung in diesem Segment sollte aber deutlich früher einsetzten als bei den Parks.

Filmstudio – Rush-to-rental

Nicht viel besser sieht es im dritten profitablen Segment von Disney aus. Im Rekordjahr 2019 konnte Disney hier noch einen operativen Gewinn von knapp 2,7 Milliarden Dollar erzielen. Im letzten Quartal waren es noch 948 Millionen Dollar.

Weltweit sind die Kinos nun geschlossen. Das führt nicht nur dazu, dass Disney den Kinostart von Blockbuster-Filmen wie „Mulan“ und „Black Widow“ verschoben hat. Auch die laufenden Produktionen sind abgebrochen worden. Die Content-Pipeline kommt dadurch ins Stocken.

Das ist nicht nur bei Disney so, sondern gilt für alle anderen Streamingdienstleister und Fernsehsender, inklusive Netflix. Diese Konstellation stellt plötzlich die bisherige Verwertungskette der Filmindustrie in Frage. Filmstudios wollen nicht auf ihren teuren Produktionen sitzen bleiben bis die Kinos wieder öffnen.

Paramount hat „The Lovebird“ direkt an Netflix verkauft. Der generelle Trend ist jedoch “rush-to-rental”. Statt im Kino feiern die Filme jetzt ihre Premiere über VoD-Plattformen wie Amazon Prime und iTunes. Universal Pictures hat Filme wie “The Invisible Man”, “Emma” und “Trolls World Tour” jüngst über die digitalen Kanäle zu einem Preis von 20 Dollar für eine 48-stündige Miete angeboten.

“Trolls World Tour” ist laut Universal die “erfolgreichste Digital-Premiere aller Zeiten”. Der Film soll das zehnfache der Einnahmen eingespielt haben als “Jurassic World 2: Das gefallene Königreich”, der bisherige Spitzenreiter in dieser Kategorie. Auch Disneys „Onward“ erfreut sich nach kurzer Kinozeit einer großen Nachfrage auf digitalen Plattformen.

Streamen statt Kino, hier bahnt sich also eine kleine Revolution an. Bisher wurden Filme etwa 75 Tage in den Kinos der Welt ausgestrahlt, bevor sie weitergereicht wurden an die VoD-Dienste. Mit den neuen Erfahrungen könnte sich das ändern, zumal die Filmstudios mehr von der direkten Vermarktung über VoD haben. Bei Kinotickets gehen etwa 55 Prozent der Einnahmen an die Studios, bei VoD sind es 80 Prozent.

Kurzfristig werden Disney Filmstudios harte Ertragseinbrüche verzeichnen. Doch mittel bis langfristig ist nicht Disney der Verlierer dieser Entwicklung, sondern die Kinobetreiber.

Disney+ mit mehr als 50 Millionen Abonnenten

Einziger Lichtblick aktuell ist das Geschäft Direct-to-Consumer (DTC). In der letzen Woche meldete Disney 50 Millionen Abonnenten für Disney+. Am 4. Februar hatte Disney noch 26 Millionen Abonnenten gemeldet. Covid-19, der Launch in acht europäischen Ländern am 24 März und die Markteinführung in Indien haben Disney eine Verdoppelung der Subscriber-Zahlen beschert.

Allerdings zahlen die etwa 8 Millionen Disney-Kunden in Indien einen Jahrespreis von nur 20 Dollar. Dennoch ist das eine beachtliche Leistung. Ursprünglich wollte Disney bis 2024 insgesamt 60-90 Millionen Bezahlkunden für Disney+ gewinnen. Das untere Ende der Planzahlen hat man 5 Monate nach dem Start nahezu erreicht.

Zusammen mit Hulu und ESPN+ sollte Disney aktuell an die Abonnenten-Zahlen von Netflix in den USA herankommen. Allerdings sollte die Marge bei Netflix aktuell deutlich höher liegen. Netflix hatte zuletzt 60 Millionen Abonnenten in den USA und 167 Millionen weltweit gemeldet. Doch diese Zahlen sind seit der Corona-Pandemie deutlich nach oben geschossen.

Die Download-Zahlen von Sensor Tower zeigen, wie stark die Nutzerzahlen von Disney+ in den ersten Wochen nach Markteinführungen steigen, aber dann doch deutlich unter das Niveau von Netflix fallen, da Netflix in nahezu allen Ländern bereits erhältlich ist.

Downloads von Disney+ Streamingdienst im zeitlichen Verlauf
Downloadzahlen des Streamingdienstes Disney+. (Quelle: Sensor Tower)

Mitte des laufenden Jahres ist die Markteinführung von Disney+ in anderen Ländern in Europa geplant und ab Herbst in Japan und Lateinamerika. Auch wenn Disney+ bis Ende des Jahres auf insgesamt über 70 Millionen Subscriber kommen könnte, wird DTC in den nächsten Jahren hohe Verluste schreiben.

Wie geht es bei Disney weiter?

Was macht The Digital Leaders Fund mit der Disney-Position? Wir sind mit einer deutlichen Übergewichtung der Disney-Aktie in die Pandemie hinein. Die Übergewichtung haben wir (zu höheren Kursen als aktuell) reduziert, halten aber an dem Investment weiterhin fest.

Disney steht vor einem historisch schlechten Geschäftsjahr. Aktuell verliert das Unternehmen nach Schätzung des Medienanalysten Hal Vogel mehr als 30 Millionen Dollar pro Tag. Wie schlecht das Jahr wird, kann Disney vermutlich selbst nicht abschätzen, da die externen Faktoren gerade dominieren. Langfristige Anleger müssen sich fragen, wie stark die künftigen Erträge beeinträchtigt werden und wie hoch der Risikozins für Disney angestiegen ist, um z.B. einen Barwert zukünftiger Erträge und Cash-Flows zu berechnen.

Disney ist mit knapp 40 Milliarden Dollar Schulden in die Pandemie hinein. Aktuell hat das Unternehmen mehrere Anleihen in Gesamthöhe von 6 Milliarden Dollar begeben, zu Zinssätzen von 3,35 (5 Jahre) und 4,7 Prozent (30 Jahre). Das ist zwar merklich höher als noch vor einigen Monaten, doch ist die Bonität mit einem Rating von A2 (Moody`s) noch deutlich Investment Grade, so wie z.B. bei SAP und deutlich besser als z.B. das Rating der Deutschen Telekom.

Disney ist kein Pleitekandidat. Ich gehe davon aus, dass die Erträge aus Parks in einem Jahr wieder auf Vorpandemieniveau sein werden, dass sich die Media Networks Erträge bereits ab Herbst stabilisieren und die der Filmstudios sogar noch früher. Im Unterschied zu vielen anderen Studios kann Disney auch mit Pixar weiterhin an computeranimierten Filmen weiterarbeiten und so die Film-Pipeline in der Zeit der Pandemie füllen.

Über neu entdeckte Verwertungsketten können die Ertragsausfälle kurzfristig etwas abgemildert werden und langfristig sogar gesteigert. Disney+ entwickelt sich ohnehin besser als erwartet. Bob Chapek, der neue CEO, erfährt nun in seinen ersten Arbeitswochen, wie wichtig das DTC-Geschäft für die Zukunft von Disney ist. Das Unternehmen wird mit noch größerer Anstrengung Disney+ global ausrollen und die Content-Bibliothek mit exklusiven Filmen füllen.

Wir sind also optimistischer gestimmt für Disney als beispielsweise Wells Fargo, die folgende Neubewertung für die einzelnen Segmente erstellt haben.

Disney Aktie Übersicht zeigt Neubewertung der einzelnen Bereiche von Disney
Neubewertung der einzelnen Bereiche von Disney im Zuge der Corona-Pandemie.

Aktuell ist Disney für uns eine Halte-Position. Sollte sich die Disney-Aktie im aktuellen Sentiment weiter deutlich abschwächen, werden wir die Position wieder ausbauen.

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Baki Irmak

Baki Irmak

Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien für BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanger bei der Commerzbank und ABN Amro.

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