Gibt KI der Baidu Aktie weiteren Auftrieb?

10. Februar 2023

Baidu Aktie ERNIE

Bei der Baidu Aktie hat sich diese Woche, genau wie bei der Alphabet Aktie, die aktuelle Hype-Auswirkung von KI-Chatbots auf die Aktienkurse gezeigt. Das Suchmaschinen-Fernduell zwischen Alphabet und Microsoft in dieser Woche zeigt, wie stark die Zukunft des Web von KI abhängt. Und da haben auch Chinas Big Techs ein Wörtchen mitzureden, allen voran Baidu. Was Chinas digitaler Champion vorhat.

In dieser Woche haben nicht nur Alphabet und Microsoft ihre Chatbots in Präsentationen sprechen lassen: Am Dienstag hat Baidu offiziell auf seinem Wechat Kanal bestätigt, im März ebenfalls einen Chatbot an den Start zu bringen. Damit folgt es dem amerikanischen Vorbild ChatGPT, das seit letztem Jahr einen phänomenalen Erfolg rund um den Globus feiert und demnächst die Microsoft-Suchmaschine Bing powern wird. Ob diese Neuentwicklung der Baidu Aktie langfristig Auftrieb verschaffen kann, wollen wir uns heute anschauen.

Baidu: Ambitionen mit ERNIE Chatbot

Laut Factiva gehörte Baidu in dieser Woche zu einem der am häufigsten erwähnten Unternehmen in den Nachrichten weltweit. Der chinesische Suchgigant gab nämlich am Dienstag bekannt, dass er einen Chatbot namens ERNIE Bot (chinesischer Name: 文心一眼 wénxīn yīyǎn) testet, der von künstlicher Intelligenz angetrieben wird. ERNIE steht angeblich – und nicht wirklich nachvollziehbar – für “Enhanced Representation Through Knowledge Integration.” Die Baidu Aktie stieg am Dienstag in Hongkong um bis zu 18 Prozent. Seit Beginn des Jahres hatte die Aktie schon um 45 Prozent zugelegt.

Baidu Aktie legt nach Ernie Bot Ankuendigung zu
Die Baidu Aktie legte am Dienstag um 15 Prozent zu, als Baidu offiziell sein eigenes ChatGPT bekannt gab.

Baidus Ankündigung erfolgte einen Tag, nachdem Sundar Pichai, Chief Executive von Alphabet Inc., seinen eigenen Google Chatbot “Bard” auf Twitter verkündet hatte und bereits ausgewählten Nutzern zur Verfügung stellt. Das Aufkommen von ChatGPT veranlasste Pichai Berichten zufolge dazu, einen „Code Red“ zu erklären, sich mit den Unternehmensgründern Larry Page und Sergey Brin zu beraten und eine Reihe von Projekten im Zusammenhang mit generativer KI zu beschleunigen. Fast zeitgleich hat Microsoft seine nächsten Schritte zur Integration von ChatGPT in seinen hauseigenen Suchdienst “Bing” angekündigt. „Heute beginnt das Wettrennen“, sagte Nadella bei einer Pressekonferenz in der Firmenzentrale in Seattle.

Was ist ChatGPT und warum ist es wichtig?

Am 30. November 2022 veröffentlichte OpenAI offiziell die Chatroboter-Software ChatGPT und erreichte innerhalb einer Woche 1 Million Benutzer. Nach zwei Monaten waren es bereits 100 Millionen Nutzer. TikTok hatte dafür neun Monate gebraucht und Instagram gar zwei Jahre. Laut SimilarWeb-Daten nutzten im Januar jeden Tag etwa 13 Millionen Einzelbesucher ChatGPT, was einer monatlichen Wachstumsrate von mehr als 100 Prozent entspricht.

Das Unternehmen OpenAI wurde 2015 von Sam Altman gegründet und konzentriert sich auf die Entwicklung und Anwendung von KI-Algorithmen und -Modellen wie Reinforcement Learning. Im Jahr 2019 erhielt das Unternehmen von Microsoft eine Finanzspritze in Höhe von 1 Milliarde Dollar für die Entwicklung von Technologien für künstliche Intelligenz für das Azure-Geschäft. Gegenwärtig ist Microsoft in Gesprächen, weitere 10 Milliarden Dollar zu investieren.

ChatGPT ist ein NLP-Modell (Natural Language Processing), das von OpenAI trainiert wurde, um auf natürliche Weise auf Text-Eingaben zu antworten. GPT ist die Abkürzung für „Generative Pre-trained Transformer“. Sehr vereinfacht gesagt, ist Chat GPT ein künstliches neuronales Netz, das sehr viel Text gelesen hat und über ein Chatfenster mit Menschen interagieren kann. Es nutzt den Transformer-Ansatz und kann für Anwendungen wie Chatbots, Frage-Antwort-Systeme und Textgenerierung eingesetzt werden.

ChatGPT ist wichtig, weil es den Bedarf an menschlichen Mitarbeitern bei der Beantwortung von Fragen und der Interaktion mit Benutzern reduzieren kann und gleichzeitig eine hohe Qualität und Geschwindigkeit bei der Bearbeitung von Anfragen bietet. Außerdem kann es dazu beitragen, komplexe Informationen einfach und verständlich darzustellen. Das Handelsblatt spricht gar von einem “iPhone-Moment”, der angeblich einen Weg zu einem neuen Informationszeitalter zeigt.

Baidu und seine Vorreiterrolle in Sachen KI in China

Baidu ist ein chinesisches Technologieunternehmen, das im Januar 2000 gegründet wurde. Es ist bekannt für seine Online-Suchmaschine, die in China mit Google vergleichbar ist und sich großer Beliebtheit erfreut. Im Laufe der Jahre hat Baidu sich zu einem führenden Unternehmen Chinas im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) mit seiner AI-Cloud, AI-Chips und autonomem Fahren entwickelt.

Baidu hat ein autonomes Fahrprojekt namens Apollo ins Leben gerufen, das als Open-Source-Plattform für Entwickler und Hersteller von autonomen Fahrsystemen dient. Apollo arbeitet eng mit lokalen und internationalen Unternehmen sowie Regierungsbehörden zusammen. Gleichzeitig hat Baidu auch eine KI-Plattform im IoT Bereich namens DuerOS entwickelt, die für intelligente Geräte wie Lautsprecher und Kühlschränke verwendet wird. DuerOS bietet eine natürliche Spracherkennung an und ist in der Lage, Antworten auf Fragen zu geben und Aufgaben für den Benutzer auszuführen.

Anwendungsfälle und Wettbewerb für Baidus ChatGPT

Der Einsatz von Baidus ERNIE Bot wird in den kommenden Jahren in einer Vielzahl von Unternehmen und Industrien zunehmen, insbesondere in Bereichen wie Kundenservice, Marketing und Vertrieb, Finanzen und Buchhaltung, sowie E-Commerce und Lieferketten. Baidu ist damit aber in China nicht alleine unterwegs. Das chinesische Wettbewerbsumfeld für Baidus ERNIE Bot ist äußerst vielschichtig. Die wichtigsten Gegenspieler sind Alibaba, Tencent, Bytedance, Meituan, JD.com und auch IoT Spezialist Xiaomi, die alle an ihren eigenen KI-Lösungen in diesem Segment arbeiten und entsprechend grosse F&E Budgets dafür zur Verfügung stellen. Gerade erst am Mittwoch hat auch Alibaba auf CNBC seine Bemühungen öffentlich gemacht, dass es an einem Rivalen zu ChatGPT arbeitet. Am Donnerstag folgten auch Tencent, JD.com und Netease mit entsprechenden Stellungnahmen.

Aber es gibt auch kleinere Spieler auf dem Markt wie Meitu (Anbieter von Foto-Verschönerung Apps) oder Hanvon (Anbieter von Tablets mit Schreib- und Spracherkennung), die von dem jüngsten Trend profitieren, wie die Kursentwicklung der Hanvon Aktie unten verdeutlicht. Sicher ist aber derzeit auch viel Spekulation im Markt.

Hanwang Technology
Hanwang Technology

Regulatorische Herausforderungen und Risiken

Baidus ERNIE Bot wird eine ganze Reihe von regulatorischen Herausforderungen und Risiken überwinden müssen. Insbesondere ist hier Chinas sehr strenge Zensurpolitik zu erwähnen, die es den Nutzern untersagt, bestimmte Inhalte zu teilen oder zu diskutieren. Dies kann zu einer Reihe von Problemen führen, wenn Baidus ERNIE Bot eine bestimmte Meinung über politische oder soziale Themen äußert, die der Regierung nicht genehm ist. Schlimmstenfalls könnte der Chatbot deaktiviert – zumindest in seinen Funktionen beschränkt werden. In einigen chinesischen Tech Blogs wird sogar gemunkelt, dass in der ersten Phase des Launches eine manuelle Kontrolle der Ergebnisse von staatlicher Seite gefordert werden könnte. Daneben sind eine Reihe datenschutzrechtlicher Vorschriften zu beachten. Selbst der CEO von OpenAI, Mira Murati, spricht sich in einem Interview mit dem TIME Magazine für eine zügige Regulierung aus, um Missbrauch zu verhindern. Positiv zu vermerken ist gleichzeitig, dass die Zentralregierung unter Xi Jinping im Rahmen ihrer “Dual Circulation” Strategie eine weltweit führende Rolle im Bereich der Künstlichen Intelligenz anstrebt und daher alles daran setzen wird, dass die lokal führenden Technologie-Unternehmen die größtmögliche Unterstützung vom Staat bekommen können. Die Ironie ist jedenfalls jetzt schon, dass lokale Parteikader der Kommunistischen Partei Chinas die mitunter fällig werdenden Schriftstücke zur Selbstkritik auch mit ChatGPT schreiben lassen.

Bewertung

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch schwierig einzuschätzen, wie die Bewertung des ERNIE Bots quantifiziert werden soll. Dass die Einführung einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Suchmaschinen bringt und möglicherweise die Attraktivität von Werbung auf der Plattform steigert, steht fest. Nach der Abschaffung der Zero-Covid Massnahmen, erwartet man nach einem wahrscheinlich glanzlosen vierten Quartal eine Erholung der Werbeeinnahmen und Margen für das Jahr 2023. Festzuhalten bleibt aber zunächst, dass Baidus Suchmaschinengeschäft seit vielen Jahren stagniert. Dafür hat Bytedance mit seinem Empfehlungsalgorithmus auf Douyin gesorgt. “Suche” im traditionellen Sinne ist in gewisser Hinsicht tot.

Viel größeres Potenzial für den ERNIE Bot verspricht das Cloud-Segment von Baidu. Die „Baidu AI Cloud“ hat immer versucht, sich mit KI gegenüber anderen Cloud-Dienstleistern zu differenzieren. Im Grunde kann Baidu jetzt ein KI-Framework und Anwendungen wie Bilderzeugung, Verarbeitung natürlicher Sprache und Conversational Bots wie Ernie bauen und diese Technologien als APIs auf der Cloud-Plattform zur Verfügung stellen. Unabhängig davon, ob Kunden die Anwendungen direkt verwenden oder über APIs ihre eigenen KI-Anwendungen erstellen, wird mit der Nutzung der Cloud-Computing-Ressourcen Geld verdient. Dies ist die gleiche Logik, die die symbiotische Beziehung von Microsoft Azure mit OpenAI untermauert.

Bislang hatte der Markt den KI-Fähigkeiten von Baidu nicht viel Wert beigemessen. Die Aufregung um Baidus neuen Chatbot könnte dazu beitragen, das Bewusstsein der Anleger zu schärfen. Dass ERNIE längst Teil der Produktpalette von Baidus AI Cloud ist, zeigt das Schaubild von der Baidu Webseite zum Cloud Geschäftsfeld:

Ernie Chatbot Baidu

Auch folgendes Statement spiegelt dieses Sentiment wider. Baidu CEO Robin Li hat es so auf den Punkt gebracht: „Ich bin sehr froh, dass die Technologie, über die wir seit langem jeden Tag nachdenken, die Aufmerksamkeit so vieler Menschen auf sich ziehen kann. Die Kommerzialisierung der generativen KI, indem man sie zu einem Produkt macht, das jeder braucht, stellt eine Herausforderung dar”. So wird der Baidu Chef auch hoffen, dank dieser neuen KI-Euphorie auch den bisher noch recht mageren Marktanteil von 9 Prozent im chinesischen Cloud-Geschäft nach oben schrauben zu können.

Fazit

Die Herdenmentalität des Technologiesektors mit dem Hang, dem nächsten heißen Trend hinterherzulaufen, schießt fast immer über das Ziel hinaus. Und das ist wahrscheinlich auch bei der ChatGPT Manie der Fall. KI hat eine große Zukunft – aber wir wissen immer noch nicht, welchen kreativen und wirtschaftlichen Nutzen die generative KI haben wird und welche Schäden sie verursachen könnte. Zumindest im Hardware Bereich wird bereits sehr viel Geld verdient: ChatGPT hat quasi ein Wettrüsten ausgelöst und Unternehmen wie Nvidia sind schon jetzt ein echter Profiteur.

Im Fall von Baidu darf man jetzt schon gespannt sein, wie das erste Quartal 2023 ausfallen wird. Denn neben dem ganzen Hype um ChatGPT ist Baidu dabei, seine fahrerlose Taxiflotte in diesem Jahr auf 2000 Autos zu verdoppeln, während das “Jidu” Joint Venture für Elektrofahrzeuge mit Geely ebenfalls an Dynamik gewinnt. Baidus Wachstumspotenzial und die Baidu Aktie sollte dieses Jahr auf keinen Fall unterschätzt werden.

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Disclaimer

China Digital Leaders  und/oder der Autor und/oder verbundene Personen oder Unternehmen besitzen Anteile von Baidu. Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

Autor

  • Mirko Wormuth

    Mirko war 23 Jahre lang in China als Anwalt und Unternehmer tätig. Zuletzt war er Global Head of HR für das chinesische EV Startup BYTON in Nanjing. Davor lagen seine unternehmerischen Tätigkeiten im Bereich des chinesischen E-Commerce und Einzelhandels. Seit 2020 managt Mirko den auf die chinesische Digitalisierung spezialisierten “China Digital Leaders” Fonds.

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Mirko Wormuth

Mirko Wormuth

Mirko war 23 Jahre lang in China als Anwalt und Unternehmer tätig. Zuletzt war er Global Head of HR für das chinesische EV Startup BYTON in Nanjing. Davor lagen seine unternehmerischen Tätigkeiten im Bereich des chinesischen E-Commerce und Einzelhandels. Seit 2020 managt Mirko den auf die chinesische Digitalisierung spezialisierten “China Digital Leaders” Fonds.

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Eine Antwort

  1. Spannender Artikel, aber wie sind die KI-Ambitionen von Baidu hinsichtlich des US-Exportstops für high-tech Chips einzuschätzen?

    Kann Baidu überhaupt leistungsfähige KI anbieten, wenn es dafür bald nur veraltete Hardware in China gibt?

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