Google Cloud geht auf Shopping-Tour

15. Mai 2019

Google Cloud geht auf Shopping-Tour - Figur der Google Cloud

Die Ergebnisse zum 1. Quartal 2019 der Google Mutter Alphabet haben die meisten Aktionäre enttäuscht.

Und tatsächlich war das Umsatzwachstum von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf nunmehr $36,3 Milliarden das geringste Wachstum seit vielen Jahren.

Der Grund war neben Sondereffekten aus Währungsverlusten vor allem das langsamere Wachstum bei den Google Werbeumsätzen, die immer noch 85 Prozent des Gesamtumsatzes von Alphabet ausmachen und nur noch um gut 15 Prozent gegenüber Vorjahr gewachsen sind.

Nichtsdestotrotz ist und bleibt Google für Alphabet eine sagenhafte Cashmaschine.

Die operative Marge betrug auch in diesem Quartal 23 Prozent (vor dem Sondereffekt einer $1,5 Milliarden Strafe der EU wegen Verstoßes gegen europäisches Wettbewerbsrecht).

Sogar in einem schwachen Quartal, das zudem mit einer Milliardenstrafe belastet war, betrug der Free Cashflow $6,6 Milliarden.

Der Barmittelbestand ist damit zum 31.03.2019 auf $113 Milliarden angewachsen.

Es ist an der Zeit, dass dieses Geld so investiert wird, dass die Abhängigkeit vom Werbeumsatz zügig reduziert werden kann. Und genau darum geht es in diesem Beitrag.


Der lange Atem von Alphabet

Ich bewundere die Langfristigkeit mit der man bei Alphabet an die Entwicklung von neuen Geschäftsfeldern zum Beispiel im Bereich des autonomen Fahrens herangeht.

Wir hatten in unserem letzten Beitrag über die Alphabet Aktie einen Überblick über den Gesamtkonzern gegeben und die Google-Schwester Waymo vorgestellt.

Google Cloud - Übersicht Alphabet Zusammensetzung des Unternehmens 2018
Google Cloud als Teil des großen Ganzen: Überblick über den Alphabet-Konzern.

Viele Analysten sehen in Waymo einen der weltweit führenden Mobilitätsanbietern der Zukunft heranwachsen.

Die Analysten von Jefferies haben zuletzt einen „long-team value” von $250 Milliarden für Waymo geschätzt.

Ich halte solche konkreten Langfristprognosen nicht unbedingt für seriös.

Die Waymo-Technologie zum autonomen Fahren ist aber unbestritten derzeit führend in der Welt.

Und Waymo ist ja nur eines von etlichen zukünftigen Geschäftsfeldern für Alphabet.

Es liegt also viel Zukunftsphantasie in den anderen Alphabet Töchtern rund um Google.

Und dennoch: Die Entwicklung neuer organischer Umsatzquellen bei Waymo und Co. im Alphabet-Konzern geht nicht schnell genug voran, um das nachlassende Wachstum der Google Werbeumsätze zu kompensieren.

Will Alphabet ein High-Growth-Unternehmen bleiben, so braucht es eine neue Strategie.

Die wird nun offenbar entschieden vorangetrieben. Soll heißen die $113 Milliarden Cash werden wohl in Kürze für den Erwerb zusätzlicher Umsatzquellen angezapft.

Und es ist  mittlerweile absehbar, aus welcher Richtung diese Umsatzquellen sprudeln sollen.

Die neue Strategie für Google Cloud

Zu Beginn diesen Jahres wurde Thomas Kurian zum neuen CEO der Google Cloud Division berufen.

Er war über 20 Jahre lang bei Oracle und zuletzt dort verantwortlich für die Produktentwicklung.

Er hatte sich in 2018 wohl mit Larry Ellison nicht über die weitere Oracle-Cloudstrategie einigen können und daher das Handtuch geworfen.

Kurian kennt das Enterprise Software Geschäft wie kaum ein anderer, sein Zwillingsbruder George ist interessanterweise der CEO von NetApp.

Der Auftrag an den neuen CEO von Google Cloud ist klar: Marktanteile im Cloud-Markt gewinnen gegen AWS (Amazon Web Services) und Microsoft.

Google war bisher nicht dazu in der Lage, da sie zu wenig Erfahrung im Enterprise Software Geschäft mit großen Unternehmenskunden mitbringen.

Trotz führender Cloud-Technologie und schönen Vorzeigeprojekten mit innovativen Firmen wie Spotify und Snap konnte man sich bei den großen Cloud-Migrationsprojekten der etablierten Konzerne bisher nicht gegen AWS, Microsoft und IBM durchsetzen.

Mit großem Abstand zu den Marktführern AWS (32 Prozent Marktanteil) und Microsoft (17 Prozent) liegt die Google Cloud bei den Infrastrukturservices in der Public Cloud (IaaS) weltweit betrachtet auf dem 3. Platz mit 9 Prozent Marktanteil.

Was Mut macht ist die Tatsache, dass Google Cloud in 2018 mit 94 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit deutlich schneller als AWS gewachsen ist.

Google Cloud - Weltweite Ausgaben in Cloud Systeme - Tabelle
Google Cloud auf Rang 3: Infrastrukturservices in der Public Cloud.

Man darf davon ausgehen, dass der neue CEO die Google Cloud derzeit komplett neu ausrichtet und neue Schwerpunkte in der der Go-to-Market- und Vertriebsstrategie setzt.

Die Google Cloud wird umgebaut zu einem ganz „normalen“ Enterprise SaaS-Unternehmen mit einer Armee von Key Account Managern, Technischen Presales-Leuten und Partner-Managern.

Beim Aufbau dieser Vertriebsorganisation helfen wird Robert Enslin, der bisher im SAP Vorstand für das Cloud-Business zuständig war und nach 27 Jahren bei der SAP nun als „President Global Customer Operations“ zur Google Cloud wechselt.

Durch diese Personalien wird deutlich, dass es Google nun sehr ernst meint mit den Unternehmenskunden.

Und der Zeitpunkt erscheint günstig.

Denn Enterprise-Kunden haben zurecht Bedenken, in eine zu große Abhängigkeit gegenüber AWS und Microsoft zu geraten.

Google kann ihnen einen Weg aufzeigen, diese Abhängigkeit zu reduzieren.

Dahinter steht insbesondere der Gedanke, die Google Cloud nicht frontal gegen AWS und MS zu positionieren, sondern in einer Multi-Cloud-Umgebung eine zusätzliche wichtige Rolle spielen zu können.

Für den Erfolg der Google Cloud ist es wichtig, nicht nur grundsätzliche Infrastrukturservices für Computing, Storage und Networking (IaaS) anzubieten.

Auch die geeigneten Software-Services für Datenbanken und Enterprise Search sowie Produktivitäts-Apps für Endanwender müssen mit aus einer Hand verfügbar gemacht werden, um auf Augenhöhe mit AWS und Microsoft konkurrieren zu können.

Google Cloud als “offene” Alternative

Google kündigte kürzlich an, dass es seine strategische Partnerschaft mit sieben Open-Source-Unternehmen, darunter MongoDB und Elastic, ausbaut und sie besser über ein “Revenue-Sharing”-Modell in seine eigenes Cloud-Plattform integriert.

Der Kunde kann also diese technologisch führenden Partnerprodukte alle bei Google aus einer Hand kaufen und bekommt die original Services der Open Source Spezialisten als Managed Service in der Google Cloud.

Google stellt sich dabei bewusst auf die Seite der Open Source-Spezialisten und geht damit einen komplett anderen Weg als AWS.

Amazon hat insbesondere den Ruf, kostenlose Open-Source-Software zu nehmen und darauf aufbauend seine eigenen konkurrierenden Dienste – in der Regel auf Basis einer veralteten und damit lizenzfreien Version dieser Services  – anzubieten.

Kürzlich wurde von Google unter dem Namen Anthos eine neue Entwicklungsumgebung für die hybride Cloud vorgestellt.

Die damit erstellten Anwendungen sollen nicht nur in der Google Cloud, sondern auch im eigenen Rechenzentrum des Kunden (on-prem) und sogar in den Cloud-Umgebungen von Microsoft Azure und AWS lauffähig sein.

Die Liste der Softwarefirmen, die Anthos unterstützen werden, enthält mit Elastic, MongoDB, Splunk, VMWare und viele mehr bereits jetzt viele prominente Namen.

Im Bereich der Produktivitäts-Apps für Endanwender ist die Google Cloud derzeit noch schwach aufgestellt gerade im Vergleich zu Microsoft.

Googles G Suite rund um Google Docs und Gmail ist in den letzten Jahren mit mehr als 5 Millionen zahlenden Usern und einer wesentlich größeren Zahl kostenloser User zwar zum Hauptwettbewerber von Microsoft avanciert, kann sich aber gerade in größeren Unternehmen offenbar nicht gegen Office 365 von Microsoft durchsetzen.

Google Cloud – Die Shopping-Tour möge beginnen

Zur Strategie von Thomas Kurien und Robert Enslin dürfte daher auch der Erwerb von Anwendungssoftware gehören.

Schon seit Monaten geistern diverse Listen von Akquisitionszielen durchs Silicon Valley.

Ich halte Spekulationen über eine Monster-Akquisition von SAP oder SalesForce nicht für realistisch.

Auch wenn für Alphabet selbst solch ein weit über $100 Milliarden teurer Deal durchaus zu finanzieren wäre.

Aber die Google Verantwortlichen sind sicherlich schlau genug, um einen solchen Mega-Clash der verschiedenen Unternehmenskulturen zu verhindern.

Für viel wahrscheinlicher halte ich eine vermutete Übernahme von Atlassian.

Die Australier sind in den letzten 10 Jahren der Shooting-Star im Bereich Team-Collaboration gewesen und bedienen mittlerweile über 135.000 Unternehmenskunden.

Die Atlassian Software wird in den Konzernen weltweit genauso eingesetzt wie in zahllosen kleineren Unternehmen.

Insbesondere ihr Jira-Produkt ist der defakto-Standard für die Zusammenarbeit von Entwicklerteams.

Auch ihr Bitbucket-Produkt zur Quellcodeverwaltung, das eine der führenden Alternativen zu Microsofts GitHub darstellt, würde das Google Cloud Portfolio perfekt ergänzen.

Die Akquisition von Atlassian würde Google den Zugang zur weltweiten Entwicklergemeinde ermöglichen.

Durch eine Übernahme würde Google in vielen Bereichen auf Augenhöhe mit Microsoft gelangen. Und auf einen Schlag zum veritablen Anbieter von Anwendungssoftware aufsteigen.

Allerdings müsste für Atlassian auch ein wahrhaft strategischer Preis gezahlt werden.

Seit dem IPO Ende 2015 hat sich der Wert der Atlassian-Aktie um 500 Prozent gesteigert. Der Unternehmenswert beträgt derzeit fast $30 Milliarden.

Ich schätze eine Akquisition würde sogar noch deutlich teurer werden.

Das wäre in jedem Fall ein mehr als stolzer Preis angesichts eines Atlassian Umsatzes von circa $1,2 Milliarden in 2019.

Aber strategische Preise für eine Akquisition haben Robert Enslin noch nie gestört.

Er war in seiner Zeit bei der SAP zuletzt für die Übernahme von Qualtrics zu einem abenteuerlichen Preis verantwortlich.

Fazit zu Alphabet und der Google Cloud

Es ist zumindest für mich keine Frage mehr, ob eine größere Akquisition von Google im Softwarebereich ansteht. Sondern nur wann sie kommt und wer das Objekt der Begierde sein wird.

Wir sind mit der Entwicklung bei Alphabet grundsätzlich zufriedener als manch andere Aktionäre.

Die Überbewertung einzelner Quartalsergebnisse vernebelt oft den klaren Blick auf die langfristigen Aussichten.

Und die sind bei Alphabet ausgezeichnet.

Die Alphabet Aktie sehen wir weiterhin als ein stabiles Basisinvestment im Portfolio von The Digital Leaders Fund.

Gespannt werden wir die weitere Entwicklung rund um die Neuaufstellung der Google Cloud verfolgen.

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Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser

Stefan war in seinem gesamten Berufsleben in der High-Tech-Industrie tätig. Er hat sein eigenes Software-Unternehmen gegründet, internationalisiert und vor einigen Jahren ins Silicon Valley verkauft. Der Wirtschaftsmathematiker investiert seit über 30 Jahren in Aktien. Er verwaltet eines der erfolgreichsten investierbaren Musterportfolios auf der wikifolio Plattform.

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4 Antworten

  1. Sehr interessant, vielen Dank für diese Einblicke! Die Antwort auf das nachlassende Wachstum bei der Google Suche ist also eine Stärkung der Google Cloud durch einen besseren Vertrieb bei Großkunden und Akquisitionen von Anwendersoftware.
    Hast Du eine Vorstellung, wann mit den ersten positiven Effekten aus dem verbesserten Vertrieb zu rechnen ist? Ist das schon in den nächsten Quartalszahlen zu erwarten?

    Andere Frage: Kannst Du einschätzen, wieviel Gewinne Google durch die erzwungene Distanzierung von Huawei einbüßt? Es hat mich gewundert, dass das bisher nicht stärker den Kurs belastet hat.

    1. Wir denken beim DLF generell in Jahren oder Mehrjahreszyklen und nicht in Quartalen. Eine Enterprise Software Vertriebsorganisation lässt sich sicher nicht innerhalb weniger Monate zum Erfolg führen. Und auch wenn sich in der 2. Jahreshälfte erste positive Effekte einstellen, so wird das in der Alphabet-Bilanz kurzfristig kaum wahrnehmbar sein.
      Google ist m.E. viel weniger als z.B. die Chiplieferanten von Huawei abhängig. Ich kann das nicht quantifizieren, schätze aber dass die Einbußen auf Umsatz und Gewinn sich kurzfristig in Grenzen halten. Schlimmer wiegt es für Google, falls das neue mobile OS von Huawei sich langfristig als Alternative zu Android positionieren kann.

    1. Die Frage zielt wahrscheinlich auf Nutanix Karbon ab, das ist die neue Kubernetes Distribution im Portfolio von Nutanix. Tatsächlich basiert auch Anthos auf Container Orchestrierung mittels Kubernetes. Dieses Open Source Projekt war ja ursprünglich von Google entwickelt worden und wird inzwischen von vielen Firmen eingesetzt.
      Es gibt also tatsächlich eine gewisse Überlappung im Angebot von Google Cloud und Nutanix, aber ich sehe da keinen ernsthaften Head-to Head-Wettbewerb oder gar eine Bedrohung von Nutanix.

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