IBM und Red Hat: Die teuerste Software-Übernahme aller Zeiten

30. Oktober 2018

IBM und Red Hat Übernahme Fusion Software

Die IBM-Aktionäre haben eine lange Leidenszeit hinter sich.

Seit den Höchstkursen aus dem Jahr 2013 haben die Aktien von Big Blue in den vergangenen 5 Jahren um 40 Prozent verloren.

Der NASDAQ 100 Index hat in der gleichen Zeit um 150 Prozent zugelegt.

Das ist für den Technologieriesen ein vernichtendes Urteil des Kapitalmarkts.

Und das, obwohl die Dividendenrendite dank regelmäßiger Dividendenerhöhungen mittlerweile 5% beträgt und in den vergangenen Jahren eine Rekordzahl von IBM-Aktien vom Unternehmen zurückgekauft wurde.

Doch IBM tritt jetzt offenbar die Flucht nach vorne an.

Gestern hat man bekanntgegeben, die größte Übernahme in der Historie der IBM für immerhin $34 Milliarden in bar tätigen zu wollen.

Das ist tatsächlich die teuerste Übernahme, die es jemals in der Softwareindustrie gegeben hat.

Das Objekt der Begierde ist Red Hat – das weltweit führende Open Source Unternehmen.

Red Hat-Aktionäre sind die Gewinner

Zunächst mal möchte ich die Red Hat – Aktionäre zu diesem Deal beglückwünschen.

Diese sollen pro Red Hat Aktie 190$ in bar erhalten.

Das ist ein stolzes Aufgeld von 63 Prozent gegenüber dem Schlusskurs der vergangenen Woche.

Die Red Hat Aktie war wie viele andere Tech-Werte auch in den letzten Monaten um über 30 Prozent von ihren Höchstkursen zurückgekommen.

Auch für die Red Hat-Mitarbeiter – unter ihnen sind einige großartige ehemalige Kollegen von mir – ist das dank des plötzlichen Wertzuwachses ihrer Aktienoptionen zumindest finanziell ein toller Deal.

Da sollten heute die Korken knallen. 😉

Wer ist Red Hat?

Red Hat hat seit seinem Börsengang in 1999 der Softwarewelt bewiesen, dass man mit einem kommerziellen Open Source Geschäftsmodell nachhaltig erfolgreich sein kann.

Erst durch den Erfolg von Red Hat gelangte die Software-Branche zu der Erkenntnis, dass die Veröffentlichung des Quellcodes nicht nur zahlreiche Vorteile für die Entwicklung einer qualitativ hochwertigen Software mit sich bringt, sondern dass auch die Monetarisierung von Open Source Software sehr erfolgreich sein kann.

Red Hat hat seinen Umsatz mit diesem Modell von $42 Millionen in 2000 um den Faktor 70 bis auf $2,9 Milliarden gesteigert.

IBM und Red Hat Pressemeldung von Red Hat zur Übernahme
IBM und Red Hat: Pressemeldung offenbart große Ziele. (Bild: Red Hat)

IBM und Open Source

IBM hat genauso wie andere alte Softwarehersteller (aka Oracle und SAP) in früheren Jahren die Open Source Szene eher belächelt.

Viele Jahre lang hat man den loyalen IBM-Enterprise-Kunden erfolgreich die Vorzüge der proprietären IBM-Software verkauft und die jungen wilden Open Source Alternativen nicht einmal als ernstzunehmende Wettbewerber respektiert.

Das Ergebnis war, dass zum Beispiel die Linux-Distribution von Red Hat der IBM-eigenen AIX-Variante des Unix-Betriebssystems große Marktanteile abgenommen hat.

Im Laufe der letzten Jahre hat sich die ehemals verschlossene IBM dann nach und nach für den kollaborativen Open Source Gedanken geöffnet und viele Beiträge geleistet für firmenübergreifende Open Source Softwareprojekte.

Nun also erfolgt der nächste  – viel größere – Schritt: Die große alte IBM will DAS Open Source Unternehmen schlechthin aufkaufen.

Die Erfahrungen mit dem Blue Washing

Die IBM hat eine beeindruckend lange Historie von Software-Übernahmen vorzuweisen.

Big Blue hat immer wieder Teile seines Cashflows genutzt, um Innovation von außen zuzukaufen.

Alleine 14 Milliardenübernahmen habe ich seit 2000 gezählt. Einige von denen habe ich als IBM-Partner und später IBM-Wettbewerber sogar aus nächster Nähe miterlebt.

Diese Übernahmen waren finanziell mehr oder weniger erfolgreich, einige sogar sehr erfolgreich.

Technologisch gesehen waren sie alle eine mehr oder weniger große Katastrophe.

Denn nach dem “Blue Washing” – wie Insider die Integration einer zugekauften Organisation in die IBM-Prozesse nennen – ging meist ein großer Teil der zugekauften Innovationskraft verloren.

Zahlreiche Leistungsträger wollten nicht für den starren IBM-Konzern arbeiten und verließen das Unternehmen spätestens nach einer finanziell großzügig incentivierten Bindefrist.

IBM hat angekündigt, dass das diesmal mit Red Hat nun alles anders laufen soll.

Red Hat soll seine Unabhängigkeit behalten dürfen, der Red Hat CEO Jim Whitehurst und sein Management-Team sollen an Bord bleiben.

IBM und Red Hat Übernahme soll gemeinsam vorangebracht werden
IBM und Red Hat: Dieses mal soll alles anders laufen, denn Red Hat soll seine Unabhängigkeit behalten dürfen.

Diese Absichtserklärungen sind aller Ehren wert. Ich werde das gespannt von der Außenlinie beobachten.

Mit IBM und Red Hat prallen zwei Welten aufeinander. Die Firmenkulturen könnten unterschiedlicher kaum sein.

Red Hat hat erfolgreich sein Image des offenen “Good Guys” in der Softwareindustrie gepflegt – während IBM sich zugleich bei seinen Bestandskunden immer öfters unbeliebt machte durch seine Preispolitik, den internen Kostendruck und durch Unflexibilität gepaart mit Arroganz vor allem im Vertrieb.

Ein Wendepunkt in der IBM-Geschichte?

Das Erhalten der Selbständigkeit von Red Hat halte ich für “Mission Critical” für das Gelingen dieser Übernahme.

Im besten Fall könnte dieser Tag der Red Hat-Übernahme tatsächlich einen Wendepunkt in der Geschichte des IBM-Softwaregeschäftes bedeuten.

Nämlich dann, wenn es gelingt, die Open Source Kultur von Red Hat in der gesamten IBM-Organisation zu verankern.

Dieser Kulturwandel ist eine Herkulesaufgabe für die aber wohl keiner so gut geeignet ist wie Jim Whitehurst.

Der Red Hat CEO hat übrigens ein sehr lesenswertes Buch zu seiner Unternehmenskultur “The Open Organization” veröffentlicht.

Strategisch ist diese Übernahme für IBM durchaus sinnvoll.

Neben dem möglichen kulturellen Wandel passen auch die Produktportfolios gut zusammen.

Die IBM hat gemeinsam mit Red Hat sicherlich bessere Chancen, eine führende Rolle zu spielen, wenn es um die Entwicklung des zukünftigen Betriebssystems und der Infrastruktur-Software in hybriden Cloud-Szenarien geht.

Allerdings ist eine Marktführerschaft bei cloud-basierten Zukunftstechnologien auch nach der Red Hat Übernahme keinesfalls sicher wie das die Pressemeldung suggeriert.

Besser planbar sind da schon die finanziellen Effekte aus der Zukunft des profitabel wachsenden Umsatzstroms von Red Hat. Und ich bin mir sicher, dass bei der Planung dieser Transaktion neben allen Cloud-Visionen vor allem auch eine gehörige Portion “Financial Engineering” mit dabei war.

IBM und Red Hat – Bewertung des Deals

Red Hat machte im zum 28. Februar abgelaufenen Geschäftsjahr 2018  $2,92 Milliarden Umsatz, das waren 21 Prozent mehr als im Vorjahr.

In den Jahren zuvor seit 2013 hatte das Wachstum stets zwischen 15 und 18 Prozent betragen.

Der Übernahmepreis beträgt circa das 10-fache des im laufenden Geschäftsjahr zu erwartenden Umsatz.

Das ist ein sehr stolzer Preis für ein Unternehmen, das um maximal 20 Prozent jährlich wächst.

Red Hat arbeitet mit einer Bruttomarge von 85 Prozent und bei einer Free-Cashflow-Marge von zuletzt 28 Prozent sehr profitabel.

Das ist sehr gut, aber ein Cashflow von $821 Millionen im letzten Geschäftsjahr rechtfertigt sicherlich dennoch nicht den Preis von $34 Milliarden.

Es wird also ein strategischer Preis gezahlt – und das kann sich durchaus als richtig erweisen.

Im Hinblick auf einen möglichen kulturellen Wandel, aber vielleicht auch, um zu verhindern, dass man selbst weitere Marktanteile verliert z.B. weil sich ein anderer Tech-Riese Red Hat einverleibt.

Wir waren mit dem Digital Leaders Fund (DLF) weder in IBM noch in Red Hat investiert. Für mich ist die Übernahme von Red Hat durch die IBM dennoch auch eine Bestätigung der Anlagestrategie des DLF:

Eine solche Übernahme ist grundsätzlich ein mögliches zweites Exit-Szenario für unsere Investments der Kategorie Digital Enabler. Denn neben dem Enterprise Value, der sich an der Börse tagtäglich aus der Marktkapitalisierung ableiten lässt, gibt es immer auch einen Unternehmenswert am freien Markt außerhalb der Börse.

IBM und Red Hat – Fazit

Wenn in stürmischen Börsenzeiten die Aktienkurse unter den eigentlichen Wert außerhalb der Börse fallen, dann wird es immer wahrscheinlicher, dass ein strategischer Aufkäufer zuschlägt.

Das ist unser “Plan B” für die Investments in unsere “Digital Enabler”:

Auch wenn wir in den seltensten Fällen direkt auf eine Übernahme spekulieren, so denken wir jedoch viel darüber nach, welchen strategischen Wert die Aktien im Portfolio des DLF für potentielle Aufkäufer haben.

Ein solches unternehmerisches Denken kann für Aktionäre übrigens extrem beruhigend wirken.

Denn während die Aktienkurse heftig schwanken, entwickeln sich die wahren Unternehmenswerte wesentlich stetiger.

Der Red Hat – Aktienkurs hat in den vergangenen Monaten um über 30 Prozent verloren.

Der innere Wert der Anteile lag nun offenbar um über 60 Prozent über den letzten Kursen.

Zumindest hat das die IBM so bewertet. Interessanterweise hat der Markt offenbar derzeit noch ernsthafte Zweifel, ob der Deal wie angekündigt zustande kommt. Denn anders ist nicht zu erklären, dass die Red Hat Aktie am Tag nach dieser Ankündigung über 10% unter dem Übernahmepreis zu haben war. Es bleibt also spannend.


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Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser war in seinem gesamten Berufsleben in der High-Tech-Industrie tätig. Er hat sein eigenes Software-Unternehmen gegründet, internationalisiert und vor einigen Jahren ins Silicon Valley verkauft. Der Wirtschaftsmathematiker investiert seit 30 Jahren erfolgreich in Aktien und ist Co-Founder des Digital Leaders Fund.

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