Inference on Demand – Warum LLMs den App-Store ablösen werden

14. November 2025

Editorial The DLF Aktien Blog

In dieser Woche wehte ein Hauch von Exodus Communications über der Aktie von CoreWeave. Als ich am Dienstag mit einem Broker die Zahlen des Neobrokers besprach, dachten wir beide an jenen gescheiterten Datacenter-Pionier der Dotcom-Ära, der eigentlich das Zeug hatte, zum größten Cloudanbieter der Welt zu werden. Dazu kam es bekanntlich nicht. Zu hoch war der Schuldenberg, zu gering die Liquidität der Exodus-Kunden.

Die CoreWeave-Aktie verlor binnen weniger Tage rund 30 Prozent – vom Hoch gerechnet fast 60 Prozent. Die CDS preisen jetzt sogar eine 40-prozentige Pleitewahrscheinlichkeit ein. Droht CoreWeave ein ähnliches Schicksal wie einst Exodus?

Über illiquide Kunden kann sich CoreWeave allerdings nicht beklagen. MicrosoftMeta, IBM, Nvidia und OpenAI bescheren dem Unternehmen Remaining Performance Obligations (RPOs) in Höhe von über 55 Milliarden Dollar – vertraglich vereinbarte Leistungen, die noch nicht als Umsatz verbucht wurden. Klar, der Schuldenberg ist hoch, aber die Zahlen waren solide und die Rechenkapazitäten sind auf absehbare Zeit ausverkauft.

Allerdings müssen die GPUs auch mit Strom versorgt werden. Hier kam es im aktuellen Quartal zu Verzögerungen bei einem Rechenzentrumspartner – vermutlich Core Scientific. „Execution Risk“ ist jetzt das große Thema, besonders für all jene Bitcoin-Miner, die sich anschicken, KI-Cloud-Anbieter zu werden. In dieser Woche gab es dort ein regelrechtes Blutbad an den Börsen.

Auch die Nebius-Aktie musste deutlich Federn lassen. Dabei ist das Unternehmen finanziell besser aufgestellt und setzt stärker auf eigene Kompetenz beim Aufbau seiner Neoclouds. Trotz eines großen Deals mit Meta verlor die Aktie nach den Quartalszahlen spürbar an Wert.

Doch vieles spricht dafür, dass die KI-Rally lediglich eine überfällige Verschnaufpause einlegt. Die Kurse waren den Fundamentaldaten wohl etwas zu weit vorausgeeilt. Aber die Realität dürfte nachziehen: Rechenleistung und Stromzugang bleiben auf absehbare Zeit die zentralen Engpässe für weiteres Wachstum.

Das Capex-Budget der Hyperscaler wurde Anfang des Jahres noch auf rund 318 Milliarden Dollar für 2025 geschätzt – nach den Q3-Zahlen liegen wir nun bereits bei 518 Milliarden. Für 2026 rechnen Analysten im Schnitt mit einem Anstieg von 30 Prozent, zuvor waren es 19 Prozent. In einem lesenswerten Blog hat SemiAnalysis dargestellt, wie verheerend die Capex-Pause von Microsoft Anfang des Jahres war und wie verzweifelt das Unternehmen derzeit versucht, wieder Boden gutzumachen. Demnach ist dem Konzern ein Rohertrag von rund 30 Milliarden Dollar jährlich entgangen. Vorsicht kostet in der KI-Ära Geld. Und wenn CoreWeave tatsächlich ins Wanken geraten sollte, stünden die Microsofts dieser Welt bereit, um die vertraglich vereinbarten Gigawatt-Stromleistungen zu übernehmen.

Und trotz aller Unkenrufe: Die Monetarisierung von Rechenleistung und generativer KI wird greifbarer. OpenAI-CEO Sam Altman gibt sich optimistisch. In einem Podcast gemeinsam mit Satya Nadella verkündete er, dass eine Umsatz-Run-Rate von 100 Milliarden Dollar bereits im Jahr 2027 machbar sei. Investoren glauben daran – und sind bereit, das Unternehmen mit einer Billion Dollar zu bewerten. Der Grund: Die großen Sprachmodelle sind die App-Stores der Zukunft.

Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der jede Applikation und Software von wenigen Sprachmodellen unterstützt wird. Die OpenAIs, Alphabets, Metas und Anthropics dieser Welt – und ihre chinesischen Pendants – verdienen immer mit: beim Einkaufen, Programmieren, Recherchieren, Streamen. In der Gen-AI-Welt ist dann alles nur noch Inference on Demand, und jede Abfrage spült Geld in die Kassen der neuen Enabler der Welt. 

Die Aktien dieser Enabler – zu denen auch Alphabet, Meta und Microsoft gehören – sind in dieser Woche etwas günstiger geworden. An ihrem Siegeszug wird die Verschnaufpause an den Börsen jedoch nichts ändern.

Autor

  • Baki Irmak

    Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien bei BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanager bei der Commerzbank und ABN Amro.

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Baki Irmak

Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien bei BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanager bei der Commerzbank und ABN Amro.

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