Inflation, Rotation, Kapitulation – Märkte auf dem Selbstfindungstrip

14. Mai 2021

Turbulenzen an den Märkten

Viele High-Growth Aktien kommen an der Börse gerade massiv unter die Räder (Stichwort: SaaS). Gleichzeitig hellen sich die Fundamentals bei vielen Old Economy Unternehmen auf, und die Kurse der Zykliker schießen nach oben.

Die Hintergründe der aktuellen Turbulenzen an den Märkten

Die Stimmung an den Märkten hat in den letzten Wochen gedreht. Es finden sich jede Menge Anzeichen, dass das, was noch bis vor wenigen Wochen als unumstößliche Wahrheit gehandelt wurde, heute in Frage gestellt wird. Der unaufhörliche Anstieg der New Economy Champions. Das ist nicht mehr die Basis-These an der Börse. Die Luft für die neuen Stars aus der SaaS Welt wird nicht nur dünner und dünner, sondern sie entweicht hörbar laut.

Kurssturz bei Tech-Fonds

Ablesbar ist dieser Trend an den massiven Verlusten, die derzeit viele High-Growth Aktien erleiden. Das zieht auch so manche gefeierte Tech und Growth Fonds nach unten. Etwa die von Cathie Wood verwalteten ARK ETFs. Das Flaggschiff ARK Innovation musste in den vergangenen drei Monaten über 36 Prozent abgeben, seit Anfang  Mai waren es bereits gut 17,5 Prozent (Dollar Basis). Auch der europäische Klon-Fonds Nikko AM ARK Disruptive Innovation Fund hat in den vergangenen drei Monaten ein Drittel seines Wertes eingebüßt. 

Auch Fonds von anderen Growth-Stars wie Baillie Gifford verloren. Zwar nicht so stark wie die hochkonzentrierten ARK ETFs, aber auch hier zeigt sich, wie eine Themen-Konzentration die Performance von vermeintlich diversifizierten Fonds beeinträchtigen kann, wenn der Wind an den Märkten dreht.

Tabelle: ARK und Baillie Gifford

Sortierkriterium Vermögen in Mio (Basiswährung), Performance (in Prozent) und Vermögen in Basiswärung und per 13.5.2021. Quelle: Morningstar

Ein zweiter, genauerer Blick auf das Portfolio des ARK Innovation zeigt das Ausmaß der Verluste. Keine der Top 15 Aktien des Cathie Wood Flaggschiffs kam seit Beginn der Korrektur bei Tech Werten vor drei Monaten mit Verlusten von weniger als 30 Prozent davon; seit Anfang des Jahres sieht es im ARK Innovation ziemlich rot aus.

Tabelle: Performance Top 15 Holdings ARK Innovation 

Sortierkriterium: Gewichtung, Performance (in Prozent) in Dollar und per 13.5.2021. Quelle: Morningstar

Old Economy Branchen sind die Gewinner

Halten wir also fest, dass derzeit ein regelrechter Abverkauf stattfindet. Doch das ist nicht die ganze Story. Es findet nämlich, und das mag jetzt überraschen, absolut kein Crash in der Breite statt. Anleger, die ein klassisches MSCI World Pantoffel Portfolio pflegen, werden zuletzt kaum mehr als ein leichtes Zucken der Preiskurve nach unten registriert haben.

Per Saldo sieht die bisherige Mai-Bilanz nicht so schlimm aus. Die europäischen Aktienmärkte traten im Mai auf der Stelle, in den USA hielt sich der S&P 500 recht stabil. Regelrecht durch die Decke gingen die Kurse in den Old Economy Branchen: Energie, Financials, Rohstoffen.

Tabelle: 2021 gewinnt die Old Economy

Sortierkriterium Performance 3 Monate (in Prozent), in Dollar und per 13.5.2021. Quelle: Morningstar

Auf einen kurzen Nenner gebracht: Old Economy Aktien haben den Growth Stars in diesem Jahr den Rang abgelaufen. Das zeigt sich auch darin, dass der MSCI World Value den MSCI World Growth bisher in diesem Jahr um mehr als zwölf Prozentpunkte übertroffen hat.

Ein Wachstums Chart, der die Performance von Growth versus Value im Jahr 2021 zeigt
Performance des MSCI World Value und des MSCI World Growth 2021, Angaben in Prozent und per 11.5.2021. Quelle: Morningstar

Whodunit: Die Spur führt nach Washington

Die Ursachensuche für die Rotation führt nach Washington D.C., zur US-Notenbank Fed. Sie lässt gerade die geldpolitischen Zügel schleifen. Ungeachtet des rasanten Wirtschaftswachstums hält die Fed die Zinsen niedrig, kauft weiter unverdrossen Anleihen – und wird auf absehbare Zeit nichts daran ändern.

Es gab Zeiten, in denen Beobachter der US-Notenbank versuchten Zinsänderungen zu antizipieren, indem sie die Stärke der abgewetzten Ledertasche des damaligen Fed Chefs Alan Greenspan taxierten, die er auf dem Weg zur Arbeit trug. Der Verlauf des „Aktentaschen-Indikators“ war amüsant zu verfolgen, aber Zeitpunkt, Umfang und auch die Richtung der Zinsentscheidungen der Fed waren entsprechend nebulös – und verbreitete unter Anlegern oft Nervosität.

Heute haben es Investoren sehr viel leichter. Die Richtung der Geldpolitik der Fed muss nicht länger erraten werden. Denn die Kommunikation von Fed Chef Jerome Powell ist vollkommen transparent: Die US-Notenbank wird höhere Inflationsraten zulassen und sich von „Durchschnittswerten“ bei der Teuerungsrate leiten lassen. Das sklavische Inflationsziel von zwei Prozent gehört also der Vergangenheit an. Anleger kennen dieses Fed Drehbuch seit dem vergangenen Jahr. Die Zinsen bleiben bis auf Weiteres im Keller. Punkt.

Auch die EZB gibt sich in diesen Tagen locker

Auch die Europäische Zentralbank tendiert in diese Richtung, auch wenn sie – mit Rücksicht auf die Inflations-Vigilantes in Deutschland und anderen nordeuropäischen Staaten – das nicht so klar kommuniziert wie die Fed. EZB Direktorin Isabel Schnabel formulierte es Mitte Mai so: Auch wenn die Inflationsrate in Deutschland in diesem Monat auf über drei Prozent steigen sollte, ließe sich die EZB nicht von derartigen kurzfristigen Fluktuationen beeinflussen.

Derweil gewinnt mit dem konjunkturellen Aufschwung – vor allem in den USA – auch die Inflation massiv an Fahrt. Nicht nur die Löhne steigen, sondern die Unternehmen geben die gestiegenen Rohstoff-Preise auch in Gestalt von Preiserhöhungen an ihre Kunden weiter. Die Teuerungsrate lag im April bei 4,2 Prozent. Das war die höchste monatliche Steigerung seit September 2008 und deutlich mehr als die Konsensschätzungen von 3,6 Prozent. Im März hatte die Inflationsrate noch bei 2,6 Prozent gelegen.

Re-Kalibrierung der Anleger Portfolios weltweit

Kein Wunder also, dass die Anleger rund um den Globus ihre Portfolios entsprechend auf einen sogenannten Reflations Trade rekalibrieren, und zwar mit Blick auf Asset Klassen (weg von Bonds, hin zu Aktien) als auch auf die Ebene darunter – die Rekalibrierung findet hier in mehreren, sich teilweise überschneidenden Bereichen statt, und zwar bei Investmentstilen (Growth zu Zyklikern bzw. Value), Branchen (raus aus Technologie, rein in Energie und Banken) und Themen (raus aus High-Growth Aktien, rein in Dividenden Investments).

Fazit: Diversifikation ist heute wichtig wie lange nicht mehr

Das wichtigste Fazit zur heutigen Lage lässt sich ganz gut am Portfolio von The Digital Leaders Fund ablesen. Zwar hat es auch einige unserer Portfolio Unternehmen erwischt. The Trade Desk, Baidu, Pure Storage oder Peloton sind in den vergangenen drei Monaten um jeweils rund 40 Prozent nach unten gerauscht. Obwohl die jüngst gemeldeten Quartalszahlen zumeist sehr ordentlich waren. Doch „ordentlich“ ist heute erkennbar nicht genug für Anleger. 

Wir haben diesem Wandel Vorsorge getragen und die Positionen in etlichen der sehr hoch bewerteten Unternehmen schon seit längerer Zeit abgebaut. Und wir zögern noch, jetzt, inmitten eines Tech-Bärenmarkts, die Kursrückschläge für Zukäufe zu nutzen (Ausnahme: Peloton).

Viele Anleger wenden sich den Billigheimern auf der anderen Seite des großen Grabens zu und kaufen Energie, Banken und Rohstoffe. Davon können wir partiell profitieren. Einige Digital Transformation Leaders, die heute im The Digital Leaders Fund hoch gewichtet sind, wie BBVA, Porsche, TCS, Straumann oder Goldman Sachs, konnten zuletzt sehr gut zulegen. 

Unter unseren Top Holdings mussten in den vergangenen drei Monaten nur IAC und Taiwan Semiconductor deutlich abgeben; 2021 liegen nur Walt Disney und Walmart leicht im Minus. Diversifikation ist in diesen ungemütlichen Zeiten Trumpf.

Grafik: Die Performance 2021 der Top Positionen im Digital Leaders Fund

Besondere Chancen sehen wir heute bei Retailbanken mit einem starken Digitalgeschäft. Zum einen profitieren sie von den gestiegenen Renditen am Anleihenmarkt (die erheblich gestiegene Inflationserwartung lässt mehr davon erwarten). Zum anderen profitieren sie von Effizienzgewinnen.

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Baki Irmak

Baki Irmak

Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien bei BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanger bei der Commerzbank und ABN Amro.

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