Wird der immense Stromhunger der KI-Wirtschaft vom Comeback der Kernenergie gesättigt? In den USA werden Kernkraftwerke wieder in Betrieb genommen und neue geplant. Im ersten Teil unseres Deep Dives zur Renaissance der Kernenergie gehen wir auf die Treiber der Nachfrage, die Fortschritte und Herausforderungen sowie die Kernenergie-Debatte in Deutschland ein.
Der Stromverbrauch nimmt aufgrund des rasanten Wachstums der KI-Wirtschaft massiv zu. Es geht vor allem um Rechenzentren und die Elektrifizierung. In den USA reagieren die Energieversorger mit der Wiederinbetriebnahme bzw. Modernisierung von Kernkraftwerken, Leistungssteigerungen und Lizenzverlängerungen. Diese Bemühungen könnten die Stromerzeugung aus Kernkraft bis 2030 um etwa 7 Prozent (≈7 GW) steigern und bieten eine schnellere und risikoärmere Alternative zum Bau neuer Reaktoren. Anders sieht es in Europa aus. Hier stehen in vielen Ländern schwierige politische Entscheidungen hinsichtlich des Energiemixes an – vor allem in Deutschland, das nach dem Reaktor-Unfall in Japan 2011 den Ausstieg aus der Kernenergie vorantrieb und bis 2022 vollzog.
Wichtige Treiber für das Wachstum der Stromnachfrage
Der steigende Strombedarf durch KI und Big Tech verbessert die Wirtschaftlichkeit der Kernenergie. Technologieunternehmen wie Microsoft und Meta unterzeichnen langfristige Stromabnahmevereinbarungen (PPAs) mit Kernkraftwerksbetreibern. Constellation Energy investiert 1,6 Milliarden US-Dollar in die Wiederinbetriebnahme des 837-MW-Kraftwerks (jetzt Crane Clean Energy Center genannt), unterstützt durch einen 20-jährigen Stromabnahmevertrag (PPA) mit Microsoft. Der Vertrag sichert Microsoft saubere Energie für seine Rechenzentren und ermöglicht die Wiederinbetriebnahme bereits 2027, ein Jahr früher als geplant.
Die Regierung von Präsident Donald Trump hat die Nuclear Regulatory Commission (NRC) angewiesen, die Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, um Wiederinbetriebnahmen und Leistungssteigerungen zu erleichtern. Diese Bemühungen bauen auf einem wachsenden parteiübergreifenden Konsens in Washington auf, dass Kernenergie für die Deckung des steigenden Strombedarfs bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer kohlenstoffarmen Stromerzeugung unerlässlich ist.
Wiederinbetriebnahmen in den USA
Holtec leitet die Wiederinbetriebnahme des 800-MW-Kraftwerks Palisades in Michigan, das von der NRC bereits von „Stilllegung” in „Betrieb” umklassifiziert wurde. Das Unternehmen ist dabei, die Anlage vollständig neu zu besetzen, mit dem Ziel, die Belegschaft auf rund 600 Mitarbeiter zu vergrößern. In Iowa prüft NextEra Energy die mögliche Wiederinbetriebnahme des 600-MW-Kraftwerks Duane Arnold, wobei die Gespräche noch andauern. Unterdessen investiert Constellation 1,6 Milliarden US-Dollar in die Wiederinbetriebnahme des 837-MW-Kraftwerks Three Mile Island Unit 1 in Pennsylvania, das nun in Crane Clean Energy Center umbenannt wurde. Das Projekt wird durch einen 20-jährigen Stromabnahmevertrag mit Microsoft unterstützt und könnte bereits 2027 wieder in Betrieb genommen werden. Insgesamt dürften diese Initiativen und andere in Entwicklung in naher Zukunft zu einer Erhöhung der Kernkraftkapazität um 1,6 bis 2 GW führen.
Leistungssteigerungen und Lizenzverlängerungen
Die USA streben auch Leistungssteigerungen an, um die Kapazität ihrer bestehenden Kernkraftwerke zu erweitern. Präsident Trump hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 durch Leistungssteigerungen 5 GW hinzuzufügen. Constellation Energy strebt eine Leistungssteigerung seiner Anlage in Limerick (Pennsylvania) um 340 MW an, während Duke Energy eine Reihe von Projekten in seinen Anlagen in Carolina plant, die zusammen eine Leistungssteigerung von rund 645 MW bewirken würden – das entspricht der Leistung eines kleinen modularen Reaktors. Die NRC hat in den letzten zwei Jahrzehnten bereits Leistungssteigerungen von 6 GW genehmigt und prüft derzeit Anträge für weitere 2 GW.
Gleichzeitig werden Lizenzverlängerungen zu einem immer wichtigeren Instrument zur Sicherung der langfristigen Kapazität. Bis 2035 laufen die Lizenzen für 24 Reaktoren aus, was die Energieversorger zum Handeln veranlasst. Duke Energy arbeitet daran, die Betriebsgenehmigungen für 11 Reaktoren in North und South Carolina zu verlängern, während Constellation Energy die Verlängerung für seine Flotte von 21 Reaktoren anstrebt. Dazu gehört eine 20-jährige Verlängerung für das 1,1-GW-Kraftwerk Clinton in Illinois, unterstützt durch einen langfristigen Stromabnahmevertrag mit Meta.
Hindernisse und Chancen für den Ausbau der Kernenergie
Die Wiederinbetriebnahme von Kernkraftwerken in den Vereinigten Staaten steht vor mehreren Hürden. Die Komplexität der Regulierung bleibt ein großes Problem, wie der langwierige Prozess der Umstellung des Kraftwerks Palisades vom Status „Stilllegung” auf „Betrieb” zeigt. Auch der Arbeitskräftemangel stellt eine Herausforderung dar, da der Sektor qualifizierte Nukleartechniker, Schweißer und Betreiber benötigt, die umfangreiche Schulungen absolvieren müssen, um die Sicherheitsstandards zu erfüllen. Darüber hinaus kommen nur Kraftwerke, die erst vor relativ kurzer Zeit stillgelegt wurden und noch über einen Großteil ihrer Infrastruktur verfügen, für eine Wiederinbetriebnahme infrage, was die Gesamtzahl der realisierbaren Projekte begrenzt.
Trotz dieser Hindernisse tendiert die öffentliche Meinung zunehmend zugunsten der Kernenergie. Laut einer Pew-Umfrage vom Juni 2025 befürworten mittlerweile 59 % der Amerikaner den Ausbau neuer Kernkraftkapazitäten, was es einfacher macht, die Akzeptanz der Bevölkerung für diese Projekte zu gewinnen.
Deutscher Kerntechnischer Verein fordert Wiederinbetriebnahme
Der deutsche Kerntechnikverband Kerntechnik Deutschland argumentiert, dass die Wiederinbetriebnahme einiger der kürzlich stillgelegten Kernreaktoren des Landes eine sichere, wirtschaftlich tragfähige und klimafreundliche Alternative zur aktuellen Energiepolitik wäre. Er behauptet, dass bis zu sechs Reaktoren innerhalb von drei bis fünf Jahren technisch wieder in Betrieb genommen werden könnten, je nachdem, wie weit die Stilllegung fortgeschritten ist, wobei die Kosten auf 1 bis 3 Milliarden Euro pro Anlage geschätzt werden.
KernD hebt mehrere Probleme der deutschen Energiewende hervor: den langsamen Ausbau der Windenergie (insbesondere in Bayern), Verzögerungen beim Ausbau der Übertragungsnetze und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen oder importiertem Strom, häufig aus französischen Kernkraftwerken. Dies hat zu höheren CO₂-Emissionen geführt, den Kohleausstieg behindert und die deutschen Stromkosten international nicht wettbewerbsfähig gemacht, was die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie gefährdet.
Der Verband sieht die Kernenergie als Möglichkeit, das Stromnetz zu stabilisieren, die CO₂-Emissionen zu senken und erneuerbare Energien durch die Bereitstellung von regelbarer Grundlaststrom zu unterstützen. Er betont, dass die weitere Nutzung der Kernenergie dazu beitragen könnte, die Kohle auslaufen zu lassen, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden, und dass sie Wind- und Solarenergie ergänzen könnte, indem sie deren Schwankungen ausgleicht.
KernD fordert die Bundesregierung auf, die Wiederinbetriebnahme zu ermöglichen, und warnt vor Deindustrialisierung, hohen Strompreisen, Importabhängigkeit und Versorgungsrisiken. Seine Mitglieder bieten ihr Fachwissen und ihre Bereitschaft zur Unterstützung an. Die Gruppe betont, dass Kernenergie die CO₂-Emissionen schnell reduzieren und gleichzeitig die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands durch niedrigere Stromkosten stärken kann.
Öffentliche Meinung und Politikwechsel in der EU
Die öffentliche Meinung hat sich tatsächlich etwas zugunsten der Kernenergie verschoben: Einige Umfragen deuten darauf hin, dass eine Mehrheit die Wiederinbetriebnahme oder Fortsetzung der Kernenergienutzung unterstützt.
In den letzten Monaten hat die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz ihre Haltung gelockert und angedeutet, dass es sich nicht mehr dagegen wehren wird, Kernenergie in der EU-Klimagesetzgebung gleichberechtigt mit erneuerbaren Energien zu behandeln. Dies ist eine bedeutende politische Wende, die den Weg für künftige Diskussionen über Kernenergie ebnen könnte – insbesondere im Hinblick auf kleine modulare Reaktoren (SMR).
Diese Wende steht im Einklang mit allgemeinen europäischen Trends: Die Unbeständigkeit erneuerbarer Energien, Bedenken hinsichtlich der Energiesicherheit und die steigende Nachfrage (z. B. durch Rechenzentren) haben die Diskussionen über Kernenergie in den Nachbarländern wieder angefacht.
Können deutsche Reaktoren wieder in Betrieb genommen werden?
Deutschland verfügt zwar weiterhin über die technischen Möglichkeiten, einige seiner kürzlich stillgelegten Kernreaktoren wieder in Betrieb zu nehmen, doch unter den aktuellen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen ist eine tatsächliche Wiederinbetriebnahme höchst unwahrscheinlich. Vorerst bleibt der vollzogene Ausstieg in Kraft. Die sich wandelnde EU-Politik und die veränderten Perspektiven der Bundesregierung deuten jedoch darauf hin, dass eine solche Wende in Zukunft – insbesondere mittel- bis langfristig – Realität werden könnte. Gleichzeitig verändert der rasante Aufstieg von KI und digitalen Technologien den weltweiten Strombedarf, wobei Europa bei der Einrichtung von Rechenzentren bereits ein bis zwei Jahre hinter den weltweit führenden Ländern zurückliegt. Da die Nachfrage nach zuverlässiger und groß angelegter Stromversorgung weiter zunimmt, könnte Deutschland am Ende keine andere Wahl haben, als die Kernenergie als notwendige Ergänzung zu erneuerbaren Energien wieder in Betracht zu ziehen, um seine Wettbewerbsfähigkeit und Energiesicherheit zu gewährleisten.
Angesichts des steigenden Strombedarfs und der wieder zunehmenden politischen Bedeutung der Kernenergie bieten Unternehmen mit Engagement im Kernenergiebereich eine günstige Investitionsmöglichkeit. Durch die Wiederinbetriebnahme und Leistungssteigerung von Kernkraftwerken in den USA wird die Kapazität zu einem Bruchteil der Kosten für Neubauten erhöht, was die Cashflow-Transparenz für Betreiber und Zulieferer verbessert.
Gleichzeitig sorgt das wachsende Interesse der großen Technologieunternehmen an langfristigen Stromabnahmeverträgen für dauerhafte Einnahmequellen. In Europa könnten sich durch eine veränderte Stimmung und politische Anpassungen zusätzliche Aufwärtspotenziale ergeben, insbesondere wenn Deutschland seinen Ausstieg aus der Kernenergie überdenkt. Zusammen bilden diese Faktoren Katalysatoren für eine Neubewertung von Aktien mit Bezug zur Kernenergie und bieten Anlegern eine Mischung aus defensiven Erträgen etablierter Betreiber und Wachstumspotenzial von Unternehmen, die gut positioniert sind, um neue Nachfrage zu erschließen.
Im zweiten Teil dieser Serie werden wir uns mit Unternehmen befassen, die im Bereich Kernenergie engagiert sind.
Autor
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Stefan schaut auf eine mehr als 20-jährige Erfahrung in den Bereichen Aktien, festverzinsliche Wertpapiere, Derivate und Hedge Funds zurück. In seiner Tätigkeit als globaler Leiter des Quantitativen Research Teams bei ABN AMRO, hat er über 300 institutionelle Kunden in den USA, Europa und Asien zu allen Fragen des Investment Prozesses beraten. Zuvor war er 10 Jahre bei Salomon Smith Barney als Leiter des quantitativen Research Teams für Europa tätig, wo er Top Rankings in den großen Research Surveys erzielte. Stefan hat über 50 Research Veröffentlichungen zu allen Aspekten des Investment Prozesses in Aktien, festverzinsliche Wertpapiere und Währungen publiziert.
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