MOVE kontra VIX: Wessen Konjunkturszenario sticht?

15. Juli 2022

VIX und MOVE

MOVE kontra VIX oder was uns die Divergenzen zwischen den zwei „Angstindikatoren“ sagen: Sind die notorisch optimistischen Aktienanleger zu sorglos, oder übertreiben es die Pessimisten auf der Anleihenseite? Die Märkte sind heute in einer spannenden Findungsphase. Jenseits der Kursbewegungen von Aktien und Anleihen sind daher die Signale von den Optionsmärkten besonders spannend.

Tina und Goldilocks sterben den plötzlichen Inflationstod

Das Jahr 2022 war bisher von zwei großen Trades bestimmt, die sich eigentlich kategorisch ausschließen: Wachstum versus Rezession, Inflation versus Deflation. Nach dem Ende der kurzen, scharfen Corona-Korrektur 2020 waren die Märkte zur altbekannten Tagesordnung zurückgekehrt: Niedrige Zinsen und Anleihenkäufe der Notenbanken brachten ein Growth-freundliches Umfeld, Tech- und Wachstumswerte reüssierten und Value-Anleger schauten wieder einmal in die Röhre. Doch mit Rückkehr der Inflation 2021, dem russischen Überfall auf die Ukraine und beständiger Lieferkettenprobleme hat sich die wirtschaftliche Großwetterlage dramatisch verändert. 

Inzwischen treten die Notenbanken angesichts rapide steigender Preise weltweit auf die geldpolitische Bremse, um das Wirtschaftswachstum einzudämmen. Das wiederum weckt Ängste vor einer Rezession. Aktuell irren Anleger in einer Art Zwischenwelt: Es herrscht großes Rätselraten, ob die Weltwirtschaft weiter wachsen wird, oder ob der Zug von der Inflation, dem Krieg und den Lieferketten-Infarkten zum Entgleisen gebracht wird. 

Wie reagieren die Märkte auf diese widersprüchlichen Vorgaben? Die logische Antwort: höchst widersprüchlich. Zunächst sind in einer ersten Reaktion auf den plötzlichen Tod von TINA und Goldilocks beide großen Anlageklassen in diesem Jahr unter die Räder gekommen. Aktien verlieren 2022 bisher rund 20 Prozent, breit gestreute Euro- und Dollar-Rentenindizes brechen um rund zehn Prozent ein. Das erste Phänomen stellt eine Korrektur dar, das zweite einen Jahrhundert-Crash. 

Doch in den vergangenen Monaten hat sich das Bild immer wieder verändert. Mal schiebt sich das Inflationsszenario nach vorn – so etwa in den ersten drei, vier Monaten; seit Mitte Juni blitzt immer wieder das Deflationsszenario auf. Ersteres hat Value Aktien einen Push gegeben, letzteres Wachstumswerten, die bisher in diesem Quartal leicht zugelegt haben während Value Aktien auf der Stelle treten. Doch das sind alles Momentaufnahmen. Gibt es tragfähigere Signale, und wenn ja: Was sagen sie uns? Die Antwort lautet: Ja, aber die Fallstricke sind zu beachten.

Schock-Signale von den Optionsmärkten: MOVE und VIX

Wir haben bereits in einer vorangegangenen Kolumne mit der Zinsstrukturkurve beschäftigt. Rentieren kurz laufende Staatsanleihen höher als länger laufende, dann spricht man von einer Inversion der Zinskurve. Sie kündet von einer drohenden Rezession. Die Logik ist klar: Verflacht die Zinsstrukturkurve bzw. wird sie invers, dann rechnen Investoren mit niedrigeren Zinsen. Notenbanken senken die Zinsen, um einer stagnierenden oder schrumpfenden Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. In den USA haben die Spreads zwischen zwei- und zehnjährigen Anleihen immer wieder Rezessionssignale abgesondert

Eine Alternative bietet ein Blick auf die Optionsmärkte, genauer gesagt auf die Volatilitätsindizes für Aktien und Anleihen. Im Gegensatz zu kurs- bzw. renditebezogenen Indikatoren, die die Vergangenheit widerspiegeln – jeder für eine Kurs- bzw. Kurvenbildung relevanter Trade ist vergangen. Ja, wirklich jeder. Basta! – beinhalten implizite Volatilitäten Informationen über die Zukunft. Sie sagen damit mehr aus als die Messung der Kurs- und Preisschwankungen in der Vergangenheit, auf die Anleger typischerweise schauen. Die zwei wichtigsten Volatilitätsindizes für Aktien und Anleihen sind der VIX und der MOVE. 

Kommen wir zunächst zum VIX. Hinter diesem Tickersymbol steht der Name „CBOE Market Volatility Index“. Er wird oft als „Angstindikator“ bezeichnet und ist seit der großen Finanzkrise den meisten Anlegern geläufig. Der VIX spiegelt die 30-tägige implizite Volatilität der Optionen auf den S&P 500 Index wider. Er ist eine Schätzung, wie stark Aktien in den nächsten Monaten schwanken könnten. Technisch gesprochen leitet sich sein (realtime berechneter) Stand aus Puts (Optionen zum Verkauf von Aktien) und Calls (Optionen zum Kauf von Aktien) auf den US-Standardwerteindex ab. 

Auch wenn der VIX nicht die Kursrichtung an den Märkten vorhersagen kann, deutet ein Anstieg auf kommendes Unbill an den Märkten. Fallende Kurse schwanken in aller Regel deutlich mehr als steigende, und der VIX hat in der Vergangenheit stark mit fallenden Kursen korreliert. Mit steigenden Märkten nehmen die Schwankungen ab, und dann fällt der VIX zurück. Diese Eigenschaft hat zur Folge, dass der VIX-Verlauf in den vergangenen Jahrzehnten stets negativ mit seinem Mutterindex korreliert war; er pendelte in der Regel um den Wert von zwischen minus 0,7 und minus 0,75.

Aktienoptionen vs. Bond-Optionen: wer irrt?

In der Regel pendelt der VIX in normalen Zeiten bei Werten um die 20 Indexpunkten (jeder Indexpunkt steht für eine annualisierte implizite Volatilität von einem Prozent), in Zeiten von Stress ist er in den vergangenen 20 Jahren auf Werte von über 30, in der Spitze auf bis gut 80 Punkte (2008, 2020) hochgeschossen. (In Europa findet der VIX seine Entsprechung im VSTOXX, der die von Marktteilnehmern erwartete Schwankungsbreite des EURO STOXX 50 Index widerspiegelt.). 

Die untere Grafik zeigt die Entwicklung des VIX seit dem Jahr 2000. Er zeigt, dass der VIX als Angstindex seinem Namen alle Ehre macht. Eine etwas überraschende Erkenntnis: Auch wenn der VIX in diesem Jahr um rund 55 Prozent gestiegen ist, so liegt er aktuell bei nur rund 28 Punkten. Das ist deutlich weniger als in vorherigen Krisen und als es die nervöse Stimmung an den Märkten vermuten lässt. Wissen Aktien-Optionshändler mehr als der durchschnittliche Aktien- oder Fondsinvestor?

Der Verlauf des Angstbarometers für Aktien seit Anfang 2000

Der Verlauf des Angstbarometers für Aktien seit Anfang 2000
Indexstand in Punkten, Stand: 14.7.2022, Quelle: Bloomberg

Kommen wir nun zu deutlich weniger bekannten Pendant des VIX auf der Anleihenseite, zum sogenannten MOVE Index (Hinter dem Ticker steht der ursprüngliche Name „Merrill Lynch Option Volatility Estimate“). Der Index steht zu Unrecht im Schatten des VIX, denn Anleihen, genauer gesagt: US-Staatsanleihen, sind die wichtigste und liquideste Assetklasse der Welt. Kredit ist der Schmierstoff der Wirtschaft, und wenn sich der Maschinenraum überhitzt, hat das gravierende Folgen für die Realwirtschaft, als ein Crash an den Aktienmärkten. Mag der S&P 500 noch so stark im Fokus der Allgemeinheit stehen, Profi-Investoren werden so richtig nervös, wenn der Markt für Treasuries wankt. So zuletzt geschehen im März 2020, als die Liquidität am US-Rentenmarkt dramatisch abnahm, was drohte, einen Infarkt an den globalen Finanzmärkten auszulösen, der nur durch einen beherzten Eingriff der US-Notenbank verhindert wurde

Analog zum VIX spiegelt der MOVE die 30-tägige implizite Volatilität der Optionen auf zwei-, fünf, zehn- und 30-jährige Staatsanleihen wider. Er ist der bekannteste Volatilitäts-Index für Anleihen weltweit und auch der älteste. Er wurde von Harley Bassman 1988 unter dem Dach von Merrill Lynch ins Leben gerufen (seit 2019 besitzt Intercontinental Exchange, die Mutter der NYSE, die Rechte an dem Index). Bassman ordnet den Index funktional wie folgt ein: Das anhand der Renditekurve gemessene Durationsrisiko besagt, wann man sein Geld zurückbekomme, das Kreditrisiko gebe Aufschluss darüber, ob man sein Geld zurück bekomme, und der MOVE beantworte die Frage, wie man sein Geld zurückbekomme. (Für Insider: er bildet das pfadabhängige Konvexitätsrisiko ab.)

Der Verlauf des Angstbarometers für Anleihen seit Anfang 2000

Der Verlauf des Angstbarometers für Anleihen seit Anfang 2000
Indexstand in Punkten, Stand: 14.7.2022, Quelle: Bloomberg

Die obere Grafik zeigt die Entwicklung des MOVE seit dem Jahr 2000. Er zeigt, dass er als Angstindex seinem Namen alle Ehre macht – in Stresszeiten (v.a. 2008 und 2020) schießt er nach oben. Eine indes überraschende Erkenntnis: Der MOVE hat in diesem Jahr erst zum dritten Mal in 22 Jahren die Marke von 150 Punkten überschritten. Das spiegelt eine deutlich höhere Nervosität wider, als man es intuitiv vermuten könnte. Wissen Bond-Optionshändler mehr als der durchschnittliche Aktien- oder Fondsinvestor bzw. Aktien-Optionshändler? 

Die untere Grafik illustriert, wie stark die Risiko-Wahrnehmungen bei Aktien und bei Bonds derzeit auseinandergehen. Sie bildet den Verlauf des VIX und des MOVE seit Anfang 2020 ab. Es ist interessant, dass der VIX im März 2020 immense Ausschläge im Vergleich zu seiner Schwankung in diesem Jahr zeigt. Aktuell befindet sich der VIX deutlich unter dem bisherigen Jahreshoch kurz nach Beginn der russischen Invasion der Ukraine. 

Beim MOVE verhält es sich anders. Derzeit befindet sich der Angstindex für Bonds deutlich oberhalb des Niveaus vom Winter 2021/22. Er notiert derzeit in etwa auf dem Niveau vom März 2020, als der Stress bei Treasuries groß war. Aktienoptionen preisen also eher eine gute Earnings-Saison ein, während Bondoptionen eine Rezession erwarten lassen.

Bond-Optionen preisen eine Rezession, Aktienoptionen gute Zahlen ein

Bond-Optionen preisen eine Rezession, Aktienoptionen gute Zahlen ein
(Indexstände in Punkten, linke Y-Achse MOVE, rechte Y-Achse VIX, Stand: 14.7.2022, Quelle: Bloomberg

Auch Optionshändler sind nur Menschen

Wer hat also recht? Bloomberg zitiert eine Research Note von Bank of America, in der die Analysten ein Anziehen der Aktienmarktvolatilität erwarten. Demnach wäre der MOVE ein guter Indikator für das, was kommen dürfte. Bei JPMorgan hebt man indes die robusten US-Arbeitsmarktdaten vom vergangenen Freitag hervor, die akute Rezessionsängste unbegründet erscheinen ließen. Dazu passen auch die hohen Inflationsdaten aus den USA in dieser Woche. Dann stünde uns ein chilliger Sommer bevor, so, wie es der VIX derzeit signalisiert. 

Wer nun schlussendlich recht behalten wird? Das wird man nur im Nachhinein wissen. An dieser Stelle muss man hervorheben, dass auch Optionshändler nur Menschen sind, und alle Signale in der heutigen Lage tückisch sind. Denn die Märkte stehen nicht nur an einer Zwei-Wege-Gabelung. Es geht nicht nur um die Frage „Wachstum oder Rezession?“, sondern vielmehr auch darum, wie und wann sich der Übergang von dem einen zum anderen Szenario vollzieht, ja, es könnte sogar sein, dass man im Nachhinein von einem Stagflationsjahrzehnt sprechen wird, in dem die Anleger von einem zum nächsten Fehlsignal getorkelt sind und dabei doch nur datengestützt agiert haben. Vor einem derart teuren Pendelmarkt können uns leider weder Zinskurvendebatten noch die Lektüre der Optionsmärkte bewahren.

Disclaimer

Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

Ali Masarwah

Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Chefredakteur und Partner bei der Fondsplattform envestor.de und schreibt auch Kolumnen über Investmentthemen für The Digital Leaders Fund. Anleger-orientiertes Research ist seit über 20 Jahren Alis Ding. Vor seiner Zeit bei envestor.de war er zehn Jahre lang bei Morningstar, wo er für die Personal Finance Websites des Analysehauses in Deutschland verantwortlich war. Als Experte für Anlagethemen ist er ein gefragter Ansprechpartner für Finanzmedien im deutschsprachigen Raum.

Aktuelle Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Neueste Beiträge

Tags

Neuste Kommentare

Twitter

Instagram