Nuklear-Aktien: Dynamische Wachstumsnische der Versorgerbranche

11. September 2025

Nuklear Aktien

Nuklear-Aktien kaufen klassischen Versorgern den Schneid ab: Die Nachfrage nach Strom steigt so schnell wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wir stellen den wichtigen Börsentrend der SMRs vor und analysieren Attraktivität, Bewertung und Wachstum einer Auswahl von Nuklear-Aktien.

Im ersten Teil unserer Serie zur Renaissance der Kernenergie haben wir die Treiber des Wachstums identifiziert. Im zweiten Teil stellen wir Unternehmen vor, die zuverlässigen, kohlenstoffarmen Strom liefern können. Die These: Sie sind in der Lage, überdurchschnittliche Gewinne zu erzielen, da der Stromhunger der KI-Wirtschaft nur schwer mit der Nachfrage Schritt halten kann.

Kernenergie – die Lebensader der KI-Wirtschaft

Kernenergie wird immer mehr für ihre Stabilität und CO₂-Neutralität geschätzt und erlebt derzeit ein Comeback als Eckpfeiler des modernen Stromnetzes – auch in Europa. Dies schafft eine Reihe von Investitionsmöglichkeiten, die sich auch auf klassische Versorger erstreckt, die Anleger bisher vor allem mit defensiven Eigenschaften überzeugen. Heute beleuchten wir drei Bereiche: Regulierte US-Versorgungsunternehmen wie Duke Energy, Southern Company, Dominion Energy, NextEra Energy und NRG Energy bieten stabile Dividenden und defensives Wachstum, wobei Kernkraftwerke in diversifizierte Portfolios eingebettet sind. Europäische Versorger wie Fortum und Engie ermöglichen Zugang zu Märkten, die Dekarbonisierung und Energiesicherheit verbinden, wobei die Kernenergie einen strategischen Vorteil bietet.

Für ein direktes Engagement im Kernkraftbereich bieten Constellation Energy, Vistra und Talen Energy einen direkten Zugang zum Thema Nuklear-Strom. Jedes dieser Unternehmen besitzt und betreibt große, wettbewerbsfähige Kernkraftwerksflotten und profitiert so nicht nur von der steigenden Nachfrage, sondern auch vom Mehrwert, der zunehmend mit CO₂-freier Grundlaststromerzeugung verbunden ist.

Schließlich bieten SMR-Entwickler – Rolls-Royce, BWX Technologies, NuScale Power und Mitsubishi Heavy Industries – ein risikoreiches, aber potenziell renditestarkes Engagement in der nächsten Generation der Kernkrafttechnologie. Kleine modulare Reaktoren (SMRs) könnten die Wirtschaftlichkeit und Skalierbarkeit der Kernenergie grundlegend verändern und neue Märkte erschließen – von Industriestandorten bis hin zu Rechenzentrums-Campus. Daher liegt der Schwerpunkt dieses Beitrags auf diesem neuen, stark wachsenden und dennoch bisher wenig bekannten Nuklear-Segment.

Diese Unternehmensgruppe deckt das gesamte Investitionsspektrum der Kernenergie ab – von stabilen Versorgern über wettbewerbsfähige Betreiber bis hin zu innovativen Technologieentwicklern. Wir erläutern, wo jedes Unternehmen im Spektrum steht und wie es vom bevorstehenden Superzyklus im Stromsektor profitieren kann. Zunächst geht es um die neue Generation von Reaktoren – kleine modulare Reaktoren, auch SMRs genannt.

Quelle: Pyfore Capital

Neuland SMRs: Was steckt hinter den kleinen modularen Reaktoren?

Kleine modulare Reaktoren (SMRs) sind eine neue Klasse von Kernspaltungsreaktoren, die im Vergleich zu herkömmlichen Großkraftwerken kleiner sind und eine geringere Leistung aufweisen. „Modular” bedeutet, dass Komponenten in Fabriken vorgefertigt und vor Ort zusammengesetzt werden, was Bauzeit und Kosten reduziert.

SMRs sind aus mehreren Gründen bedeutend. Viele Designs verfügen über passive Sicherheitsmerkmale, die auch ohne menschliches Eingreifen oder externe Stromversorgung funktionieren. Ihre Flexibilität erlaubt es, abgelegene Gebiete zu versorgen, Industrieanlagen zu bedienen oder größere Netze zu stabilisieren.

SMRs erzeugen zwischen 50 und 500 Megawatt (MW), während herkömmliche Kernkraftwerke etwa 1.000 MW leisten. Sie werden modular vorgefertigt und vor Ort montiert, anders als konventionelle Anlagen, die maßgeschneidert gebaut werden, was teuer und zeitaufwendig ist. Viele SMRs sind Druckwasserreaktoren, andere setzen fortschrittliche Kühlmittel wie Natrium, geschmolzenes Salz oder Gas ein.

Die Vorteile: Geringere Größe bedeutet niedrigere Vorlaufkosten – für Energieversorger oder Länder ohne Milliardenbudgets werden SMRs erschwinglicher. Die schnelle Inbetriebnahme dank modularer Fertigung, flexible Skalierbarkeit und passive Sicherheit (Schwerkraft, Konvektion, Kondensation) sind weitere Pluspunkte. Zudem können SMRs Strom und Wärme liefern, Wasserstoff produzieren oder erneuerbare Energien ergänzen. Sie können selbst abgelegene Regionen und Bergbaubetriebe versorgen, die derzeit auf Diesel angewiesen sind.

Herausforderungen bestehen in der Wirtschaftlichkeit: Ob SMRs Skaleneffekte realisieren, hängt von Serienfertigung ab; die regulatorischen Vorgaben sind komplex. Das Problem der Endlagerung radioaktiver Abfälle bleibt ungelöst, und gesellschaftliche Akzeptanz ist oft ein Hindernis.

Trotzdem boomt der SMR-Sektor. Start-ups sammelten seit Anfang 2024 über zwei Milliarden Dollar an Eigenkapital ein, oft von Big-Tech-Firmen. Bei Oklo, unterstützt von Sam Altman (OpenAI), kamen in der Finanzierungsrunde im Juni 460 Millionen Dollar rein, TerraPower (Bill Gates) brachte es sogar auf 650 Millionen Dollar.

Unter den großen “Pure Plays” hat NuScale Power ein 77-MW-SMR-Modul von der US-Atomaufsicht genehmigen lassen. Rolls-Royce entwickelt in Großbritannien einen 470-MW-SMR, GE Hitachi baut mit dem BWRX-300 einen 300-MW-Siedewasserreaktor – Projekte laufen in Kanada und Polen. Russland und China haben bereits Demonstrations-SMRs, darunter die schwimmende Akademik Lomonosov und einen Hochtemperatur-Gasreaktor.

SMRs im Vergleich zu großen konventionellen Kernreaktoren

SMRs liefern 50 bis 500 MW pro Einheit, konventionelle Anlagen 1.000 bis 1.600 MW. Sie benötigen weniger Fläche und ermöglichen modulare Erweiterung. SMRs werden in Fabriken gebaut, liefern kürzere Bauzeiten (3–5 Jahre) und verlangen geringere Vorlaufkosten. Konventionelle Kernkraftwerke entstehen vor Ort, was Zeit (7–12+ Jahre) und Milliardeninvestitionen erfordert.

Quelle: Pyfore Capital

Große Kernkraftwerke erzielen Skaleneffekte, haben aber hohe Kapitalrisiken und häufig massive Kostenüberschreitungen. SMRs sind günstiger im Gesamtprojekt, könnten jedoch höhere Kosten pro MW verursachen, es sei denn, Serienfertigung gelingt. Ihr Vorteil liegt in der Skalierbarkeit.

SMRs punkten bei Sicherheit: Passive Systeme nutzen natürliche Kräfte statt Pumpen, kleinere Kerne können unterirdisch aufgestellt werden, was Unfallrisiken verringert. Konventionelle Kraftwerke nutzen ebenfalls moderne Sicherheit, setzen aber stärker auf aktive Systeme und menschliches Eingreifen.

SMRs sind vielseitig: Sie liefern Grundlaststrom, können aber ihre Leistung an den Bedarf anpassen. Sie eignen sich für Strom, industrielle Wärme, Wasserstoffproduktion und Versorgung isolierter Standorte. Konventionelle Reaktoren liefern meist Grundlastenergie mit hoher Kapazität.

Nuklear-Aktien: Versuch einer Taxonomie

Wir haben die Performance von Aktien mit Kernenergie-Engagement analysiert. Die Grafik zeigt, wie unterschiedlich sich Versorger, Kraftwerksbetreiber und SMR-Entwickler seit Ende 2019 entwickelt haben.

Quelle: Factset

Traditionelle Versorger (schwarze Linie) entwickelten sich stabil. Das spiegelt ihre defensive Natur wider: Zuverlässige Dividenden, regulierte Renditen, Diversifikation über Gas, Kohle, Erneuerbare und Transmission – sie profitieren nicht direkt vom Kernenergie-Comeback.

Quelle: Factset

Die meisten Versorger in der obigen Grafik sind stark reguliert – Gewinne werden von Aufsichtsbehörden im Austausch für Stabilität begrenzt. Das bedeutet sichere Dividenden, aber geringe Aufwärtspotenziale. Eine Aktie sticht heraus: NRG ist ein kommerzieller Strom- und Energieversorger für Privatkunden. Seine Einnahmen hängen stärker an Großhandelspreisen und Nachfrage. In angespannten Strommärkten konnte NRG seine Gewinne viel stärker steigern als regulierte Wettbewerber, insbesondere in Texas.

Seit 2022 sind die US-Strommärkte von volatil höheren Preisen geprägt, bedingt durch den Gasmarkt, Elektrifizierung und zuletzt KI-getriebene Rechenzentren. NRG profitiert hier direkter als andere Versorger. Investoren sahen in NRG einen Profiteur des strukturellen Anstiegs der US-Stromnachfrage, gerade in Texas.

Im Gegensatz dazu haben reine Kernkraftwerksbetreiber (rote Linie, Abb. 1) spektakuläre Gewinne erzielt. Nach Seitwärtsbewegung 2020 und 2021 zogen die Kurse 2022 und besonders ab Ende 2023 massiv an – sie verzehnfachten sich bis Mitte 2025.

Ursachen: Der Ukraine-Krieg forcierte den Faktor Energiesicherheit, was die Kernkraft als Alternative zu Importfossilen attraktiv machte. In den USA brachte der Inflation Reduction Act Steuergutschriften für Kernenergie, staatliche Subventionen erhöhten die Wirtschaftlichkeit der Laufzeitverlängerung. Die Elektrifizierung von Verkehr und Industrie sowie der KI-Boom verstärkten die Nachfrage nach CO₂-freier Grundlastkraft. Die Folge: Die Stimmung drehte – Kernenergie entwickelte sich von der Traditionsbranche zum Eckpfeiler der Dekarbonisierung.

Quelle: Factset

Kommen wir zur Gruppe der SMR-Entwickler: Auch deren Kurse erlebten seit 2023 einen Aufschwung, waren aber sehr volatil. Treiber waren Durchbrüche bei Zulassungen (u.a. NuScale), staatliche Pilotförderungen in den USA, Großbritannien, Kanada und Japan und die Erwartung, dass SMRs das „nächste große Ding“ werden. Die Bewertungen stiegen bis 2025 auf das Sechsfache, allerdings begleitet von starken Schwankungen.

Quelle: Factset

Nuklear-Aktien: Stabilität kontra Wachstumsfantasie

Große Versorger sind teuer, werden mit EV/EBITDA-Multiplikatoren von 12–19 und EV/Umsatz von 5–10 bewertet. Sie bieten solide Dividendenrenditen von 3–5 Prozent, was sie für einkommensorientierte Anleger attraktiv macht. Dominion überzeugt mit dem stärksten erwarteten Gewinnwachstum (23 Prozent) und der höchsten Rendite (5 Prozent), NextEra wird für sein Erneuerbaren-Engagement mit einem Aufschlag gehandelt.

Quelle: Factset

NRG erscheint mit Umsatz-Multiplikator 2,1 und EBITDA-Multiplikator 11,9 günstiger, weist aber geringere Margen und eine niedrige Rendite von 1,2 Prozent auf. Das starke historische Gewinnwachstum spiegelt Restrukturierungen und Portfolioveränderungen wider, während das erwartete Wachstum mit 14 Prozent moderater ausfällt. Im Vergleich ist NRG eine Wert- und Turnaround-Aktie.

Fortum und Engie stechen durch günstige Bewertungen hervor: EV/EBITDA 6–10, EV/Umsatz knapp 1–2; Dividendenrenditen von 5,9 Prozent (Fortum) und 8,3 Prozent (Engie). Fortum hat negative Wachstumserwartungen, Engie kombiniert niedrige Bewertung, starke Rendite und positives Wachstum – eines der attraktivsten Value/Ertrags-Investments.

Constellation, Vistra und Talen verzeichnen sehr starkes historisches Gewinnwachstum (Neubewertung ihrer Assets), die Prognosen sind weniger robust: Constellation 8 Prozent, Vistra -19 Prozent, Talen -63 Prozent. Ihre Dividendenrenditen sind vernachlässigbar bis nicht existent (0–0,5 Prozent), der Fokus liegt bei diesen Titeln auf Kapitalzuwächsen, nicht auf laufenden Erträgen.

Rolls-Royce, BWX Technologies, NuScale und Mitsubishi Heavy Industries werden mit hohen Multiples gehandelt (Rolls 23-faches EBITDA, BWX 39-faches, Mitsubishi 26-faches). NuScale ist nicht profitabel, prognostiziert aber 70 Prozent Wachstum bei enormen Margen, bleibt also spekulativ. Es gibt keine oder nur minimale Dividenden. Diese Gruppe bietet eher langfristige Optionen auf Innovationschancen, als kurzfristige, laufende Erträge.

Anleger, die Erträge und Stabilität suchen, setzen auf regulierte Versorger in Europa oder den USA; wer Wachstum und Nuklearexposure will, setzt eher auf die neu bewerteten Betreiber oder das spekulative Potenzial der SMR-Entwickler.

Autor

  • Stefan Hartmann

    Stefan schaut auf eine mehr als 20-jährige Erfahrung in den Bereichen Aktien, festverzinsliche Wertpapiere, Derivate und Hedge Funds zurück. In seiner Tätigkeit als globaler Leiter des Quantitativen Research Teams bei ABN AMRO, hat er über 300 institutionelle Kunden in den USA, Europa und Asien zu allen Fragen des Investment Prozesses beraten. Zuvor war er 10 Jahre bei Salomon Smith Barney als Leiter des quantitativen Research Teams für Europa tätig, wo er Top Rankings in den großen Research Surveys erzielte. Stefan hat über 50 Research Veröffentlichungen zu allen Aspekten des Investment Prozesses in Aktien, festverzinsliche Wertpapiere und Währungen publiziert.

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Stefan Hartmann

Stefan schaut auf eine mehr als 20-jährige Erfahrung in den Bereichen Aktien, festverzinsliche Wertpapiere, Derivate und Hedge Funds zurück. In seiner Tätigkeit als globaler Leiter des Quantitativen Research Teams bei ABN AMRO, hat er über 300 institutionelle Kunden in den USA, Europa und Asien zu allen Fragen des Investment Prozesses beraten. Zuvor war er 10 Jahre bei Salomon Smith Barney als Leiter des quantitativen Research Teams für Europa tätig, wo er Top Rankings in den großen Research Surveys erzielte. Stefan hat über 50 Research Veröffentlichungen zu allen Aspekten des Investment Prozesses in Aktien, festverzinsliche Wertpapiere und Währungen publiziert.

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