Sicher haben Sie gestern das Drama an der Börse verfolgen können: Software- und Cybersecurity-Aktien gingen erneut auf Tauchstation. Auslöser war wieder einmal das Haus Anthropic. Diesmal mit einem Modell namens Mythos. Das noch nicht öffentlich zugängliche KI-System hat in internen Tests Tausende Schwachstellen aufgespürt, und zwar in jedem gängigen Betriebssystem und jedem großen Browser. Anthropic war die Sache offenbar selbst nicht geheuer: Der Zugang wurde auf rund 40 ausgewählte Technologiekonzerne beschränkt, darunter Microsoft und Google, Crowdstrike und Palo Alto, die im Rahmen von „Project Glasswing” ihre Abwehr hochrüsten sollen, bevor das Modell breiteren Kreisen verfügbar wird.
Die Reaktion an den Märkten war brutal. Zscaler, Cloudflare, Okta, CrowdStrike und SentinelOne verloren teils über 10 Prozent. Der S&P 500 Software and Services Index hat seit Jahresbeginn rund 26 Prozent verloren. Seit Anthropic im Januar 2025 noch mit 18 Milliarden Dollar bewertet wurde, hat der globale SaaS-Markt über 1,4 Billionen Dollar an Marktkapitalisierung eingebüßt. Die SaaS-Apokalypse geht weiter. Ihre Nemesis heißt Anthropic.
Die neue Macht im KI-Markt
Währenddessen läuft es beim Urheber der Verwerfungen ausgezeichnet. Die Run Rate von Anthropic liegt nun bei über 30 Milliarden Dollar. Am Jahresanfang lag dieser Wert noch bei 9 Milliarden Dollar. Mehr als tausend Unternehmenskunden geben pro Jahr mindestens eine Million Dollar für Claude aus; diese Zahl hat sich seit Februar verdoppelt. Der Streit mit der US-Regierung, die Anthropic als Sicherheitsrisiko in der Lieferkette einstuft, hat das Wachstum nicht gebremst, sondern eher das Gegenteil bewirkt: Viele Kunden respektieren die Firma gerade dafür, dass sie Prinzipien über kurzfristige Verträge stellt. Claude Code, das autonome Programmierwerkzeug, ist mittlerweile für vier Prozent aller öffentlichen Commits auf GitHub verantwortlich. Und auch bei den Downloads zieht Claude in den USA mit ChatGPT gleich. Weltweit und bei den Nutzerzahlen dominiert aber weiterhin ChatGPT den Endkunden-Markt.
Die Folgen für Unternehmen und Investoren sind unmissverständlich. Ob sie wollen oder nicht: Jedes Unternehmen muss sich jetzt mit der Frage auseinandersetzen, wie KI-Systeme der Mythos-Klasse ihre eigene IT-Infrastruktur angreifen könnten. US-Finanzminister Scott Bessent und Fed-Chef Jerome Powell haben die Chefs von Citigroup, Morgan Stanley, Bank of America, Wells Fargo und Goldman Sachs gestern ins Finanzministerium nach Washington einbestellt, um sicherzustellen, dass die systemrelevanten Banken die Risiken kennen und ihre Systeme entsprechend härten.
And the winner is?
Die Verlierer hat die Börse schnell identifiziert. Wobei die Situation bei den Cybersecurity-Unternehmen paradox anmutet. Je gefährlicher die KI-Werkzeuge, desto größer sollte die Nachfrage nach Schutz werden. Einige der Cybersecurity-Unternehmen werden sich zu den Gewinnern dieses Trends entwickeln. Aber in Panikmärkten wird erst abverkauft, dann analysiert. Die offensichtlichen Gewinner hat der Markt gleich identifiziert. Hyperscaler, Neoclouds und AI-Infrastruktur-Ausrüster legten zu, weil klar ist, dass die Nachfrage nach Rechenleistung weiter steigen. Die Hauptprotagonisten der AI-Revolution sind aber Anthropic & Co. Die einzigen börsennotierten LLM-Unternehmen, Knowledge Atlas und Minimax, haben diese Woche wieder zweistellig zulegen können. Auch daher ist unser EM Digital Leaders wieder im Plus seit Jahresanfang.
Ich wiederhole mich gerne. Die großen Sprachmodelle sind die App-Stores der Zukunft. Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der jede Applikation und Software von wenigen Modellen unterstützt wird, ob beim Einkaufen, Programmieren, Streamen oder Bekämpfen von Cyberangriffen. In dieser Welt ist alles nur noch Inference on Demand, und jede Abfrage spült Geld in die Kassen der neuen Enabler. Jedes Softwareunternehmen ist dann nur noch ein Derivat der großen Sprachmodelle. Und: Die Gefahren durch die Modelle sind so groß, dass kein Unternehmen es sich leisten kann, der KI-Versuchung zu widerstehen.
Bemerkenswert ist, dass auch die Aktie von Palantir diese Woche unter die Räder gekommen ist. Also jenes Unternehmen, das sich nach Tolkiens magischen Sehsteinen benannt hat. In seiner Welt gab es jedoch noch etwas Mächtigeres: die Ringe der Macht. Viele Ringe, verteilt auf Elben, Zwerge und Menschen – und einen, der sie alle beherrscht. „One Ring to rule them all.“
Genau darauf läuft auch die KI-Ökonomie hinaus. Viele Anwendungen, viele Anbieter – aber am Ende wenige dominante Modelle, die im Hintergrund alles orchestrieren. Wer diesen „einen Ring“ beherrscht, herrscht über die Welt. Im Moment sieht es so aus, als könnte Anthropic einer der aussichtsreichsten Kandidaten dafür sein.
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Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien bei BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanager bei der Commerzbank und ABN Amro.



