Powells Produktivitätswunder – und Oracles verschmähte KI-Wette

12. December 2025

Editorial The DLF Aktien Blog

Warum am Mittwoch weniger die Zinssenkung der US-Notenbank, sondern Fed-Chef Powells Anmerkungen zum US-Produktivitätswunder wichtig war – und warum der Crash der Oracle-Aktie wie ein ungerechtfertigter Abgesang auf die KI-Wette anmutet.

Die interessanteste Botschaft der Fed-Sitzung am Mittwoch und der anschließenden Rede von Jerome Powell waren nicht die Zinssenkung um 25 Basispunkte oder die zwei hawkischen Gegenstimmen im Ausschuss, sondern Powells Bemerkungen zur Produktivität:

„Ich hätte nie gedacht, dass ich eine Zeit erleben würde, in der wir fünf bis sechs Jahre lang ein Produktivitätswachstum von zwei Prozent hätten. Das hier ist höher – eindeutig höher. Und das war schon so, bevor man es auf KI zurückführen konnte.“

Das macht auch klar, warum er so gelassen auf die Inflationszahlen schaut und den Arbeitsmarkt auffällig dovish einschätzt. Es erinnert an die 1990er-Jahre, als die Arbeitsproduktivität von unter einem Prozent auf bis zu drei Prozent stieg. Der damalige Notenbankchef Greenspan erklärte die Produktivitätsgewinne durch die technologische Revolution der 90er-Jahre als Grund für die niedrige Inflation und die Rally an den Aktienmärkten. Vermutlich spielt in den aktuellen Zahlen KI weniger eine Rolle als der Digitalisierungsschub, der durch die Corona-Lockdowns ausgelöst wurde. Der KI-Effekt kommt erst jetzt obendrauf.

Powells Optimismus versetzte die Märkte zunächst in Feierlaune. Bis Oracle mit seinen Quartalszahlen die Party crashte: ein Umsatzwachstum von 14 Prozent – leicht unter den Erwartungen –, dafür 44 Prozent mehr CapEx und doppelt so hoher Cashburn wie erwartet. Genau das hatten Investoren befürchtet. Da half es wenig, dass die RPOs – vertraglich vereinbarte, aber noch nicht realisierte Leistungen – um 68 Milliarden Dollar auf 523 Milliarden stiegen.

Die Angst wächst, Oracle könne sich mit seinen Rekordinvestitionen in KI-Fabriken übernehmen und dass sich die prognostizierten Umsätze – auch wegen der starken Konzentration der RPOs auf OpenAI – womöglich nicht materialisieren. Wir halten den Kursrutsch um 40 Prozent für übertrieben und haben erneut eine Position in Oracle aufgebaut. Die Nachfrage nach Compute wird auf absehbare Zeit das Angebot übersteigen. Oracle stellte im Conference Call klar: Nicht abgerufene Rechenkapazität kann innerhalb von Stunden anderen Kunden zugeteilt werden.

Der Abgesang auf OpenAI ist meiner Ansicht nach ein Fehlalarm. Die Nutzungsdaten erzählen eine andere Geschichte. Der Einstieg von Disney bei OpenAI und die Zusammenarbeit mit Sora erzählen ebenfalls ein anderes Narrativ. M.E. unterschätzen Investoren auch die einzigartige Positionierung von Oracle im Kontext des Technologie-Shifts. Bisher hatten Softwareunternehmen in erster Linie mit ihren Applikationen auf „System of Engagement“ und nicht auf „System of Record“ bei den Unternehmenskunden gesetzt. Im AI-Zeitalter ist Letzteres aber die Schatztruhe. Zusammen mit SAP ist Oracle der weltweit führende Anbieter von „System-of-Record“-Infrastruktur, also der Hüter der kritischen Daten und Geschäftsprozesse. Kein Megacap-Softwareunternehmen wächst schneller und ist aktuell attraktiver bewertet. Wir sind also wieder „Long Larry Ellison“. Ohnehin sind wir mit unserem Oracle-Engagement sehr gut gefahren. 2025 hat Oracle allein 3,6 Prozentpunkte zur Performance des The DLF beigetragen.

Am vergangenen Freitag besuchte uns erneut Pony.ai-CFO Haojun Wang. Bei unserem Frühstück im Frankfurter Café Laumer sprachen wir über die Entwicklung von Pony.ai und den Markt für autonomes Fahren. Drei Erkenntnisse aus dem Gespräch möchte ich hervorheben:

1. Der Markt für autonomes Fahren ist bereits Realität in zwei Ländern: den USA und China. Eine dritte Region holt rasant auf: der Nahe Osten mit Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Bei der technologischen Adaption schiebt sich diese Region immer stärker nach vorne.

2. Chinas „Waymo-Moment“ könnte unmittelbar bevorstehen. Was meine ich damit? Nach dem erfolgreichen Launch hat Waymo in San Francisco Lyft innerhalb kürzester Zeit überholt. Daraufhin kündigte Uber Kooperationen mit Waymo in mehreren US-Städten an. Die Gefahr, von Waymo oder Tesla disruptiert zu werden, ist schlicht zu groß – wie diese Woche auch Wedbush warnte. Ich bin daher sehr gespannt, ob Didi einen ähnlichen Weg einschlägt und im kommenden Jahr möglicherweise eine Zusammenarbeit mit Pony.ai verkündet.

3. Die Umsätze bleiben kurzfristig überschaubar – auch 2025. Für 2030 plant Pony.ai jedoch eine Flotte von 100.000 Fahrzeugen. Dann könnte das Unternehmen bereits mehr als zwei Milliarden Dollar Umsatz erzielen und dabei sehr profitabel sein. Eine Partnerschaft mit Didi könnte diesen Prozess beschleunigen. Aber zwischen Vision und Wirklichkeit liegen vier Jahre und viele Risiken, die das Unternehmen nur bedingt steuern kann. Pony.ai gehört daher zu den spannendsten, aber auch riskantesten Investments in unseren Fonds.

Autor

  • Baki Irmak

    Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien bei BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanager bei der Commerzbank und ABN Amro.

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Baki Irmak

Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien bei BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanager bei der Commerzbank und ABN Amro.

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