Hintergrund zum Crash der SailPoint Aktie

10. Mai 2019

SailPoint Aktie Crash Kurssturz - Bild von rotem Kursverlauf nach unten

Eine böse Überraschung haben wir als Aktionäre von SailPoint Technologies in dieser Woche erlebt.

Nach der Vorlage von guten Zahlen zum 1. Quartal 2019 und einer zeitgleichen Umsatz- und Gewinnwarnung für den weiteren Verlauf des Jahres ist der Kurs um 30 Prozent eingebrochen.

Wir hatten im März 2019 die Sailpoint Aktie als Cyber-Security-Unternehmen aus dem Portfolio des DLF vorgestellt.

Die Aktie ist nun auf ein 12-Monatstief gerutscht und wieder unter 20$ zu haben, nachdem sie noch vor wenigen Tagen zu fast 30$ gehandelt wurde.

SailPoint Aktie Crash Kurssturz - Kursverlauf 1 Jahr
SailPoint Aktie Kurssturz: Nach den Zahlen zum Q1 2019 ging es über 25 Prozent nach unten. (Chart: Finanztreff)

Ist das nun eine Kaufgelegenheit oder das Ende der Wachstumsstory?

SailPoint Crash – Die Zahlen zum Q1

Zunächst mal ein kurzer Überblick über die vorgelegten Zahlen zum 1. Quartal 2019:

  • Der Umsatz wuchs um 24 Prozent auf $60,6 Millionen
  • Der Subskriptionsumsatz wuchs wesentlich schneller um 41 Prozent auf $31,8 Millionen
  • Der operative Cashflow wuchs um 12 Prozent auf $17,2 Millionen
  • Der Gewinn pro Aktie lag mit -0,10$ unter dem Vorjahreswert von -0,03$

Guidance für 2019

Den Kurssturz ausgelöst haben nicht diese ordentlichen Zahlen zum Q1, sondern die deutliche Senkung der Umsatz- und Gewinnerwartungen für das Gesamtjahr 2019:

  • Der Umsatz soll nun $279 Millionen betragen, bisher war man von $296 Millionen ausgegangen.
  • Der operativer Gewinn (Non-GAAP) soll bei $18 Millionen anstatt bisher avisierten $30 Millionen liegen.

Zur Erinnerung: in 2018 hatte das Umsatzwachstum bei SailPoint noch 34 Prozent auf $249 Millionen betragen.

Während die bisherige Guidance für 2019 ein Wachstum von 19 Prozent vorsah, geht das Management also jetzt nur noch von 12 Prozent aus.

Auch mich hat das auf dem falschen Fuß erwischt.

Bisher war ich davon ausgegangen, dass SailPoint wie in der Vergangenheit eher zu konservativ in seinen offiziell kommunizierten Geschäftserwartungen agiert.

Ich hatte gemeinsam mit anderen Marktbeobachtern ein Wachstum größer 20 Prozent erwartet. Da lag ich wohl kräftig daneben.

Das Problem liegt nach Aussage des Unternehmens vor allem in der aktuellen Entwicklung im Vertrieb der Enterprise Software Lizenzen an Großkunden.

In diesem Kundensegment werden von SailPoint ganz klassisch Lizenzen und Wartungsverträge verkauft und nicht etwa SaaS-Lösungen.

Während man bisher für 2019 Lizenzumsätze von $115 Millionen plante, rechnet man nun nur noch mit $100 Millionen.

Anstatt eines Wachstums von 10 Prozent gegenüber Vorjahr wäre das ein Rückgang gegenüber 2018 von circa 5 Prozent.

Der viel besser planbare Subskriptionsumsatz ist wesentlich weniger betroffen von der aktuellen Vertirebsproblematik.

Dieser Umsatzstrom wird auch in den kommenden Quartalen weiterhin kräftig wachsen und in 2019 schon circa 50 Prozent des Umsatzes ausmachen.

Allerdings verbergen sich hinter diesen „Subskriptionen” auch klassische Software-Maintenance-Umsätze für die IdentityIQ Software.

Und nicht etwa nur SaaS-Subskriptionen aus den IdentityNow-Produkten.

Der Hintergrund zu den Vertriebsproblemen

Es ist natürlich von außen schwer zu beurteilen, ob hinter diesen Problemen mehr steckt als nur die angegebenen „Sales Execution Issues“.

Man berichtet von Managementfehlern in der Vertriebssteuerung und der Go-To-Market-Strategie.

Konkret hat man wohl das bisher sehr gut laufende Geschäft mit Großkunden im Vertrieb etwas vernachlässigt. Zugunsten eines neuen Fokus auf die mittelgroßen Kunden.

In diesem Segment war man jedoch offenbar zumindest kurzfristig weniger erfolgreich als erhofft.

Als Reaktion auf diese Entwicklungen gibt es nun Veränderungen im Vertriebsmanagement:

  • Der CRO (Chief Revenue Officer) Howard Greenfield verlässt SailPoint. Ein neuer CRO wird gesucht.
  • Der langjähriger CFO (Chief Financial Officer) Cam McMartin wird zum COO (Chief Operating Officer) befördert.
  • Die CFO-Rolle übernimmt Jason Ream, der neu eingestellt wird.

Wichtig für die langfristige Unternehmensentwicklung ist vor allem, ob die Wettbewerbsposition von SailPoint als anerkannter Marktführer in ihrem Segment der „Identity Governance“ durch einen Wettbewerber bedroht ist.

Genauso negativ wäre zu bewerten, falls sich diese Marktnische eventuell insgesamt als weniger attraktiv herauskristallisiert wie bisher erwartet.

Dafür gibt es bisher keine Anzeichen.

Das Management hat in dieser Woche nochmals ausdrücklich bestätigt, dass die „Win-Rate” im direkten Wettbewerb unverändert hoch ist und die Nachfrage nach Migrationsprojekten weg von Legacy-Security-Lösungen im Enterprise Umfeld weiterhin stark sei.

Sailpoint Aktie Crash Kurssturz - Übersicht zu dem Potential des Marktes für Cyber-Security
SailPoint Crash: Der Markt für Cyber-Security bietet nach wie vor großes Potential.

SailPoint Crash – Meine Sicht der Dinge

Das Cyber-Security-Unternehmen ist nun zum ersten Mal seit dem Börsengang in schwieriges Fahrwasser geraten.

Das ist eine neue Erfahrung für das vom Wachstum verwöhnte Management-Team um den Gründer und CEO Mark McClain.

Besonders problematisch ist, dass man die Trennung vom CRO kurzfristig bekanntgeben musste, ohne eine entsprechende Neubesetzung dieser wichtigen Rolle verkünden zu können.

Das schafft Unsicherheit, und die Börse hasst nichts mehr als Unsicherheit.

Das Management muss sich natürlich sehr kritisch fragen lassen, warum die eigene Guidance für 2019 nur 9 Wochen nach Veröffentlichung erheblich revidiert werden musste.

Das spricht tatsächlich für ein zu laxes Pipeline-Management.

Die Verantwortung dafür muss in erster Linie der CRO übernehmen – die entsprechenden Konsequenzen wurden bereits gezogen.

Die Bewertung der Aktie

Nach dem Kurssturz auf unter 20$ wird SailPoint jetzt zu einem Enterprise Value von $1,7 Milliarden bewertet.

Das entspricht einem EV/Sales-Verhältnis von 6.

Sollte das Wachstum im laufenden Jahr von 34 Prozent tatsächlich auf nur noch 12 Prozent zurückgehen, so wäre das für mich eine große Enttäuschung.

Hier zeigt sich wieder einmal, warum die Software-Industrie eine zügige Umstellung ihrer Geschäftsmodelle auf SaaS betreibt, wo immer es möglich ist.

Denn die Visibilität der Geschäftsentwicklung im klassischen Lizenzvertrieb ist und bleibt gerade im Enterprise Umfeld mit Großkunden sehr beschränkt.

Ich kann mir gut vorstellen, dass man jetzt seitens SailPoint extrem vorsichtig in der Guidance war, um keinesfalls eine weitere Enttäuschung zu riskieren und einen neuen CRO nicht schon zu Beginn seiner Tätigkeit zu sehr unter Druck zu setzen.

Denn eine erneute Planverfehlung würde die Glaubwürdigkeit des Managements endgültig zerstören.

Allerdings würde SailPoint in einem solchen Negativ-Szenario dann wohl auch schneller als gedacht zu einem attraktiven Übernahmeziel.

Aufgrund der hohen Brutto-Marge von mehr als 75 Prozent bin ich davon überzeugt, dass der Preis für eine Übernahme dieser 300 Millionen schweren Cyber-Security-Software über dem gegenwärtigen Enterprise Value liegen würde.

Und SailPoint würde sehr gut in das Portfolio verschiedener Legacy-Wettbewerber passen.

Daher bin ich optimistisch, dass die SailPoint Aktie zu Kursen unter 20$ jetzt ein durchaus gutes Chance-Risiko-Profil aufweist.

Aber ist SailPoint wirklich ein Digital Leader wie von uns bisher vermutet?

Handelt es sich hier um eine Wachstumsdelle oder gibt es ein strukturelles Problem?

Wir werden die derzeit unübersichtliche Situation rund um SailPoint in den kommenden Wochen weiter beobachten und zu gegebener Zeit entscheiden, wie wir mit unserer überschaubaren Position im Portfolio des DLF umgehen.

Denn wir wollen mit dem Fonds auch zukünftig ausschließlich in Digital Leader und nicht etwa gezielt in Turn-Around-Stories oder Übernahmekandidaten investiert sein.

Abonniere hier unseren Newsletter, um keines unserer Updates zu SailPoint mehr zu verpassen.


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Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser war in seinem gesamten Berufsleben in der High-Tech-Industrie tätig. Er hat sein eigenes Software-Unternehmen gegründet, internationalisiert und vor einigen Jahren ins Silicon Valley verkauft. Der Wirtschaftsmathematiker investiert seit 30 Jahren erfolgreich in Aktien und ist Co-Founder des Digital Leaders Fund.

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7 Antworten

  1. Hallo Stefan,
    ich halte Sailpoint auch weiterhin nicht für die schlechteste Firma. Vielleicht ist es auch besser eine Aktie zu kaufen und diese dann liegen zu lassen, anstatt ständig auf Quartalsergebnisse zu schielen und sofort zu verkaufen. Immerhin hat die Aktie nach einem Jahr wieder deinen Einstandskurs erreicht. Damit hätte man 30% Kursverlust nicht realisieren brauchen; eine neue Aktie, die vermeintlich besser ist, muss man erst einmal finden. Wenn natürlich die Aktie über einen längeren Zeitraum (also nicht nur ein Quartal) nicht überzeugt, dann würde ich sie auch aus dem Depot werfen.
    Ein interessanter Artikel könnte doch einmal die folgenden Fragen behandeln: Wie lange sollte man eine Aktie behalten, insbesondere nach einem schlechten Quartalsergebnis? Wann sollte man wieder aufstocken und Teilverkäufe tätigen?

    1. Auch wir halten Sailpoint nach wie vor “nicht für die schlechteste Firma”. Wir haben das Unternehmen nicht wegen eines schlechten Quartalsergebnisses verkauft, sondern weil der Trend in Richtung Cloud-Security schneller voranschreitet als gedacht. Über den systematischen Umgang mit Buchverlusten hatte ich auf meinem High-Growth-Investing-Blog schon mal einen Beitrag geschrieben zur “Rule-of-30 als Alternative zu Stopkursen”: https://www.high-tech-investing.de/single-post/2019/05/20/Die-Rule-of-30-Alternative-zu-Stopkursen

      1. Hallo Stefan,

        ich bewundere deinen Investmentstil, ehrlich. Vor einiger Zeit habe ich mir auch die Mühe gemacht, deine Wikifoliotransaktionen auszuwerten, mit dem Ergebnis, dass du eine ähnliche Performance erzielt hättest, wenn du einfach nur die Werte (gleichgewichtet) gekauft und liegen gelassen hättest. Das hat den Vorteil, dass man sich den Spread, Transaktionsgebühren und viel Analyse erspart. Klar, die Welt dreht sich weiter, einzelne Firmen liefern – wenn auch nur zeitweise – eine schlechtere Performance ab; aber warum nicht die Werte für ein paar Jahre liegen lassen und ggf. dann erst aus dem Depot werfen? Die meisten Tech-Werte, die du kaufst, stehen doch noch ganz am Anfang ihrer “stürmischen” Entwicklung. Daher war ich auch der Meinung, man hätte Sailpoint nicht sofort rauswerfen sollen.

        Buchverluste sehe ich mittlerweile deutlich entspannter als vor einem Jahr. Ich habe bei Clearside Bio (CLSD) vor einem Jahr meine Buchverlusten realisiert, da die Wahrscheinlichkeit für die FDA-Zulassung infolge Verzögerungen stark gesunken war. Mittlerweile ist die Aktie fast dreimal soviel wert. Ich habe Sibanye-Stillwater vor zwei Jahren zum Tiefstkurs entfernt. Ein Jahr später war die Aktie fünfmal soviel wert. Ich weiß nicht, welche Erfahrungen du gesammelt hast, aber daraus habe ich gelernt, meine Aktien nicht mehr so leichtfertig zu verkaufen. Auch Wirecard halte ich noch immer im Depot: Es macht mir wenig aus, da die Position knapp ein Prozent des Depots ausgemacht hat, was mich kaum zurückwirft. Wer weiß, wo Wirecard in 10 Jahren steht? Apple war auch schon mal fast pleite!

        Wie dem auch sei, mach einfach weiter so! Das sollte nur eine Idee meinerseits sein. Ich bin der Meinung, dass man ein Leben lang seinen Investmentstil verfeinert und bin daher auch dankbar für andere Meinungen.

  2. Sailpoint hat damit einen erheblichen Vertrauensverlust verursacht. Das 1×1 oder das Grundgesetz im Vertrieb lautet:
    Ein bestehender Kunde an sich zu binden ist 5x billiger als einen neuen Kunden zu suchen.

    Ebenso stell ich die Kompetenz einer Firma in Frage welche nicht mal die nächsten 9 Wochen ihres Geschäfts absehen kann.

    Für mich ein klarer Verkauf. Abwarten für mindestens 12 Monate und dann mal sehen was aus den Aussagen des Unternehmens geworden sind.

    Vertrauen ist das höchste Kapital gegenüber den Investoren.

    1. Achtung: SailPoint hat nicht etwa Bestandskunden verloren, sondern diese lediglich nicht intensiv genug bearbeitet, um das Geschäft mit diesen Kunden auszubauen. Ich denke das ist schon noch mal ein Unterschied.
      Nichtsdestotrotz ist die Enttäuschung über diese Fehlplanung und die Revidierung der Guidance nach so kurzer Zeit auch bei mir groß.

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