Speed-Updates: PagSeguro, Wizz Air, DataWalk, Hepsiburada

17. Juni 2022

Die Earnings Season des ersten Quartals 2022 neigt sich dem Ende zu und die letzten Nachzügler haben berichtet. Brandaktuelle News gibt es auch von der wichtigen Osteuropakonferenz von Wood in Prag. Meeting-Highlights aus Prag zu zwei interessanten Unternehmen runden unsere heutigen Speed-Updates ab.

PagSeguro

Der Zahlungsdienstleister PagSeguro hat mit 657 Millionen US-Dollar um 74 Prozent mehr umgesetzt als im Vorjahr, gegenüber dem Vorquartal war das ein Plus von 14 Prozent. Das Zahlungsvolumen war im Jahresvergleich um 60 Prozent angewachsen, die Einlagen um 124 Prozent und die Kredite um gar 166 Prozent.

Der Reingewinn von 17 Millionen Dollar wuchs allerdings nur mit 19 Prozent im Jahresvergleich und war gegenüber dem Vorquartal sogar um 7 Prozent niedriger. Dies lag an den inflationsbedingt deutlich gestiegenen Zinsen, die sich in höheren Finanzierungskosten widerspiegeln und nicht zeitnah weitergegeben werden können. Den Markt hätte das eigentlich nicht überraschen sollen, zumal die beiden Zahlen die Erwartungen der von Bloomberg ermittelten Analystenschätzungen um zwei Prozent übertrafen. Auch der Ausblick für das aktuelle Quartal lag mit plus 3 Prozent bei Umsatz und 9 Prozent beim Gewinn im Rahmen der bisherigen Erwartungen.

Offensichtlich hatte der Markt allerdings nach einer positiven Überraschung beim Konkurrenten Stone auf etwas mehr gehofft. Anleger reagierten panisch; die Aktie brach am selben Tag um 24 Prozent ein. Das muss vor dem Hintergrund der negativen Börsenstimmung gesehen werden. Mit einem EV/EBITDA von 7 und EV/Sales von 1,5 für dieses Jahr ist der Wert alles andere als teuer.

Wizz Air

Die ungarische Billigfluglinie Wizz Air berichtete für das erste Quartal einen Umsatz von 420 Millionen Dollar, ein Plus von 196 Prozent gegenüber dem Lockdown Quartal vor einem Jahr. Das lag knapp 3,5 Prozent unter den Erwartungen. Der Verlust belief sich auf 277 Millionen Dollar, das war sogar noch 5,5 Prozent über den Erwartungen.

Zudem warnte das Unternehmen, dass die Personalknappheit auch im Sommer vor allem im Vereinigten Königreich zu weiteren Störungen führen werde. In den für Wizz AIr wichtigsten Märkten Mittel- und Osteuropas ist die Situation weniger angespannt. Dennoch besteht ein erhöhtes Risiko von Verspätungen, die zu höheren Kosten führen. Besonders kostspielig wird es bei kurzfristigen Ausfällen mit einer Vorwarnzeit unter 14 Tagen, die durch fehlendes Flugaufsichtspersonal entstehen. Die Störungskosten machen nach den Treibstoffkosten den zweitgrößten Posten bei den variablen Kosten aus.

Ansonsten soll es dank hoher Flugpreise mit plus 60 Prozent Umsatz gegenüber 2019 dank Aufholbedarf im Tourismus ein heißer Sommer werden. Allerdings könnte das Umfeld im Herbst aufgrund inflationsbedingt schmalerer Geldbeutel schwieriger werden. Wizz Air möchte das potenzielle Ausscheiden schwächerer Unternehmen zum Wachstum nutzen, auch wenn das zu niedrigeren Margen führt.

Der Markt hat hier nasse Füße bekommen, denn das dürfte die Verschuldung erhöhen und könnte sogar das Rating verschlechtern. Die Aktie fiel am Berichtstag um zehn Prozent.

Datawalk – investieren wie James Bond

Das 2011 in Wroclaw gegründete COTS Softwareunternehmen Datawalk gehört zu den spannendsten Geschäftsmodellen in Osteuropa. Datawalk hat eine Plattform auf Basis von Big Data aufgebaut. Diese basiert auf Graph-based Analytics, das heißt, nicht mathematisch lineare Daten können verarbeitet und zum Aufspüren von Verbrechen und Verbrechern, aber auch Spionen genutzt werden (englischsprachiges Demo Video). Ein Abgleich von globalen Einwahldaten von mobilen Geräten mit Passagierlisten internationaler Flüge konnte russische Spione entlarven, die sich letztes Jahr unter die staatlich organisierten Flüchtlinge in Weißrussland an der Grenze zu Polen mischten, um die EU unter Druck zu setzen. Diese waren zuvor nämlich außer in Syrien, wie sich herausstellte, auch in den Räumen des Geheimdienstes GRU in Moskau gewesen.

Zu den Kunden gehören daher naheliegenderweise Ministerien wie das US Department of Defense, Strafverfolgungsbehörden wie die Polizei in Toronto, aber auch Banken und Versicherungen zur Aufdeckung von internem und externem Betrug. Laut Management konnte die US-amerikanische Ally Financial bereits kurz nach der Implementation der Software einen großen Fishing Scam aufdecken. Aber auch Grab (das Uber Südostasiens) gehört zu den Kunden. Ziel ist es, die Sicherheit von Fahrgast und Fahrer zu erhöhen.

Zudem kann die Datawalk Technologie helfen, im Auftrag der Vereinten Nationen Kriegsverbrecher zu identifizieren und aufzufinden. Ein Beispiel sind die russischen Soldaten, die in den Vororten von Kiews um den 12. Mai 2022 an Kriegsverbrechen beteiligt waren.

Laut Gartner, dem führenden Spezialisten für Technologie Research, ist Graph die Technologie der Zukunft und wird bis 2025 zu 80 Prozent aller Innovationen bei der Datenanalyse beitragen. Gartner hat die Lösung von Datawalk mit fünf Sternen bewertet.

Im Gegensatz zu dem einzigen großen Vergleichsunternehmen Palantir ist die Software erheblich leichter und zu einem Bruchteil der Kosten zu implementieren.

Das erste Quartal ist im Abrechnungszyklus bei Datawalk mit 5 bis 10 Prozent das Schwächste. Daher sind die kürzlich berichteten Zahlen von relativ geringem Aussagegehalt – es wurde eine Million US Dollar in Rechnung gestellt.

Für das Gesamtjahr 2023 sollen 12,5 Millionen Dollar umgesetzt werden. Die Wachstumschancen sind enorm: den Markt schätzt das Management auf 10 Milliarden Dollar. Außerdem will das Management bis Sommer eine Liste von 20 global renommierten Referenzen fertigstellen.

Entscheidend ist dann die nächste Entwicklungsstufe des Unternehmens. Der Vertrieb soll zukünftig auch über externe Kooperationspartner stattfinden. Außerdem soll ein “echtes” SaaS Produkt kommen, das vom Kunden ohne externe Eingriffe implementiert werden kann. Das Wachstum von zuletzt 96 Prozent für das Gesamtjahr 2021 könnte damit auf deutlich über 100 Prozent beschleunigt werden.

Einen kleinen Pferdefuß hat die Erfolgsgeschichte aber schon. Das Management fokussiert auf Wachstum, Profitabilität ist bis mindestens 2024 nicht in Sicht. Das Management plant außerdem explizit die Gesellschaft später an einen strategischen Investor zu verkaufen und hat ein entsprechendes Incentive Programm für die Gewinnung des kompetitiv umworbenen Fachpersonals. Das bestehende Programm mit 1,1 Millionen Aktien soll bei der HV am 30. Juni noch um 430.000 Stück vergrößert werden. Das sind immerhin 29 Prozent des Unternehmens und eine Mindestschwelle für den Verkaufspreis gibt es bisher nicht.

Wir haben eine kleine Position im EMDL aufgebaut, wollen den Firmensitz in Wroclaw besuchen und die Entwicklung weiter genau beobachten. Spätestens im nächsten Jahr dürfte es noch einmal eine Platzierung geben. Das wäre gut für die dürftige Liquidität der Aktie.

Hepsiburada

Hepsiburada, die seit über 20 Jahren operierende Nummer zwei im E-Commerce in der Türkei, ist auf der Watchlist des EMDL. E-Commerce ist aber in den meisten Märkten ein Winner takes it all Markt. Das kann man auch am Aktienkurs von Hepsiburada erkennen, der vor einem Jahr bei 12 US Dollar an der Nasdaq debütierte und während der Wood-Konferenz in Prag unter den Kurs von einem Dollar fiel.

Das Makroumfeld in der Türkei ist zweifelsohne nicht einfach, die freundlich gesagt, unorthodoxe Zentralbankpolitik hat zu Geldentwertung und Verunsicherung der Konsumenten geführt. Vom Umsatzwachstum in Lira von 82 Prozent im ersten Quartal bleibt bei zuletzt 74 Prozent Inflation real und angesichts der Abwertung der Türkischen Lira in harter Währung nichts übrig. Um die berichteten 146 Millionen Dollar Umsatz zu erreichen, musste die Gesellschaft selbst als Verkäufer einspringen, denn viele Händler horteten ihre Ware lieber in der Hoffnung auf steigende Preise. Der Verlust im letzten Quartal war mit 14 Millionen Dollar immerhin deutlich besser als die operativen Ergebnisse im letzten Jahr (Q1: -32 Millionen, Q2; -39 Millionen, Q3: -91 Millionen, Q4: -75 Millionen). In der zweiten Jahreshälfte hatte sich die Gesellschaft auf einen aus unserer Sicht sinnlosen Preiskampf eingelassen.

Warum schauen wir uns das Unternehmen aktuell dennoch wieder an? Die Marktkapitalisierung des Unternehmens liegt bei 234 Millionen Dollar und damit unterhalb der verbliebenen Cash Decke aus dem IPO. Damit reiht sich Hepsiburada in die Reihe der Unternehmen mit negativem EV ein. Gründerin und Hauptgesellschafterin ist Hanzade Dogan Boyner, deren Familie das Finanzkonglomerat Dogan Holding kontrolliert. Wir denken, dass das Unternehmen ungeachtet der erwähnten Schwierigkeiten mit der richtigen Strategie eine gute Zukunft hat.

Wir planen in den nächsten Wochen mit den Hauptaktionären über die weitere Strategie zu sprechen und sowohl die Makro-Situation in der Türkei als auch die digitale Spur weiter zu beobachten.

Quartalszahlen und Bewertungen im Überblick

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EM Digital Leaders und/oder der Autor und/oder verbundene Personen oder Unternehmen besitzen Anteile der genannten Unternehmen. Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

Steffen Gruschka

Steffen Gruschka

Steffen war von 1998 bis 2006 im Fondsmanagement der DWS als Leiter Aktien Osteuropa tätig und dort für bis zu 5 Mrd. Euro AuM verantwortlich. Er wurde für seine Arbeit als Fondsmanager mehrfach prämiert u.a. wurde er von der Zeitschrift Finanzen 2003 mit dem DWS Russia als Fondsmanager das Jahres ausgezeichnet. Anschließend machte er sich in London selbständig und verwaltete über 10 Jahre lang Hedge Fonds. Anfang 2021 stieg er als Partner bei Pyfore Capital ein und ist seither für das Fondsmanagement des EM Digital Leaders verantwortlich.

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