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Tinkoff Bank – Die profitabelste Bank der Welt?

21. August 2020

Tinkoff Bank Aktie - Bild von Platinum Kreditkarte

Vor etwa drei Monaten hat es eine weitere Bank ins Portfolio des The Digital Leaders Fund geschafft. Mit Tinkoff sind wir erstmals auch in ein russisches Unternehmen investiert. Tinkoff hat seit der Gründung in 2006 eine spektakuläre Erfolgsstory in Russland hingelegt. Mit circa 11 Millionen Kunden ist es die größte Onlinebank in Russland. Nun will das hochprofitable Unternehmen die Märkte im Ausland erobern. Unter dem Namen Vivid Money hat Tinkoff ein virtuelles Konto und ein Kreditkartenangebot in Deutschland gelauncht und wagt damit einen Frontalangriff auf N26, Revolut und Co.


Oleg Tinkoff

Die Biographien erfolgreicher Gründer in Silicon Valley verlaufen oft nach einem ähnlichen Schema: Studium an einer Eliteuniversität wie Harvard, Stanford, MIT, Princeton, erste Erfahrungen in einer Digitalcompany oder Start-up, eine clevere Unternehmensidee, Finanzierung durch namhafte VC-Investoren wie Sequoia, A. Horrovitz, Benchmark sowie Welteroberung und Milliardenbewertung noch vor einem Börsengang.

Nicht so in Russland. Als Oleg Tinkoff 1967 in der Sowjetunion als Sohn eines Bergbauarbeiters und einer Schneiderin in Sibirien auf die Welt kam, deutete sicher wenig darauf hin, dass er eines Tages eine der profitabelsten Direktbanken der Welt besitzen würde. Sein Bergbaustudium in St. Petersburg schmiss er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hin. Als Student hatte er schon angefangen, u.a. Lippenstift und Jeans über seine Kommilitonen aus dem Westen zu importieren, um sie dann in Sibirien zu vertickern. Später waren es Elektrogeräte und Tonträger. 1997 gründete er erfolgreich ein Unternehmen für Tiefkühlkost und danach eine der führenden Brauereien in Russland, die er 2007 für 200 Millionen Dollar an die belgische Inbev verkaufte. Bereits 2006 kaufte Tinkoff eine existierende Bank in Russland, um an die Banklizenz zu kommen und startete unter dem Namen Tinkoff Credit Systems (TCS, heute einfach nur Tinkoff Bank) die erste Bank in Russland, die gänzlich auf Filialen verzichtete und nur ein Produkt, nämlich Kreditkarten anbot. Von seinen Aufenthalten in den USA kannte er Geschäftsmodelle wie von Capital One. Die Idee revolvierender Kreditkarten (also „echte“ Kreditkarten mit Kreditlinie, die in Deutschland kaum verbreitet sind) war also nicht revolutionär, aber es war sehr mutig, das Geschäft in Russland anzubieten. Da Tinkoff von Banking keine Ahnung hatte, holte er sich mit dem Visa-Chef Russlands, Oliver Hughes, einen Payment-Experten, was sich als Glücksgriff herausstellte. Tinkoff als etwas durchgeknallter und charismatischer Antreiber und Hughes als operativer Leiter hat als Duo offensichtlich bestens funktioniert. Hughes und viele andere im Führungsteam von Tinkoff sind seit der Gründungszeit dabei.

Unter meinen russischen Bekannten ist Tinkoff nicht nur aufgrund seiner Radsport-Obsession bekannt (aktives Mitglied und Sponsor des Tinkoff-Saxo Teams), sondern auch durch zahlreiche launige Blogkommentare auf Sozialen Medien und Fernsehauftritte.

Bild von Oleg Tinkoff mit Radsport Team beim Feiern mit Pokal

Die Tinkoff Bank

Die Tinkoff Bank ist 2007, also kurz vor der Finanzkrise, mit einem ersten Angebot live gegangen, nämlich Kreditkarten. Trotz des schwierigen Marktumfelds ist Tinkoff schnell gewachsen und hat 2013 mit einem IPO in London den Schritt an die Börse gewagt. Heute ist Tinkoff mit einem Marktanteil von über 13 Prozent gleich nach Sberbank der zweitgrößte Player im Kreditkartenmarkt in Russland. Im IPO-Jahr lag der Anteil noch bei 7,3 Prozent. Der Marktanteil ist also nahezu verdoppelt worden in einem Markt, der im gleichen Zeitraum 60 Prozent gestiegen ist.

Statistik zum russischen Kreditmarkt mit Tinkoff Bank und Wettbewerbern
Tinkoff Bank als zweitgrößter Player im Kreditkartenmarkt in Russland. (Quelle: Tinkoff Bank)

Heute ist Tinkoff keine Monoline-Credit-Company mehr. Das Angebot an Privatkunden hat man vor allem mit Versicherungs- und Brokerage-Lösungen deutlich ausgeweitet. Mittlerweile hat man auch ein stark wachsendes Firmenkundengeschäft mit Fokus auf SME-Kunden (Small and Mid-sized Enterprises). Mit der Ausweitung der Tinkoff-Mobile-App zu einer Super App, bietet das Unternehmen allerdings auch immer mehr bankfremde Produkte an, dazu später mehr.

Produktportfolio Tinkoff Bank auf Kunden ausgerichtet - Grafik
Produktportfolio Tinkoff Bank. (Quelle: Tinkoff)

Das Kreditbuch ist heute deutlich diversifizierter. Im Q2 machten Kredite über Kreditkarten 61 Prozent des Kreditbuches aus. Daneben bietet das Unternehmen Ratenkredite (Anteil in Q2 15 Prozent) und Konsumentenkredite am Point of Sales an (6 Prozent). Der Anteil von gesicherten Krediten wie Hauskredite (10 Prozent) und Autokredite (6 Prozent) wächst und sollte künftig noch weiter steigen.

Auch der Umsatz außerhalb des Kreditgeschäftes steigt, der Anteil im Q2 lag bei 37 Prozent.

Tinkoff Bank Statistik Umsatzströme

Retailinvestoren in Russland entdecken die Börse

Besonders die Umsätze Fee & Commission-Business (F&C) sind rasant angestiegen und machen aktuell 22 Prozent der Umsätze aus. Der Sturm auf die Aktienmärkte durch Retailinvestoren hat auch Russland erfasst, und keiner profitiert aktuell davon mehr als die Tinkoff-Gruppe.

Statistik zum Anstieg der Retailinvestoren bei der Tinkoff Bank

Die Zahl der Brokerage-Kunden hat Tinkoff im Q2 gegenüber Vorjahr verdoppelt, die Transaktionsvolumina sind um das 18-fache und die Umsätze um das 10-fache gestiegen. Damit ist Tinkoff einer der größten Broker für Retailkunden. Natürlich ist dieser Markt extrem volatil. Erfahrene Investoren erinnern sich an die Broker in Deutschland zur Jahrtausendwende, deren Kurse im Zuge des Neuen Marktes sich vervielfachten, um dann mit dem Gesamtmarkt zu kollabieren. Allerdings ist dieser Markt in Russland erst am Anfang der Entwicklung. Kunden dürften vielleicht auch mit ihrem Homebias nicht viel in inflationierte Aktien wie zum Beispiel Techwerte in den USA investiert sein. Vielmehr könnte dieser Trend die Kurse heimischer Unternehmen wie Yandex, Sberbank oder Tinkoff (auch in Moskau gelistet) unterstützen.

Mit circa 11 Millionen Kunden und 6,1 Millionen monatlich aktiven Nutzer der App ist Tinkoff die größte Direktbank in Russland. Das Unternehmen beschäftigt circa 24.000 Mitarbeiter. Das klingt nach sehr viel für eine Bank ohne Filialen. 10.000 Mitarbeiter arbeiten allerdings im Call-Center. Und ganz offline klappt das Kundenonboarding in Russland nicht. Die Identifizierung erledigt Tinkoff mit etwa 2500 Kurieren, die Kunden besuchen, vor Ort alle Anforderungen für das KYC (Know your Customer) erledigen und tatsächlich next-day-delivery der Karte in ganz Russland versprechen. Im Headquarter arbeiten 2500 Personen, von den circa 70 Prozent IT-Mitarbeiter sind.

Tinkoffs Ecosystem

Tinkoff ist ein innovatives und anpassungsfähiges Unternehmen. Mit dem Produktangebot hat man viele clevere Produkfeatures der Challengerbanken einfach schamlos kopiert. Multiwährungskonten wie bei Transferwise, prefered check-in und Metallkarte wie bei Revolut und N26, SME-Banking wie bei BREX, Onlineaquiring-Geschäft wie Stripe, Retailbrokerage wie bei Robinhood, Online Insurance wie z.B. Root.

Tinkoff-Kunden können über die App Tickets in Restaurants, Theater u.a. buchen, sie erhalten Cashback für ihre Einkäufe, wenn sie mit Tinkoff zahlen, können automatisiert Cashbacks, Round-ups, Zinsen und auch sonst feste Beträge in Aktien investieren. Im Dezember 2019 hat Tinkoff angekündigt, die Tinkoff Mobile-App zu einer Super App nach dem Muster von Wechat weiterzuentwickeln. Die App soll also eine Art Marktplatz für E-Commerce werden, ein eigener App Store, das Partnerunternehmen den Zugang zu allen Kunden mit Mini Apps à la WeChat ermöglicht. Noch ist es nur eine vollmundige Absichtserklärung. Doch bisher haben die Russen geliefert.

Wir haben uns die Downloadzahlen der Tinkoff-Mobile App angesehen und diese verglichen mit der App der zweitgrößten Bank in Russland, nämlich VTB (die Sberbank ist noch zu dominant für einen Vergleich). Die Graphik unten zeigt, wie stark die App in den letzten Jahren gewachsen ist und jetzt mit einem weiteren Schub durch die Pandemie sogar VTB in der Nutzerzahl überholt hat.

Entwicklung Downloads Tinkoff App

Bewertung der Tinkoff-Aktie

Tinkoff hat sehr solide Q2 Zahlen in Anbetracht der Pandemie präsentiert. Mit 10,2 Milliarden Rubel (circa 455 Millionen Euro) Umsatz, also einem Wachstum von 25 Prozent, hat die Bank das zweitbeste Resultat ihrer Geschichte erwirtschaftet. In den vergangenen Jahren konnte das Unternehmen die Umsätze sogar um jährlich über 40 Prozent steigern. Mit einem Return on Equity (ROE) von nun 40 Prozent gehört die Tinkoff Bank zu den profitabelsten Banken der Welt. Das liegt vor allem an der unfassbar hohen Zinsmarge. Im ersten Halbjahr 2020 ist die Marge auf 19,3 Prozent gefallen gegenüber 22,4 im letzten Halbjahr. Zum Vergleich: In den USA kommt man im Schnitt auf gerade mal 3 Prozent Zinsmarge, während man sich in Europa schon mit 1 Prozent glücklich schätzen kann. Aber auch in den USA sind die Zinsen für Kreditkartenschulden oft deutlich über 20 Prozent. Dennoch wird Tinkoff diese Zinsmarge nicht dauerhaft halten können. Der Anteil der gesicherten Kredite mit niedrigeren Zinsmargen sollte deutlich zunehmen, wie aktuell in der Pandemie. Auch die Konsumentenkredite, oft in Partnerschaft mit Supermärkten und Produktpartnern, bieten deutlich niedrigere Zinsmargen. Das Unternehmen hat allerdings eine niedrige Kreditakzeptanzquote. Im Q2 ist das Kreditvolumen aufgrund konservativer Kreditvergabe gefallen gegenüber Q1. Der Anteil der faulen Kredite (Non-performing loans, NPL) ist im Q2 auf 10,8 von 7,4 gegenüber Vorjahr angestiegen. Die Risikovorsorge (Loan loss provision, LLP) hat man im gleichen Zeitraum aber noch deutlicher erhöht. Aktuell übersteigt die Risikovorsoge die faulen Kredite um 160 Prozent.

Allerdings könnte es der Tinkoff-Bank gelingen, eine negative Entwicklung der Zinsmarge mit deutlich höheren Fees und Commissions aus dem Investmentgeschäft und dem Onlineaquiring-Geschäft zu kompensieren. Aktuell nicht relevant aber für das Narrative des Unternehmens wichtig sind mögliche künftige Einnahmen aus der Super App.

Die Aktie der Tinkoff Bank hat sich in den letzten 12 Monaten und insbesondere 2020 deutlich besser entwickelt als viele Märkte und noch viel besser als Banktitel.

Tinkoff Bank Aktie Entwicklung im Vergleich zu Lyxor STOXX Europe 600 Banks
Kursentwicklung TCS Group (Tinkoff Aktie) vs. Lyxor STOXX Europe 600 Banks.

Mit einer PE von unter 9 und einem P/TBV (materieller Buchwert) von knapp über 2 halten wir das Unternehmen trotz der guten Entwicklung als attraktiv bewertet. Ich glaube, dass ein Vergleich mit vielen aktuell niedrig bewerteten Banktiteln dem Unternehmen nicht gerecht wird. Die Tinkoff-Bank hat in den vergangenen Jahren das Wachstum von erfolgreichen Fintechs hingelegt, mit dem Unterschied, auch noch sehr profitabel zu sein. Nun wagt das Unternehmen auch den Schritt nach Westeuropa. Mit Vivid Money schickt Tinkoff ein virtuelles Konto und eine Kreditkarte ins Rennen gegen N26, Revolut und Co., die man aufgrund vieler Produktmerkmale wie Cashbacks, Investments, Fremdwährungskonten etc. sehr ernst nehmen muss, auch wenn die Downloads der App sich noch sehr zäh entwickeln.

Risiken der Tinkoff-Aktie

Ein Investment in die Tinkoff-Aktie birgt allerdings viele Risiken. Da ist zunächst Oleg Tinkoff, der circa 40 Prozent der Aktien hält (B-Shares), aber circa 87 Prozent der Stimmrechte. Im Februar wurde bekannt, dass die US-Steuerbehörde ihn beschuldigt, 2013 eine falsche Steuererklärung abgegeben zu haben. Gegen eine Kaution in Höhe von 20 Millionen Pfund hat Oleg Tinkoff eine Untersuchungshaft vermeiden können, steht aber seither unter Hausarrest, was ihm in der Corona-Zeit sicher nicht schwergefallen ist. Die nächste Anhörung findet Ende September statt.

Das Unternehmen betont, dass es ein Verfahren gegen Oleg Tinkoff ist und nicht gegen das Unternehmen.

Im Mai 2020 wurde zudem bekannt, dass Oleg Tinkoff an Leukämie erkrankt ist und sich Ende Juli einer Knochenmarktransplantation unterzogen hat. Das Unternehmen wird zwar nicht von ihm operativ geleitet, dennoch wäre die Zukunft des Unternehmens ohne ihn unsicherer. Wir wünschen dem charismatischen Unternehmer eine schnelle Genesung.

Wer in ein russisches Unternehmen investiert, weiß spätestens seit der Yukos-Affäre, dass jeder dort ein Unternehmer von Putins Gnaden ist. Die beispiellose Enteignung von Shareholdern hat es so in anderen großen Emerging Markets nicht gegeben. An den Folgen leidet Russland m.E. heute noch. Daher ist es schon ungewöhnlich, wie gut sich Oleg Tinkoff gehalten hat, bei all seinen Koketterien darüber, warum er kein typischer Oligarch ist. “I’m not a pro-Putin person by any stretch . . . He’s not my hero”, sagte er 2015 in einem Interview mit der FT. Im gleichen Interview sagte er aber auch:

“Unfortunately, westerners don’t understand that Putin is a reflection of the Russian person. Westerners for some reason think there’s some kind of Russian society here that wants something else, and that Putin is preventing this and, if he’s not here any more, then something will change. But this is not the case.”

Oleg Tinkoff wird von Putin zumindest geduldet. Das ist aus der Sicht eines europäischen Investors besser als von ihm geliebt oder gehasst zu werden.

Tinkoff Bank Aktie – Fazit

Die Tinkoff Bank hat seit der Gründung 2006 eine beeindruckende Erfolgsgeschichte geschrieben. In einer Zeit, als das Wort Fintech noch nicht erfunden war, hat die Bank mit einem reinrassigen Online-Geschäftsmodell sehr früh den Grundstein für den Erfolg gelegt. Wir haben Anfang Juni TCS-Aktien gekauft und unsere Position sukzessive hochgefahren. Mit der Tinkoff Bank haben wir unser erstes EM-Investment außerhalb Chinas getätigt. Aktuell halten wir das Risiko-Ertragsprofil eines Investments in Tinkoff attraktiver als das vieler Techwerte in den USA. Wenn Du die weitere Entwicklung von der Tinkoff Bank gemeinsam mit uns verfolgen willst, dann kannst Du jetzt hier unseren kostenlosen Newsletter bestellen, um nichts zu verpassen.

Disclaimer
The Digital Leaders Fund und/oder der Autor und/oder verbundene Personen oder Unternehmen besitzen Anteile von Tinkoff Bank. Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

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Baki Irmak

Baki Irmak

Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien für BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanger bei der Commerzbank und ABN Amro.

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