Vermögensbilanz neu gedacht – wie reich sind wir wirklich?

26. November 2021

Private Vermögensbilanz neu gedacht

Anleger werden überschüttet mit mehr oder weniger gut gemeinten Tipps zur privaten Finanzplanung. Aber die meisten sind bestenfalls lückenhaft. Wer seriös planen will, muss seinen wichtigsten Vermögenswert in die Gleichung mit einbeziehen: seine Arbeitskraft. Wir zeigen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben – nicht nur für die Asset Allocation.

Die Erfassung der persönlichen Vermögensbilanz ist das A und O der Finanzplanung. Wer Konsumziele hat, das Studium seiner Kinder finanzieren will oder privat für das Alter vorsorgen will, muss zunächst den sprichwörtlichen Kassensturz machen: welche Vermögenswerte stehen welchen Verbindlichkeiten gegenüber? Was bleibt unter dem Strich übrig? Wie lange kann die Ansparzeit sein, und wie hoch sollte die Verzinsung sein, die schlussendlich über die Höhe des gebildeten Vermögens zum Stichtag X entscheiden wird? 

Die typische Anleitung zur Finanzplanung setzt etwa so an: Man ziehe die Verbindlichkeiten von den Vermögenswerten ab, und, presto: fertig ist die persönliche Vermögensbilanz. Eine schulische Anleitung zur Vermögensplanung rechnet das so vor: „Anleger sollten auf der Habenseite nur diejenigen Positionen in ihre Rechnung mit einbeziehen, die im Sinne einer Geldanlage einen Wert verkörpern, wie zum Beispiel alle Guthaben auf Spar-, Tagesgeld- und Festgeldkonten, Bausparverträgen, Sparbriefen, unter Umständen auch auf dem Girokonto, wenn dort größere Geldsummen geparkt werden.“ Hinzu kämen, so der Schultext weiter, der „Wert sämtlicher Wertpapiere (zum aktuellen Kurs), Lebensversicherungen (zum Rückkaufwert) und vermieteter Immobilien (zum ungefähren Verkehrswert).

Soweit die typische Darstellung, die sich im Grunde auch nicht von vermeintlich ausgefeilteren Ansätzen unterscheidet, die Ferienhäuser und Kunstgegenstände (und wie man diese versichert) hinzufügt. Für die Angehörigen der oberen Mittelschicht gibt es noch steuerliche Tipps zu Themen wie Vererben und Schenken oder zum Einsatz vermögensverwaltender GmbHs. Otto-Normal-Bürger bekommen von Verbraucherzentralen das Thema Schuldentilgung ins Stammbuch geschrieben – wie auch Empfehlungen für staatlich geförderte Vermögensformen wie die Riester-Rente oder Vermögenswirksame Leistungen.  (Sich zunächst zu entschulden, ist nicht nur ein guter Hinweis für die weniger Vermögenden!).

Und so finden sich je nach Adressat höchst unterschiedliche Ansätze zur Erstellung einer persönlichen Finanzplanung. Derartige Checklisten können im Sinne einer ersten Übersicht hilfreich sein, doch sie sind unvollständig. Denn sie lassen den wertvollsten Vermögenswert außen vor: unsere Arbeitskraft. In der Fachsprache ist oft auch die Rede vom Humankapital. Dieses zu ignorieren, hat schwerwiegende Konsequenzen nicht nur für die Gestaltung von Anlagestrategien. Wir wollen im Folgenden im Frage-Antwort-Format die wichtigsten Aspekte des Humankapitals und wie es im Portfolio-Kontext zu taxieren ist, skizzieren.

Was ist das Humankapital genau?

Einfach formuliert entspricht das Humankapital dem Wert unserer Arbeitskraft, die wir künftig noch erbringen werden. Es entspricht dem heutigen Barwert aller künftiger Gehaltsstreifen. Logischerweise ist das Humankapital bei jungen Menschen am größten. Denn sie haben noch ihre ganze Karriere vor sich. In der Regel steht das Humankapital in einem inversen Verhältnis zu den klassischen Vermögenswerten wie Wertpapieren oder Pensionsansprüchen. Zu Beginn der Karriere sind letztere niedrig bis nicht vorhanden, zum Ende hin sind sie dagegen sehr hoch. Das klingt banal. Wir leben und arbeiten nun einmal.

Ist das Humankapital damit nicht eher eine theoretische Größe?

Auf keinen Fall! Wer sich und seine Arbeitskraft als Vermögenswert begreift, wird sich anders verhalten als jemand, der seinen persönlichen Wert ignoriert bzw. einfach so hinnimmt. Das fängt damit an, achtsam mit sich und seiner Gesundheit umzugehen. Es macht einen Unterschied, ob wir Raubbau an unserer Gesundheit betreiben, oder ob wir gesund leben. Mit einem gesunden Lebensstil haben wir die Aussicht auf ein längeres Leben und damit auf ein höheres Humankapital. Ein 25-Jähriger mit einem monatlichen Gehalt von 2.500 Euro kommt (ohne Gehaltsanpassungen) bei einer Inflationsrate von drei Prozent und “vollem” Arbeitsleben bis 67 Jahre auf ein Humankapital von gut 710.00 Euro. Ein Gleichaltriger, der sich ausgiebig dem Tabak- und Alkoholgenuss widmet und seine Karriere mit 55 Jahren “beendet”, wird unter den identischen Bedingungen auf ein Humankapital von nur 590.000 Euro kommen.

Also optimiere ich mein Humankapital, indem ich mit dem Rauchen aufhöre?

Das geht in die richtige Richtung, aber ganz so banal ist es auch wieder nicht. Den Faktor Zeit zu verlängern, ist natürlich wichtig. Aber wenn Ihr in Euer Humankapital investiert, etwa durch akademische oder berufliche Weiterbildung, verleiht Ihr der Sache einen regelrechten Rendite-Turbo. Wer schneller auf der Karriereleiter aufsteigt, verdient besser. Um im Beispiel zu bleiben: Steigt das Nettogehalt unseres gesundheitsbewussten 25-Jährigen infolge seiner Weiterbildung um jährlich drei Prozent, erhöht sich sein Humankapital – ceteris paribus – von 710.000 auf 1,25 Millionen Euro. Macht er statt eines Bachelors einen Master, boostert er damit sein Humankapital noch stärker, auch wenn er zu einem späteren Zeitpunkt in den Beruf einsteigt. Um im Beispiel zu bleiben: Als 28-jähriger Berufseinsteiger fängt unser Master-Absolvent mit 3.500 Euro und nicht mit 2.500 Euro an, und er steigert sein Gehalt jährlich um vier statt drei Prozent. Er kommt auf ein Humankapital von knapp zwei Millionen Euro.

Wie wichtig ist das Humankapital im Vergleich zu anderen Vermögenswerten?

Es gibt die unterschiedlichsten Untersuchungen, aber allen gemein ist, dass sie das Humankapital als das mit Abstand wertvollste Gut taxieren. Eine Studie zum Verhältnis zwischen Finanzinvestments, Immobilien, privaten Pensionsplänen, gesetzlicher Rente und Humankapital der privaten Haushalte in Großbritannien zwischen 1948 und 1994 zeigt, dass das Humankapital nie weniger als 75 Prozent der Vermögensbilanz ausgemacht hat. Dagegen schwankte der Anteil der Finanzinvestments im Zeitverlauf zwischen drei und zwölf Prozent. Eine vergleichbare Untersuchung zu den USA, welche die Haushalte in Vermögens-Perzentile unterteilt, kommt sogar zu noch größeren Disparitäten. Finanzanlagen machten in der Studie im Median nur 1,3 Prozent der Vermögensbilanz der US-Haushalte aus. Bei den 25 Prozent wohlhabendsten Haushalten lag die Quote von Finanz-Assets bei 5,7 Prozent. Lediglich bei den zehn Prozent reichsten Haushalten belief sich der Anteil der Finanzanlagen auf signifikante 17,4 Prozent.

Was ist für mich die Konsequenz aus diesem Befund?

Dazu folgendes Gedankenspiel: Wenn sich Euer Humankapital auf, sagen wir, eine Million Euro beläuft, dann würde ein Wertpapierdepot von 10.000 Euro eine andere Bedeutung haben, als wenn Ihr Euer Humankapital nicht berücksichtigen würdet. Dann steht das Portfolio für einen Anteil von unter einem Prozent am Gesamtvermögen und nicht für 100 Prozent. Auch wenn Ihr extrem Risikoscheu seid, würdet Ihr dann vermutlich kein Problem damit haben, das Portfolio-Risiko deutlich zu erhöhen. Schließlich würde Euer Gesamtvermögen bei einem Portfolio-Verlust von 50 Prozent nicht von 100 auf 50, sondern von 100 auf 99,95 Prozent sinken

Also alles auf Aktien?

Das nun auch wieder nicht. Das Humankapital sollte wie jeder andere Vermögenswert auch als Teil der Asset Allocation begriffen werden. Willkommen zurück zur vertrauten alten Portfolio-Welt, wo es um Diversifikationen, Korrelationen und dynamischer Asset Allocation geht! Das Humankapital ist eng korreliert mit der Branche, in der Ihr tätig seid. Die Volatilität des Humankapitals eines verbeamteten Lehrers wird ziemlich niedrig sein im Vergleich zu der eines Selbstständigen. Ersterer ist, vereinfacht gesagt, eine Bundesanleihe, letzterer eine Aktie. (Der selbstständige Finanz-Consultant ist dann sogar ein Hedgefonds). Daraus folgt, dass Lehrer und andere Berufsbeamte prinzipiell eine hohe Aktienquote vertragen. Wer in Stuttgart bei einem Autohersteller tätig ist, sollte keine Daimler-Aktien und auch generell keine Auto-Aktien halten. Es gilt in jedem Fall, die Sensitivität der Branche des Arbeitgebers zu taxieren. Je nach Branche fallen das Aktien-Beta, aber auch der Diskontierungsfaktor unterschiedlich aus. Eine sehr detaillierte Untersuchung des CFA Instituts aus dem Jahr 2015 kommt auf eine für die USA sehr differenzierte Asset Allocation für unterschiedliche Berufsgruppen, die von Cash über Inflationsschutzanleihen bis hin zu Nebenwerten Value reicht. Derartige Untersuchungen sind weniger bedeutsam für unsere Praxis, zeigen aber, wie ausgeklügelt man vorgehen kann, wenn es um die Kalibrierung von Wertpapier-Portfolios geht, wenn sie von einer Stand-alone-Lösung zum Teil einer Gesamtbetrachtung werden.

Wenn mein Humankapital so wichtig ist, dann sollte ich es auch absichern?

Sofern Euer Wohl und Wehe bzw. der Lebensunterhalt Eurer Familie daran hängt unbedingt. Leider machen sich die meisten Menschen zu viele Gedanken über den Risiko-Schutz von Aktienportfolios und zu wenige über die Versicherung ihrer Arbeits- und Berufsrisiken. Es ist daher essenziell, dass Berufseinsteiger eine gute Berufsunfähigkeitsversicherung mit hinreichender Deckungssumme abschließen. Auch eine Risikolebensversicherung (nicht zu verwechseln mit einer kapitalbildenden Lebensversicherung, die zumeist keine gute Idee ist) sollte in Betracht gezogen werden. Absicherung kostet Geld. Das ist eine Kröte, die Ihr schlucken solltet. (Wer dagegen auf einem Goldschatz sitzt, braucht für sein Humankapital natürlich keine Absicherung.)

Ich bleibe dabei. Das Ding mit dem Humankapital ist schon recht banal.

Ja, das ist es auch einerseits, weil es lauter vertraute Lebensbereiche umfasst, etwa die Berufswahl, den Lebensstil, Investments in Wertpapiere oder die Absicherung von biometrischen Risiken. Aber die Ermittlung des Humankapitals und seine Einordnung in die gesamte persönliche Vermögensbilanz ist andererseits überhaupt nicht banal. Denn nur die wenigsten von uns verknüpfen die separat geführten Lebensaspekte miteinander. Geschweige denn, dass sie diese gewichten und zu einer Gesamtbilanz zusammenführen. Wer die verschiedenen Fäden aufhebt und miteinander verbindet, ist auf dem richtigen Weg zum robusten Lebensportfolio!

Disclaimer

Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

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Ali Masarwah

Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Chefredakteur und Partner bei der Fondsplattform envestor.de und schreibt auch Kolumnen über Investmentthemen für The Digital Leaders Fund. Anleger-orientiertes Research ist seit über 20 Jahren Alis Ding. Vor seiner Zeit bei envestor.de war er zehn Jahre lang bei Morningstar, wo er für die Personal Finance Websites des Analysehauses in Deutschland verantwortlich war. Als Experte für Anlagethemen ist er ein gefragter Ansprechpartner für Finanzmedien im deutschsprachigen Raum.

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