Werden Vegan Investments zum Mainstream?

24. September 2021

Vegan Investments

Während Investments in den Klimaschutz gesellschaftlich längst als Notwendigkeit erkannt wurden, werden Vegan Investments mitunter als schrulliges Verhalten einer verstädterten Oberklasse abgetan. Zu Unrecht. Alternative, dem Tierwohl verpflichtete Ernährungsweisen stellen einen Wachstumsmarkt dar, auf den es sich zu schauen lohnt. Eine erste Annäherung.

Veganismus galt ursprünglich als strengere Variante des Vegetarismus, wird jedoch heute weiter gefasst und allgemein als dem Tierwohl verpflichtende Lebensweise verstanden. Es geht also nicht nur darum, Lebensmittel tierischen Ursprungs zu vermeiden, sondern auf tierische Produkte in allen Lebensbereichen zu verzichten, also auch auf herkömmliche Textilien, Schuhe und Kosmetika.

Mehr als spleeniges Verhalten spätrömisch-dekadenter Großstädter

Das klingt exotisch, doch Veganismus ist kein randständiges Thema mehr. Wusstet Ihr, dass sich laut Allensbach im vergangenen Jahr 1,13 Millionen Menschen in Deutschland als Veganer bezeichnet haben? Das sind gut 250.000 mehr als noch fünf Jahre zuvor. Rund zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland bezeichnen sich als Vegetarier. Und auch immer mehr Fleischesser unter uns haben erkannt, dass exzessiver Fleischkonsum gesundheitliche Probleme verursacht.

Doch Veganismus ist viel mehr als die Lebensentscheidung einer Minderheit für das Tierwohl. Es geht auch um Ressourcenschonung und Klimaschutz. Die Viehwirtschaft ist unmittelbar eine der wichtigsten Quellen von Treibhausgasemissionen. Die Fleisch- und Milchproduktion haben weitere schwerwiegende Folgen: Sie verbrauchen viel Wasser, erfordern immense Mengen an Landfläche und Futtergetreide, was wiederum mehr Wasser verbraucht und zum Einsatz von Pestiziden führt.

Viehwirtschaft verursacht darüber hinaus nicht nur Treibhausgase, sondern auch Abfälle, was weitere Umweltprobleme mit sich bringt. Parallel steigt der Bedarf an Weideflächen und Böden zur Herstellung von Futtermitteln, was wiederum zur Vernichtung von Wäldern führt. Dies befeuert den Klimawandel und trägt zum Verlust der Artenvielfalt bei.

Bedenkt man nun, dass die Weltbevölkerung von aktuell knapp acht Milliarden auf erwartet elf Milliarden Menschen bis 2100 wachsen wird und immer mehr Einwohner der Schwellenländer wohlhabender und damit zunehmend zu Fleischkonsumenten werden, dann wird deutlich, dass wir es hier mit einem veritablen Ressourcen-Problem zu tun haben.

Bei veganer und vegetarischer Ernährung geht es also nicht um das spleenige Verhalten spätrömisch-dekadenter Großstädter. Es geht um die persönliche Gesundheit. Veganismus adressiert zudem viele Probleme, die wir aus Klimaschutz-Überlegungen längst als relevant anerkannt haben.

Vegan Investments: Eine erste Annäherung

Nach dieser Einführung dürfte es wohl kaum überraschen, dass die Wachstumsaussichten für die Unternehmen, die vegane Produkte herstellen, vielversprechend sind. So schätzte das Institut Allied Market Research im Jahr 2019, dass das Wachstum des Marktes für vegane Lebensmittel bis 2026 bei jährlich 10,5 Prozent liegen werde, deutlich über den Steigerungsraten der Lebensmittelindustrie insgesamt. Noch optimistischer ist das Forschungsinstitut Research and Markets, das auf jährliche Wachstumsraten von knapp zwölf Prozent kommt.

Dabei unterscheidet Allied Market Research zwischen Milchersatzprodukten (Nüsse, Soja, Reis, Hafer usw.) und Fleischersatzprodukten. Letztere seien besonders margenträchtig.

Vegan Food Market Chart
Allied Market Research 2019 Vegan Food Market

Die Unternehmensberatung Kearney sieht für Fleischersatzprodukte Wachstumsraten von 20 bis 30 Prozent jährlich bis 2026 voraus. Hier unterscheidet Kearney zwischen klassischen Vegan- und Vegetarier-Produkten, Insekt-basiertem Ersatz, innovativen veganen Lebensmitteln (Burger a la Beyond Meat) und künstlich hergestelltem Fleisch aus der Petrischale. Letztere beiden Produktgruppen wiesen die größten Ähnlichkeiten mit Fleisch auf und hätten die höchsten Margen.

Hochwertig und fleischähnlich gefragt. Quelle: Kearney

Legende: Bubble-Größe spiegelt Verhältnisse der Funding-Runden bis 2018 wider, farbliche Abstufung Hintergrund repräsentiert Entwicklungsstufen.

Kearney schätzt die Wachstumsaussichten für künstlich erzeugtes Fleisch am höchsten ein. Hier gehen die Berater von einem Marktanteil am konsumierten „Fleisch“ von 35 Prozent im Jahr 2040 aus. Beyond Meat und Co werden mit neuartigem pflanzlichen Fleischersatz auf einen Marktanteil von 25 Prozent kommen, dagegen werde konventionelles Fleisch nur noch 40 Prozent des “Fleischkonsums” in knapp 20 Jahren ausmachen. Das entspricht einem Rückgang von 50 Prozentpunkten gegenüber dem für 2025 projizierten Niveau.

Der globale „Fleisch“-Konsum bis 2040. Quelle: Kearney

Übrigens scheinen die Schätzungen von der Wirklichkeit überholt zu werden. Gemäß der Plant Based Foods Association und The Good Food Institute seien die Umsätze für pflanzenbasierter Fleischersatz in den USA im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr sogar um 45 Prozent gestiegen.

Investment-Strategien in der Übersicht

Nachdem wir also gesehen haben, dass vegan-orientiertes Investieren vor allem mit Blick auf Fleischersatz gute Wachstumsaussichten hat, stellt sich nun die Frage nach den Möglichkeiten, diesen Trend im Portfolio einzufangen. Wie das so mit Trend- oder Themen-Investments ist, bieten sich hier zwei Möglichkeiten an mit Blick auf die Reichweite:

Pure Plays: Nahrungsmittelhersteller der kleineren Sorte

Auch wenn Unternehmen wie Oatly, Beyond Meat oder Ingredion auf eine Marktkapitalisierung von bis zu zehn Milliarden Dollar kommen und damit eher den Mid Caps zugeordnet werden können, so handelt es sich bei den Herstellern veganer Produkte um Nebenwerte, die sich im zudem in einer Branche tummeln: dem Nahrungsmittelsektor. Und nicht nur das: Die Zahl der Vegan-Spezialisten ist noch gering, auch wenn immer mehr Unternehmen an den Markt kommen.

Halten wir also fest, dass sich vegane Investments in ihrer engsten Definition um ein Nebenwerte-lastiges mit hohen Klumpenrisiken versehenes Universum handelt. Anleger, die Zugang zu Venture Capital Fonds haben, können allerdings ihre Auswahl an Portfolio-Unternehmen steigern. Das Portal Startup-map. berlin führt 36 VC-Fonds auf. Pitchbook, ein Datenhaus, das VC-Deals erfasst, zeigt für das vergangene Jahr – Corona zum Trotz – eine Rekordzahl an VC-Deals mit Fleisch-Ersatzbezug – mit einem Rekord-Volumen. Für das laufende Jahr könnte ein ähnlich hohes Niveau wie 2020 erreicht werden.

Auch wenn die VC-Seite des Marktes die Auswahl an Unternehmen erhöht, ist das Illiquiditätsrisiko hier noch ungleich höher als bei börsenkotierten Investments. Und ungeachtet der Tatsache, dass VC Investments nicht börsennotiert sind, so ist die Korrelation zum Aktienmarkt hoch. Investoren müssen zudem bedenken, dass nicht aus jedem vielversprechenden Start-up ein Unicorn wird.

Vegan-Deals 2020 Chart
Vegan-Deals 2020 auf Rekordniveau. Stand der Daten 27. Mai 2021, Quelle: Morningstar Markets Observer 2/2021 

Veganes Investieren weiter gefasst

Aus Diversifikationsgründen dürften viele Anleger, die keine Glaubenshüter der veganen Sache sind, deshalb eher dazu neigen, einer thematisch breiter gefassten Definition von veganen Investments zu folgen.

Hier gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum einen können Anleger auf Nahrungsmittelhersteller gehen, die vegane Produktlinien aufgebaut haben. Dann landen sie bei den üblichen Verdächtigen. So hat Nestle mit Sweet Earth einen Hersteller Pflanzen-basierter Nahrungsmittel übernommen. Breiter gefasste Investments könnten auch Supermarktketten wie Tesco umfassen. Auch solche Mainstreet-Einzelhändler haben das Sortiment an veganen Lebensmitteln in den vergangenen Jahren ausgebaut. Dagegen ließe sich einwenden, dass solche Firmen nur einen verschwindend geringen Anteil ihrer Umsätze mit veganen Produkten erzielen. 

Daher könnten Bio-Lebensmittelkonzerne wie United Natural Foods oder Hain Celestial, die aber auch auf nicht-vegane Marken setzen, eine möglicherweise bekömmlichere Alternative zu Nestle oder Tesco darstellen.

Zum anderen ließe sich der Begriff „vegan“ erweitern auf Firmen, die das Tierwohl im Blick haben. Dann wären Unternehmen ausgeschlossen, die Tierversuche unternehmen, wie auch solche, deren Produkte der Massentierhaltung entstammen. Unter dieser Rubrik könnten Firmen wie Tesla oder Symrise firmieren, die ein ohnehin unverdächtiges Geschäft stärker vegan ausrichten. Tesla nutzt kein Leder mehr für die Ausstattung der Sitze seiner Fahrzeuge; Symrise arbeitet daran, immer mehr Pflanzenproteine bei seinen Lebensmitteladditiven einzusetzen.

Auch bei dem erweiterten Begriff „Vegan“ gilt es, eine Balance herzustellen. Die wenigen Fonds, die das vegane Thema spielen, werden oftmals dafür kritisiert, das Thema Veganismus allzu weit zu fassen. Als beliebig wurde die Strategie des US Vegan Climate Change ETF kritisiert (nicht in Europa zum Vertrieb zugelassen). Der ETF setzt auf Unternehmen, die auf Produkte mit tierischen Inhaltsstoffen verzichten und keine Tierversuche unternehmen. Dass sich Unternehmen wie Apple, Microsoft, Google und Nvidia in dem ETF tummeln, mag zwar die Investment-Richtlinien erfüllen, dürfte aber für viele Anleger eher einen schalen Marketing-Beigeschmack haben.

Konsistenter ist der Ansatz beim europäisch domizilierten Rize Sustainable Future of Food ETF. Er setzt auf Firmen, die einen wesentlichen Anteil ihres Umsatzes „oder“ operativen Gewinns zum „Aufbau eines nachhaltigeren, sicheren und fairen Lebensmittelsystems auszeichnen“. Hierzu zählen die Branche Agrarwissenschaft, Wassermanagement, Unternehmen, die Recycling-fähige Verpackungen herstellen.

Fazit: Vegan Investments – ein weites Feld

Vegan Investments sind ein höchst spannendes Feld. Sie decken ein dynamisch wachsendes Unternehmenssegment ab, das mittels moderner Technologien die Abhängigkeit der Menschheit von tierischen Produkten reduziert und damit einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit, zum Umweltschutz und zum Tierwohl leistet.

Investoren haben bereits jetzt die Möglichkeit, auf die Hersteller veganer Produkte zu setzen. Hier handelt es sich in erster Linie um kleinkapitalisierte Nahrungsmittelhersteller. Über VC-Vehikel haben Anleger auch die Möglichkeit, Early-stage in die möglichen Unicorns von morgen oder übermorgen zu investieren. Allerdings bringen derartige Investments Branchenrisiken, Small Cap bzw. Illiquiditäts-Risiken mit sich.

Breiter diversifizierte Zugänge zu Vegan Investments ermöglichen Firmen, die das Tierwohl auf die Fahnen geschrieben haben und auf Tierversuche verzichten und keine tierischen Komponenten bei der Herstellung ihrer Produkte einsetzen. Andere Investoren werden auch andere nachhaltige Investmentkriterien einsetzen, die bestenfalls mittelbar einen veganen Bezug haben. Dazu zählen Unternehmen, die nachhaltigere Methoden bei der Herstellung von Lebensmitteln, bei der Landbewirtschaftung verfolgen, oder aber daran arbeiten, weniger umweltschädliche Verpackungen zu produzieren oder wassersparende Technologien zu entwickeln.

Eine eher weitreichende Definition von Vegan Investments ließe Anlagen in Unternehmen wie Apple rechtfertigen: Die Herstellung von iPhones beinhaltet erkennbar keinen Einsatz tierischer Produkte und involviert auch keine Tierversuche. Puristen werden darüber die Nase rümpfen, eine Erweiterung des Anlagespektrums könnte indes für eher pragmatisch gestimmte Anleger, die auf den Vegan-Trend setzen möchten, auch aus Diversifikationsgründen opportun sein.

Disclaimer

Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

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Ali Masarwah

Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Chefredakteur und Partner bei der Fondsplattform envestor.de und schreibt auch Kolumnen über Investmentthemen für The Digital Leaders Fund. Anleger-orientiertes Research ist seit über 20 Jahren Alis Ding. Vor seiner Zeit bei envestor.de war er zehn Jahre lang bei Morningstar, wo er für die Personal Finance Websites des Analysehauses in Deutschland verantwortlich war. Als Experte für Anlagethemen ist er ein gefragter Ansprechpartner für Finanzmedien im deutschsprachigen Raum.

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