XP, Canaan, Yalla und Sea: Zwischen Hitzköpfigkeit und Lethargie

26. August 2022

XP, Canaan, Yalla, Sea Quartalszahlen

Nachdem wir letzte Woche die starken Ergebnisse unserer vier Schwergewichte im Emerging Markets Digital Leaders Portfolio präsentiert haben, folgen diese Woche eine Reihe von Unternehmen aus der zweiten und dritten Reihe, deren Ergebnisse sich durch Licht und Schatten auszeichnen.

XP Aktie: Hitzköpfe verschleudern den Wert voreilig

Trotz der Baisse an den Aktienmärkten stiegen die AuC (Assets under custody) im Jahresvergleich um 4 Prozent auf 846 Milliarden Real, das sind allerdings 3 Prozent weniger als im Quartal zuvor. Ein starkes Wachstum verzeichneten die neuen Geschäftsfelder: Der Zahlungsverkehr mit Kreditkarten stieg um 161 Prozent auf 5,5 Milliarden Real, das Kreditportfolio legte gleichzeitig um 89 Prozent auf 12,9 Milliarden Real zu.

Der Quartalsumsatz lag bei 3,6 Milliarden Real, ein Plus von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr und 9 Prozent gegenüber dem Quartal zuvor. Der Rohertrag stieg um 16 Prozent yoy und 10 Prozent qoq auf 2,5 Milliarden.

Skandal beim Nettogewinn? Mit einer Milliarde Real lag dieser auf dem Niveau des Vorjahres und des letzten Quartals. Die Analysten reagierten verschnupft – sie hatten auf mehr gehofft. 

Die höheren Kosten waren folglich der Fokus des Earning Calls. Das Management verwies auf die direkte Verbuchung aller Kosten der neuen Initiativen, darunter die der Crypto Plattform App XTAGE. Das heißt, es handelt sich zumindest teilweise um einmalige Ausgaben, die erst in der Zukunft Erträge bringen werden. So planen laut einer Erhebung des Managements, 88 Prozent der existierenden Kunden von XP über die Plattform Kryptowährung zu erwerben. Ich vermute, einige kryptoskeptische Aktienpuristen wollen das nicht glauben.

Der Markt reagierte in jedem Fall verschnupft, möglicherweise ein Ausdruck von Skepsis, , ob diese Investitionen tatsächlich rentabel sein werden und strafte die XP Aktie innerhalb von zwei Handelstagen um satte 20 Prozent ab. Nach unserem Empfinden zu Unrecht beziehungsweise zu kurzsichtig, denn die Wachstumsstory bleibt weiter intakt. Die aktuelle Bewertung mit einem KGV von 15 ist durchaus moderat. Die Analysten erwarten für 2023 und 2024 ein Wachstum von 20 Prozent p.a. Mit etwas Rückenwind von Seiten der Märkte und damit steigenden Assets könnten wir sogar eine zusätzliche Upside sehen. 

Wir haben unsere Position daher bei Kursen unter 19 Dollar erhöht. Vielleicht hat es sich der ein oder andere dann noch einmal anders überlegt, denn die XP Aktie hat sich in der Zwischenzeit wieder auf 22 Dollar erholt.

Canaan Aktie: Starke Zahlen, aber der Markt heißt Angsthase

Die Goldgräberstimmung bei Kryptowährungen ist zur Zeit erheblich gedämpft, im zweiten Quartal haben wir durchaus panikartige Handelstage mit einem Bitcoin Preis von unter 20.000 Dollar erlebt. Von daher ist es durchaus interessant zu sehen, wie es dem Hersteller des Schaufel-Äquivalentes für Crypto-Miner ergangen ist. Die meisten Crypto Miner brauchen eine Breakeven Preis zwischen 20 und 25.000 Dollar.

Canaan konnte in diesem Umfeld durchaus respektable 5,5 Millionen Thash/s Rechenleistungen umsetzen, das ist ein Plus von 28 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2022, aber ein Minus von 8 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal 2021. Interessant ist die Diversifizierung der Lieferkette nach Südostasien mittels des internationalen Hauptquartiers und Research Centers in Singapur.

Canaan erzielte 247 Millionen Umsatz, 22 Prozent mehr als im Quartal zuvor und 53 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Ein Großteil der Umsätze ist auf Bestellung in besseren Zeiten (höherer Bitcoin Preis) zurückzuführen. Entsprechend stark ist auch der Reingewinn mit 91 Millionen Dollar, 27 Prozent mehr als in Q1 und 115 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Nicht minder beeindruckend präsentiert sich die Bilanz: 394 Millionen Dollar Cash, 242 Millionen Dollar Warenbestände und 212 Millionen Dollar Vorauszahlungen bei gerade einmal 222 Millionen Dollar an kommerziellen Forderungen bedeuten, dass der Enterprise Value negativ ist.

Das hat auch das Management verstanden, und ein Aktienrückkaufprogramm von 100 Millionen Dollar begonnen. Bei aktuellen Kursen wurden bereits Aktien im Gegenwert von rund 10 Millionen Dollar zurückgekauft.

Für das dritte Quartal wurde ein Ausblick von 134 Millionen Dollar Umsatz gegeben. Das dürfte keinen wundern, die Canaan Aktie will aber scheinbar niemand anfassen, der Wert ist in der letzten Woche 15 Prozent gefallen.

Wir halten uns mit Kryptoinvestments zurück, Canaan ist eine Ausnahme. Ausschlaggebend ist hier die sehr attraktive Bewertung.

Yalla Aktie: solide Zahlen ein Non-Event für den Markt, neue Spiele könnten Interesse wecken

Yalla setzte im zweiten Quartal 76,1 Millionen Dollar um, 5 Prozent mehr als im ersten Quartal und 14 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Der Chat-Bereich setzte dabei 51,9 Millionen Dollar um, im Gaming wurden 20,3 Millionen Dollar erwirtschaftet (wobei streng genommen die Kategorisierung von Yalla etwas willkürlich ist, denn die meisten Umsätze wirf Yalla Ludo ab).

Im Rahmen der Erwartungen fiel der Nettogewinn mit 28,6 Millionen aus. Dieser lag im ersten Quartal bei 26 Millionen Dollar und im Vorjahr bei 32,1 Millionen Dollar

MAU (Monthly Average Users) lag bei 29,9 Millionen. Im ersten Quartal waren es noch 29,2 Millionen und im Vorjahr 22,1 Millionen gewesen. Die Zahl der zahlenden Kunden stieg auf 10,6 Millionen, im ersten Quartal waren es 9,4 Millionen und vor einem Jahr 6,4 Millionen. Der Anstieg bei den zahlenden Nutzern ist positiv zu sehen, obwohl der Umsatz nicht proportional wächst. 

Die Cash Reserve des Unternehmens schwoll auf 385 Millionen Dollar an, Ende März waren es noch 368 Millionen Dollar gewesen. Das Unternehmen kann im Rahmen des aktuellen Rückkaufprogrammes noch Aktien im Gegenwert von 125 Millionen Dollar zurückkaufen.

Die Yalla Aktie reagierte auf die soliden Ergebnisse kaum. Dies liegt wahrscheinlich auch daran, dass der Markt auf die beiden angekündigten neuen Spiele wartet, die das Umsatzwachstum beschleunigen sollen. Die Aktie bleibt mit einem KGV von fünf und einem EV/EBITDA von zwei extrem günstig bewertet. Auch bei Yalla sollte ein Re-Rating nur eine Frage der Zeit sein.

Sea Aktie: Weiter auf stürmischer See, doch ist Land in Sicht?

Die Ergebnisse von Sea gehören aufgrund der zwei unterschiedlichen Geschäftsbereiche, der verschiedenen Geographie und der Implikationen für andere Player zu den spannendensten in einer esonders interessantender Branche.

Im zweiten Quartal setzte das Unternehmen 2,9 Milliarden Dollar um, rund ein Prozent mehr als im Vorquartal.

Der Gaming Bereich, bisher Cash Cow des Unternehmens, stand weiter unter Druck. Im zweiten Quartal wurden 717 Millionen Dollar umgesetzt, im ersten Quartal waren es noch 826 Millionen Dollar gewesen. Im Jahresvergleich ist das ein sattes Minus von 39 Prozent.

Das erhöht den Profitabilitätsdruck für das E-Commerce Business. Im zweiten Quartal konnten hier 1,7 Milliarden umgesetzt werden, das ist ein neuer Rekordwert und zehn Prozent über dem Quartal zuvor. Außerdem konnte das negative Ebitda in dem Bereich von -743 auf -648 Millionen verbessert werden.

Das Glas kann man jetzt als halb voll oder halb leer sehen. Das EBITDA der Gruppe bewegt sich weiter im roten Bereich. Minus 506 Millionen Dollar stehen 509 Millionen Dollar im ersten Quartal gegenüber. Die Steigerungen der Take Rate haben in jedem Fall zu einer deutlichen Verbesserung bei den Margen im E-Commerce geführt. Im asiatischen Geschäft erscheint der Break Even in greifbarer Nähe, man verliert nur noch einen Cent pro Order. In Brasilien sind es noch 1,42 Dollar. 

Allerdings ist es noch ein weiter Weg zur Profitabilität, und es stellt sich die Frage, inwieweit weitere Erhöhungen der Take Rate bei den Händlern durchgesetzt werden können.

Das Cash Polster scheint mit 7,8 Milliarden komfortabel, wenn man nicht allzu sehr auf das Abschmelzen um eine Milliarde in nur einem Quartal schielt. Genau das hat wohl der Markt gemacht, und die Sea Aktie über die letzte Woche um 15 Prozent abgestraft.

Es bleibt spannend, die Transformation des ehemaligen Börsenlieblings Sea zu beobachten. Unsere kleine Erinnerungsposition behalten wir aktuell bei. Für Zukäufe erscheint es noch zu früh, zumal Sea intransparenter geworden ist: Aufgrund der Makroumfeldes traut sich das Unternehmen keine Guidance mehr zu.

Disclaimer

EM Digital Leaders und/oder der Autor und/oder verbundene Personen oder Unternehmen besitzen Anteile von XP, Canaan, Yalla und Sea. Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

Steffen Gruschka

Steffen Gruschka

Steffen war von 1998 bis 2006 im Fondsmanagement der DWS als Leiter Aktien Osteuropa tätig und dort für bis zu 5 Mrd. Euro AuM verantwortlich. Er wurde für seine Arbeit als Fondsmanager mehrfach prämiert u.a. wurde er von der Zeitschrift Finanzen 2003 mit dem DWS Russia als Fondsmanager das Jahres ausgezeichnet. Anschließend machte er sich in London selbständig und verwaltete über 10 Jahre lang Hedge Fonds. Anfang 2021 stieg er als Partner bei Pyfore Capital ein und ist seither für das Fondsmanagement des EM Digital Leaders verantwortlich.

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