Zenvia Aktie: Insolvenz oder Multibagger?

1. Dezember 2022

Zenvia Aktie

Die Zenvia Aktie gibt es nach Kursverlusten von knapp 90 Prozent zu Black Friday Kursen. Scheinbar. Denn dem Unternehmen fehlt aktuell noch das Geld für die Schlussrate für drei Übernahmen. Grund genug für ein Update Call mit dem Management im Nachgang zu den Zahlen für das dritte Quartal und den Perspektiven des Unternehmens.

Wie bedroht ist die Existenz von Zenvia?

Es gibt Anlass zur Besorgnis, denn es belasten hohe Zahlungsverpflichtungen, die aus der Übernahme von den drei Unternehmen D1, Moviedesk und Sensedata resultieren. Die aktuelle Nettoverschuldung liegt zwar bei ‘nur’ 60 Millionen Real. Allerdings hat die Gesellschaft noch 346 Millionen Real an Earn-out Verpflichtungen. Diese Verpflichtungen waren bereits zum IPO bekannt, es wäre sinnvoll gewesen, gleich mehr Kapital zu emittieren. Das Unternehmen hat nach dem IPO offenbar geglaubt, die Finanzierungslücke später mit einer Finanzierungsrunde zu günstigeren Konditionen schließen zu können. Ein folgenschwerer Fehler, denn der Absturz der Bewertungen bei SaaS Unternehmen und die Risikoaversion an den Börsen hat dem einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Bereits bis Oktober hatte man daher die Abschlusszahlungen für die Akquisitionen von D1 und Moviedesk neu verhandelt. Bisher wären im vierten Quartal 2023 380 Millionen Real fällig geworden, jetzt sind kleinere Zahlungen bis Ende 2025 vereinbart. Das reduziert die Finanzierungslücke in 2023, allerdings ist die Kuh noch nicht ganz vom Eis. Das Unternehmen verspricht, die Situation bis März 2023 zu bereinigen. Doch das hängt an einem entscheidenden Unsicherheitsfaktor, auf den wir weiter unten eingehen werden.

Refresher: Das Zenvia Geschäftsmodell

Wir haben Zenvia im Februar vorgestellt. Zenvia sieht sich als Customer Experience Communication Plattform (CX Communication Plattform) an. Die Geschäftskunden von Zenvia können mit Hilfe dieser Plattform die Kommunikation zu ihren Endkunden für diverse Anwendungsfälle optimieren. Dazu gehören z.B. Multichannel Marketing Kampagnen mit SMS, Autorisierung von Transaktionen über SMS, Kundenkommunikation über Chatbots oder Auftragsnachverfolgung mit WhatsApp Notifizierung. Zenvias digitale Lösungen sollen den Kunden gleichzeitig die Umsätze erhöhen und die Kosten senken.

Zenvia Aktie – Quartalszahlen

Der Umsatz von Zenvia stieg im dritten Quartal im Jahresvergleich um gerade einmal 10 Prozent auf 180 Millionen Real. Gegenüber den 204 Millionen Real in Q2 war das aber ein Rückgang von über 10 Prozent. Dafür explodierte die Bruttomarge auf 48,0 Prozent nach 37,8 Prozent im Vorquartal; ein Jahr zuvor waren es 35,3 Prozent.

Während der Umsatz im SaaS Bereich im Vergleich zum zweiten Quartal um 12 Prozent von 64,5 Millionen auf 72,1 Millionen Real gestiegen ist, fielen die Erlöse im Bereich Communication Platform as a Service (CpaaS) um 22 Prozent auf 108 Millionen.

Der Bruttogewinn im kleineren SaaS Segment erhöhte sich ebenso wie der Umsatz um 12 Prozent auf 49,4 Millionen Real. Dagegen stieg im CpaaS der Bruttogewinn gegenläufig zum Umsatz um 15 Prozent auf 36,7 Millionen Real. Im kompetitiven Umfeld mit starker Preiskonkurrenz verzichte das Management auf weniger attraktive Aufträge und entschied sich damit für Marge vor Umsatz.

Die Belegschaft wurde um 9 Prozent gekürzt. Insgesamt wurden die Kosten um 40 Million p.a reduziert. Und so wurde am Ende ein leicht positives EBITDA von 9,9 Millionen Real erreicht. Außerdem wurden im dritten Quartal 3,5 Millionen Real an FCF eingespielt.

Die neue Guidance für 2022 liegt mit 740 bis 790 Millionen Real an Umsatz deutlich unter der noch im zweiten Quartal bekräftigen von 875 bis 925 Millionen Real. Gleichzeitig wurde die Spanne für die erwartete Bruttomarge von 35 bis 36 Prozent auf 38 bis 40 Prozent angehoben. Außerdem wurde eine neue EBITDA Guidance von 10-15 Millionen für das gesamte Jahr 2022 herausgegeben, was so viel bedeutet, dass man für das vierte Quartal 9,6 bis 14,6 Millionen Real erwartet.

Eine Guidance für 2023 gibt es noch nicht, aber das Management erwartet ein solides Wachstum von rund 40 Prozent im SaaS Bereich. Unterstellt man rund 10 Prozent in CpaaS, kommen wir auf rund 20 Prozent auf Unternehmensebene. Es sollten damit 40-60 Millionen Ebitda drin sein, denn das Unternehmen will weiter sparen.

Eine Upside könnte aus der Politik kommen: Der neue Präsident Lula verfolgte bereits in seinen ersten beiden Amtszeiten eine neo-keynesianische Wirtschaftspolitik. Auch diesmal setzt Lula darauf, den Konsum im Land zu stimulieren. Der Mindestlohn soll steigen, Familien mehr erhalten und Niedrigverdiener sollen steuerlich entlastet werden. Das dürfte sich entsprechend positiv auf das Geschäftsmodell von Zenvia und Brasilien Aktien auswirken.

Perspektiven für Zenvia: Was führt CEO Cassio Bobsin im Schilde?

Selbst wenn es gelingt, die Verhandlungen mit Sensedata, der dritten Akquisition im Bunde, zum Erfolg zu bringen und damit 2023 über die Runden zu kommen, braucht das Unternehmen spätestens zur Wiederaufnahme des Wachstumskurses zusätzliches Kapital in Form einer Kapitalerhöhung oder langfristigem Fremdkapital.

Offensichtlich sperrt sich der CEO und Hauptaktionär Cassio Bobsin angesichts der niedrigen Kurse noch gegen eine Verwässerung. Das hatten wir bereits bei deutlich höheren Aktienkursen gehört, unseres Erachtens war das eine verpasste Chance.

Tencent hält laut dem letzten Filing weiterhin 15 Prozent der börsennotierten A Aktien und würde wohl bei einer Kapitalerhöhung Gewehr bei Fuß stehen. Offensichtlich spielt Bobsin auf Zeit, denn 2024 dürfte das bis dahin profitable Unternehmen deutlich mehr Wert sein.

Bewertung und Prognose zur Zenvia Aktie

Addiert man zum Enterprise Value die Verpflichtungen von 346 Millionen, kommt man auf einen Wert von 722 Millionen Real. Damit liegt EV/Sales unter 1. Alleine das AAR (annualized recurring revenue) der SaaS-Sparte liegt Stand Oktober bei 235 Millionen, gerade einmal ein Multiple von 3, und dieser Faktor lässt die CpaaS Sparte außen vor. Die AAR Bewertungen bei SaaS Unternehmen liegen laut dem SaaS Capital Index auch nach der Korrektur immer noch bei durchschnittlich 6,8. Das EV/EBITDA 2023 ist mit über 12 ebenfalls angesichts des Wachstumspotentials nicht exzessiv. Die Zenvia Aktie bleibt ein hochriskantes Investment.

Man hat bei den Zahlungsverpflichtungen zu sehr auf Kante genäht. Das Unternehmen wird noch einmal zusätzliches Kapital brauchen. Der Markt geht aktuell auf Nummer sicher.

Zenvia wird jetzt aber erkennbar profitabel und generiert positiven Cashflow, damit stehen mehr Fremd- als auch Eigenkapital-Optionen offen. Wenn die Umstrukturierung der Zahlungsverpflichtungen abgeschlossen ist, könnten mutige Anleger belohnt werden.

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Disclaimer

EM Digital Leaders und/oder der Autor und/oder verbundene Personen oder Unternehmen besitzen Anteile von Zenvia. Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

Steffen Gruschka

Steffen Gruschka

Steffen war von 1998 bis 2006 im Fondsmanagement der DWS als Leiter Aktien Osteuropa tätig und dort für bis zu 5 Mrd. Euro AuM verantwortlich. Er wurde für seine Arbeit als Fondsmanager mehrfach prämiert u.a. wurde er von der Zeitschrift Finanzen 2003 mit dem DWS Russia als Fondsmanager das Jahres ausgezeichnet. Anschließend machte er sich in London selbständig und verwaltete über 10 Jahre lang Hedge Fonds. Anfang 2021 stieg er als Partner bei Pyfore Capital ein und ist seither für das Fondsmanagement des EM Digital Leaders verantwortlich.

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