„Hedgefonds light“ kontra Mischfonds: Wer macht das Rennen?

24. Mai 2022

Jahrelang haben regulierte Hedgefonds Anleger mit einer schlechten Performance enttäuscht. Dazu zählen auch alternative Mischfonds, die auch Multistrategie Fonds genannt werden. Diese Fonds sind mit dem Versprechen der Verlustvermeidung angetreten. 2022 sieht es besser aus, aber die Fragezeichen hinter diesen Fonds bleiben. Wir gehen der Sache auf den Grund.

Hedgefonds für Privatanleger hätten die Stars in der Investment-Manege sein können. Jederzeit eine positive Rendite erzielen, von steigenden wie von fallenden Märkten immer profitieren, aber im schlimmsten Fall immerhin das Kapital der Anleger sichern können. Real nach Abzug der Inflation, versteht sich. Seit über 15 Jahren sind diese “Hedgefonds light” ein fester Bestandteil des Fondsangebots. Seitdem können Anleger auf verschiedenste Long- und Short-Strategien setzen, die traditionell nur reichen Anlegern und institutionellen Anlegern vorbehalten waren.

Besonders starke Hoffnungen haben Anleger auf diversifizierte Mischfonds des neuen Typs gesetzt: so genannten Multistrategie Fonds. Das sind Produkte, die eine Vielzahl unterschiedlicher alternativer Strategien auf sich vereinen. Damit sollen sie mehr leisten als klassische Mischfonds, die im Wesentlichen nur auf Aktien und Anleihen (und ggf. Cash) setzen. Zu den Strategien, die diese in der Regel sehr stark diversifizierte Produkte nutzen zählen Long/Short (bei Aktien und Anleihen), Arbitrage und Relative Value. Hinzu kommt der Einsatz von Derivaten, die zur Absicherung, aber auch zu Spekulationszwecken eingesetzt werden.

In Summe sind Multistrategie-Fonds ein ziemlich bunter Haufen – mit einem eher zweifelhaften Leumund. Das liegt an dem Verhalten der Fonds in Auf-, vor allem aber in Abschwungphasen. Bei Aufschwungbewegungen am Kapitalmarkt kamen Multistrategie-Fonds in der Vergangenheit nicht mit. Mischfonds konnten im Schnitt stärker zulegen. Dieser Vorwurf mag auf den ersten Blick unfair anmuten, da diese Fonds den Anspruch haben, eine deutlich positive Rendite zu erzielen – Geldmarkt plus drei bis fünf Prozent waren übliche Renditeziele. Doch die wurden selten erreicht. Zwischen 2008 und 2018 erreichten diese Fonds nie die Performance eines 50:50 Aktien-Renten-Index und schafften zumeist auch nicht einen Inflationsausgleich. Eine Morningstar Analyse aus dem Jahr 2018 ätzte über den „schleichenden Renditetod“ dieser Fonds. RMC, eines der führenden Consulting Unternehmen für institutionelle Anleger, bezeichnete bereits sehr früh in diesem Jahrhundert, Absolute Return Fonds als “gefährliche Illusion”.

Dass die Illusion tatsächlich gefährlich ist, zeigt wiederholt die schwache Bilanz dieser Fonds in Krisenzeiten. Untersuchungen des Reseachhauses Morningstar kamen immer wieder zum Ergebnis, dass Multistrategie Fonds im Abschwung keinesfalls eine positive Rendite erzielen konnten. Auch im Corona-Crash sah die Performance schwach aus. Multistrategie-Fonds hätten unter anderem an den hohen Kosten, den häufigen Fondsschließungen und dem begrenzten Exposure zum Kapitalmarkt zu knappsen, so eine Morningstar Analyse aus dem März 2020. Die einzige Chance für diese Produkte, so die Studie:

„Sie (Multistrategie-Fonds) werden nur dann eine Chance haben, gegenüber Long-only-Investments zu bestehen, wenn es ihnen gelingt, in den immer wiederkehrenden Krisen die Draw-downs signifikant zu begrenzen.“

Was haben die Fonds aus der Situation gemacht?

Nachdem es den Mischfonds „neuen Typs“ in den vergangenen Jahren weder gelang, an den Kapitalmärkten ausreichend zu partizipieren, noch die Risiken zu reduzieren, stellt sich die Frage, wie Multistrategie-Fonds in diesem Jahr abgeschnitten haben. Die Bedingungen an den Kapitalmärkten sind mehr als herausfordernd. Derzeit herrscht an den Märkten eine Ausverkaufsstimmung. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine, sind Energiepreise und Inflation im steilen Anstieg begriffen. Zugleich verdüstern sich die konjunkturellen Aussichten. Wir sind derzeit Zeugen des seltenen Phänomens, dass Anleihen und Aktien 2022 im Gleichklang fallen, wobei Zinspapiere zeitweise höhere Einbußen verzeichneten als Aktien. Vor diesem Hintergrund, ist das untere Performance-Bild bemerkenswert.

Multistrategie Fonds überzeugten in Fünfjahres-Perioden 2002 bis 2022 nur zeitweilig

Multistrategie Fonds überzeugten in Fünfjahres-Perioden 2002 bis 2022 nur zeitweilig
Rollierende Fünfjahres-Performance in Monatsschritten, annualisiert und in Euro, Daten per 30.4.2022, Quelle: Morningstar

Die obere Tabelle zeigt, dass Multistrategie Fonds in diesem Jahr relativ geliefert haben, absolut gesehen allerdings nicht. Per Ende April belief sich das durchschnittliche Minus bei 1,2 Prozent. Dagegen verloren defensive Mischfonds 5,6 Prozent, und flexible Mischfonds büßten gut 6,2 Prozent ein. Am höchsten verloren aggressive Mischfonds, die um 7,6 Prozent nachgaben. Bis Mitte Mai stieg das Minus bei Multistrategie Fonds auf rund 2,5 Prozent, wobei die klassischen Mischfondskategorien ihre Verluste ebenfalls proportional ausbauten.

 

Zur Einordnung: defensive und flexible Mischfonds sind die wichtigsten Aktien-Renten-Kategorien in Europa. Defensive Mischfonds, die vor allem auf Anleihen setzen, sind mit einem Vermögen von 300 Milliarden Euro europaweit am bedeutsamsten. Zu ihnen zählen Fonds wie der PrivatFonds kontrolliert von Union Investment oder der Ethna-Aktiv. Glamouröser sind dagegen flexible Mischfonds. Diese Fonds können frei das Vermögen auf verschiedene Anlageklassen aufteilen. Sie kommen auf ein Vermögen von insgesamt 280 Milliarden Euro. Dazu zählen Fonds wie der FvS Multiple Opportunities und der DWS Konzept Kaldemorgen, in denen per Ende April 40 Milliarden bzw. 13,5 Milliarden Euro stecken. Einige große Mischfonds haben in diesem Jahr kräftig verloren; so mussten der FvS Multiple Opportunities und auch der eigentlich defensive Mischfonds PrivatFonds kontrolliert insbesondere im Mai bisher Federn lassen.

Wie erfolgreich sind relative Erfolge für Absolute Return Fonds?

Haben die alternativen Multistrategie Fonds also die Probe bestanden? Auch wenn diese Frage nicht abschließend beantwortet werden kann, ist Vorsicht angesagt. Die Performance von Mischfonds wird generell von den Konditionen an den Kapitalmärkten bestimmt. Aktuell spricht man von „Nowhere to Hide Märkten“. Mitte April ging es bei den bis dato stabilen Hochzinsanleihen stark nach unten, und auch Konsumgüter-Aktien sind in den vergangenen Tagen stark eingebrochen. Vor dem Hintergrund, dass Staatsanleihen bereits seit Monaten unter die Räder geraten, findet man nicht viele Schutzräume mehr an den Märkten. Daher liegt der Schluss nahe, dass Multistrategie Fonds derzeit faktisch nicht am Markt präsent sind. (Die meisten dieser Fonds verlieren per Saldo, wenn auch nur leicht, was bedeutet, dass sie nicht auf Rohstoffe in großem Stil setzen.)

Nun gilt die Binsenweisheit, dass der, der nicht am Markt präsent ist, auch nicht vom Markt profitieren kann. Das ist dann eine gute Sache, wenn alles fällt, aber es ist nicht davon auszugehen, dass diese Phase von Dauer ist. So hat etwa der größte Anleihenmanager der Welt, PIMCO, vor wenigen Tagen mit einer optimistischen Einschätzung zu Anleihen von sich reden gemacht. Aktuell wird an den Märkten immer mehr ein knallhartes Rezessions-Szenario eingepreist. Sollte sich das materialisieren, würde das im Endeffekt zu einem Bond-Comeback führen und auch Growth Aktien relativ zu Value Aktie stützen. Für taktische Asset Allocation Modelle, die auf Korrelations-Analysen basieren, würde so ein Regimewechsel mutmaßlich zu schwachen Ergebnissen führen. Auch langfristig haben sich taktische Asset Allocation Modelle als wenig erfolgreich gezeigt.

Insofern müssen wir das einigermaßen positive Zwischenfazit zu Multistrategie Fonds wegen der aktuellen Ausnahmesituation relativieren – zumal der Kapitalschutz so nicht erfüllt wurde. Darüber hinaus müssen wir ihn in einen längerfristigen Kontext einbetten. Bisher dominieren Stichtagsbetrachtungen. Daher haben wir die rollierenden Fünfjahres-Renditen seit dem Jahr 2002 zum Maßstab genommen. Ein Fünfjahres-Zeitraum ist ein einigermaßen angemessener, mittelfristiger Anlagehorizont. Wie haben also Multistrategie Fonds, defensive und flexible Mischfonds zwischen 2002 und 2022 abgeschnitten?

Wie die untere Grafik zeigt, haben Multistrategie Fonds bei längeren Anlageperioden immer wieder auch über längere Zeiträume mit einem Minus abgeschnitten – so der Fall 2009 sowie zwischen 2016 und 2020. Immerhin lagen sie zwischen Ende 2009 und Frühjahr 2015 vor den beiden Mischfondskategorien Euro Flexibel und Euro Defensiv. In diese Fünfjahres-Perioden fielen die große Finanz- und die Eurokrisen, die Euro-Investments sowohl auf der Aktien- wie auf der Rentenseite zu schaffen machten. Das zeigt, dass diese Fonds über die Zeit bestenfalls einen relativen Schutz boten und im schlimmsten Fall nicht mit dem breiten Markt mitkamen.

Langfristig sind Aktien zumeist Trumpf

Rollierende Fünfjahres-Renditen in Monatsschritten, annualisiert, in Euro und in Prozent
Rollierende Fünfjahres-Renditen in Monatsschritten, annualisiert, in Euro und in Prozent, Daten per 30.4.2022, Quelle: Morningstar

Investoren haben also nur bei gleichermaßen langen wie stark ausgeprägten Korrekturen eine Aussicht auf Outperformance mit Multistrategie Fonds. Ob diese relative Performance eine lupenreine Kaufempfehlung für Hedgefonds light darstellt, ist fraglich. Nicht nur wegen dem nur relativen Schutz, sondern auch deshalb, weil Anleger sich mit dem Einsatz dieser Fonds in Market Timing üben müssen.

Das bringt uns zu einem weiteren Problem: Wie die Vergangenheit zeigt, kaufen Anleger allerdings typischerweise dann solche Fonds, wenn die beste Performance bereits vorbei ist. Blicken wir dafür auf die Entwicklung des Vermögens in Multistrategie Fonds in den vergangenen 15 Jahren. Als die größten Korrekturen im vergangenen Jahrzehnt anfielen, also 2007 bis 2009, 2020 und heute, waren die wenigsten Anleger in diesen Fonds vertreten, wie die untere Grafik anzeigt. Der Grund: Seit 2018 haben immer mehr Anleger – mutmaßlich wegen der schwachen Performance – das Handtuch geworfen und Geld aus diesen Fonds abgezogen.

2018 war das Jahr, in dem Multistrategie Fonds mit über 32 Milliarden Euro einen historischen Höchststand beim verwalteten Vermögen erreichten. Danach ging es bergab. Anfang dieses Jahres waren gerade einmal knapp 21 Milliarden Euro in diesen Fonds investiert, nicht viel mehr als vor 15 Jahren, also kurz vor Beginn der Finanzkrise. Das führt uns zum Saloppen Fazit: Wenn diese defensiven Fonds am nötigsten gebraucht werden, bieten sie den wenigen Anlegern nur einen relativen Schutz.

Vor Finanzkrisen besonders unbeliebt: Multistrategie-Fonds

Vor Finanzkrisen besonders unbeliebt: Multistrategie-Fonds
Verwaltetes Vermögen in Millionen Euro, per 30.4.2022, Quelle: Morningstar

Langfristig sind Aktien der beste Renditemotor für Portfolios, auch in diesem Jahrtausend, in dem sich bisher zwei schwerwiegende Finanzkrisen ereigneten. Die untere Grafik setzt das Performance-Potential von Aktien in Gestalt global anlegender Aktienfonds ins Verhältnis zu Mischfonds und Multistrategie Fonds. Über lange Strecken lagen Aktienfonds in den Fünfjahres-Perioden seit 2007 meilenweit vor Mischfonds. Verwendet man einen angemessenen Anlagehorizont von 20 Jahren wird die Überlegenheit der Aktienanlage noch deutlicher.

Langfristig sind Aktien zumeist Trumpf

Rollierende Fünfjahres-Renditen in Monatsschritten, annualisiert, in Euro und in Prozent
Rollierende Fünfjahres-Renditen in Monatsschritten, annualisiert, in Euro und in Prozent, Daten per 30.4.2022, Quelle: Morningstar

Disclaimer

The Digital Leaders Fund und/oder der Autor und/oder verbundene Personen oder Unternehmen besitzen Anteile von Upstart. Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

Ali Masarwah

Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Chefredakteur und Partner bei der Fondsplattform envestor.de und schreibt auch Kolumnen über Investmentthemen für The Digital Leaders Fund. Anleger-orientiertes Research ist seit über 20 Jahren Alis Ding. Vor seiner Zeit bei envestor.de war er zehn Jahre lang bei Morningstar, wo er für die Personal Finance Websites des Analysehauses in Deutschland verantwortlich war. Als Experte für Anlagethemen ist er ein gefragter Ansprechpartner für Finanzmedien im deutschsprachigen Raum.

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