Portrait Kingsoft Corp.: Produkte, Strategie, Chancen

30. August 2023

Vor wenigen Tagen hat Kingsoft Corp. seine Quartalszahlen veröffentlicht. Wir nehmen dies zum Anlass, das Unternehmen unseren Lesern etwas genauer vorzustellen und gleichzeitig die jüngsten Unternehmensergebnisse unter die Lupe zu nehmen.

 Wer ist Kingsoft Corp.?

Kingsoft Corp. ist Chinas führender Anbieter von Produktivitätssoftware und Mobile Games und nicht mit dem affiliierten Unternehmen Kingsoft Cloud zu verwechseln, über das wir in einem unserer früheren Updates berichtet haben. Das Flaggschiff-Produkt heißt “WPS”, was für Writer + Presentation + Spreadsheet steht. WPS ist im Grunde die Microsoft Office-Suites “Designed in China”, nur halt nicht von Microsoft. Bis zum ersten Quartal 2023 hatte die Software mit stattlichen 584 Millionen monatlich aktiven Nutzern (plus 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr) bereits beeindruckende 80 Prozent der potenziellen Nutzerbasis in China abgedeckt. Das Unternehmen ist auch international unterwegs und bietet über seine Niederlassung in Singapur die Produktsuite in vielen anderen Sprachen an. Diese wird jedoch meist nur in seiner freien Version nachgefragt und kommt hauptsächlich über die auf Xiaomi Handys pre-installierten und kostenlosen Mobil-Apps von WPS in den Markt. Was vielen ebenfalls nicht bekannt sein dürfte: Kingsoft Corp. generiert mittlerweile knapp die Hälfte seiner Umsätze aus Online Games. Und Lei Jun, heute hauptsächlich als Gründer von Xiaomi bekannt, ist einer der Mitgründer von Kingsoft Corp. und ihr heutiger Vorstandsvorsitzender.

Strategiewechsel: Nutzer-Monetarisierung

Kingsoft Corp. hat sich jüngst hinsichtlich seiner Strategie zur Monetarisierung seiner Nutzer neu ausgerichtet: Nutzer werden seit dem 17. April von einem monatlichen Modell zu einem jährlichen Abonnement migriert. Statt 89 Yuan pro Jahr kostet das Paket nun 148 Yuan pro Jahr. Zusätzlich wurde die Option “Super WPS Pro” für 248 Yuan pro Jahr eingeführt, die professionelle Zusatzmodule für ein Upgrade beinhaltet. Der Strategiewechsel wird durch den Fokus auf bessere Produktfunktionen, wie KI und Kollaborationswerkzeuge, und die anhaltende Nachfrage nach Online-Bürosoftware, die insbesondere im Nachgang der Covid-Pandemie stark zugenommen hat, vorangetrieben. Einige Investoren äußerten Bedenken, dass bestehende Benutzer unter dem neuen Preismodell abzuspringen drohen. Dies ist seit der Einführung des neuen Abos aber bisher nicht geschehen. Im Gegenteil: die Zahl der zahlenden Nutzer (33 Millionen) ist weiter gewachsen. Das macht auch Sinn: Das neu aufgelegte Paket verspricht bessere Funktionen und bleibt mit einem Preis von weniger als zwei Dollar pro Monat im Vergleich zu globalen Konkurrenten äußerst günstig.

Künstliche Intelligenz (KI) und Monetarisierungs-Chancen

Die Integration von KI, ein relativ neuer Bereich für Kingsoft Corp., wird schnell zu einem überzeugenden Grund für Benutzer, das kostenpflichtige Modell zu übernehmen. Im Mai 2023 ist der “WPS KI” genannte Büroassistent, der auf einem “Large-Language-Model” basiert, nahtlos in wichtige Bürosoftwareprodukte integriert worden, um bei der Content-Erstellung zu helfen. Obwohl die Einnahmen aus der KI noch nicht offiziell berücksichtigt wurden, ist die Vorfreude spürbar, insbesondere angesichts des Schwungs, den generative KI auf dem Weltmarkt hat. Bisher sind diese Anwendungen nur für Trial-User zugänglich. Allerdings ist die Roadmap für die Kommerzialisierung der KI in China von der regulatorischen Genehmigung abhängig, was ein Element der Unvorhersehbarkeit in den Zeitplan für die KI-Monetarisierung einführt. Um sie vollständig auszurollen, bedarf es der Genehmigung seitens der Cyberbehörde CAC. Die lässt aber bisher noch auf sich warten. Vielleicht ist hier aber eine Lösung in Sicht: Am 13. Juli legte die CAC erstmalig Regeln für generative künstliche Intelligenz fest, die am 15. August in Kraft treten wird. Spannend und weniger sensitiv ist die KI-Integration im Gaming-Sektor, vor allem bei 3D-Visual-Art-Anwendungen. Das einheimische Premium-Spiel „JX Online III“ verzeichnete beeindruckende Umsatzzahlen im letzten Quartal, während das Spiel „Snowbreak: Containment Zone“ auch auf dem internationalen Parkett punkten konnte.

Zahlen zum zweiten Quartal 2023

Die finanziellen Eckdaten für das zweite Quartal von Kingsoft sind beeindruckend: Im zweiten Quartal 2023 stieg der Umsatz des Unternehmens im Jahresvergleich um 20 Prozent auf 2,2 Milliarden Yuan. Der Umsatz aus dem Bürosoftware- und Dienstleistungsgeschäft stieg um 21 Prozent auf 1,12 Milliarden Yuan. Der Umsatz mit Online-Spielen und anderen Geschäften nahm um 18 Prozent zu und stieg auf 1,07 Milliarden Yuan. Einnahmen aus dem Geschäft mit Bürosoftware und -diensten sowie Online-Spielen und anderen machen jeweils 51 Prozent und 49 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Der Bruttogewinn im zweiten Quartal 2023 stieg im Jahresvergleich um 25 Prozent auf 1.8 Milliarden Yuan. Die Bruttomarge liegt weiterhin bei stolzen 83,5 Prozent. Der Betriebsgewinn legte um 61 Prozent auf 675 Millionen Yuan zu.

Unterm Strich konnte Kingsoft im zweiten Quartal einen Gewinn von 123 Millionen Yuan (ohne aktienbasierte Vergütungen) verzeichnen, während es im Vorjahr noch einen Verlust von 97 Millionen Yuan gegeben hatte. Ein beachtlicher finanzieller Turnaround, getrübt nur dadurch, dass es im Vorquartal mit einem Gewinn von 235 Millionen Yuan sogar noch besser gelaufen war. Das Unternehmen ist finanziell solide aufgestellt und hat Liquiditätsreserven von 24 Milliarden Yuan (im Vorquartal waren es 21 Milliarden Yuan). Im ersten Halbjahr betrug der Netto Cashflow aus operativen Tätigkeiten knapp sechs Milliarden Yuan. Die Free Cashflow Marge liegt bei satten 43 Prozent. Auch wenn Aktienrückkäufe und Dividendenausschüttungen zur Debatte stehen, bleibt die Hauptagenda auf KI und Expansion ausgerichtet.

Risiken und Chancen

Kingsoft Corp. ist trotz seines vielversprechenden Wachstumspfades nicht immun gegen Risiken. Der Übergang zum neuen Abo-Modell mit deutlich höheren Preisen, die Konkurrenz von aufstrebenden lokalen Wettbewerbern im Segment der Bürosoftware und die Unvorhersehbarkeit der KI-Kommerzialisierung durch die regulatorischen Anforderungen stehen als Hürden, die man im Auge behalten sollte.

Beim Flaggschiff Produkt WPS gibt es noch immenses Potential hinsichtlich des B2B Geschäfts, insbesondere mit den staatseigenen Unternehmen und Regierungsbehörden. Derzeit ist der Umsatz-Split zwischen Endverbraucher-Kunden und Unternehmenskunden noch 75 Prozent vis a vis 25 Prozent. Unter den 1700 Neukunden aus dem Business-Segment waren im letzten Quartal: Das e-Government Portal der Provinz Guangdong, China Petrochemical, China Petroleum und Huaxia Bank. Die geopolitische Situation und Xi Jinpings unablässiges Drängen auf Sicherheit, wie in den jüngsten Anti-Spionage Bestimmungen noch einmal versinnbildlicht, verstärkt diesen Trend noch und könnte dazu führen, dass auch die letzten Microsoft Office und Windows Versionen von den Computern und Servern im staatlichen Bereich der Wirtschaft und der Bürokratie verschwinden und Platz für WPS machen.

Bewertung und Fazit

Bei der Bewertung legen wir das Enterprise Value/Sales-Verhältnis (EV/Sales) als wichtigste Kennzahl zugrunde. Dieser liegt bei Kingsoft Corp. bei attraktiven 2,9. Microsoft ruft hier einen Wert von 11,6 auf. Die Konkurrenten im Gaming Segment, Tencent und Netease, liegen jeweils bei 4,4 und 3,5. 

Zusammenfassend bietet Kingsoft Corp. eine überzeugende Geschichte und zeigt ein vielversprechendes Wachstum, unterstützt durch einen strategischen Wechsel in seinem Preismodell, eine vertiefte Durchdringung im Unternehmenssegment, das spannende Potenzial der KI und das Gewicht des Online-Gaming Geschäfts. Obwohl die Bewertung im Vergleich zu seinen Peers alles andere als günstig ist, bieten seine historische Performance und das projizierte Wachstum eine überzeugende Begründung für seine aktuelle Marktbewertung. Außerdem ist der ARPU mit 70 Yuan (10 Dollar) im Vergleich zu globalen Mitbewerbern immer noch niedrig und verdeutlicht das Potenzial. Angesichts dessen sieht Kingsoft Corp. nach einer attraktiven Aktie im Segment der Bürosoftware aus.

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Disclaimer

Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

Autor

  • Mirko Wormuth

    Mirko war 23 Jahre lang in China als Anwalt und Unternehmer tätig. Zuletzt war er Global Head of HR für das chinesische EV Startup BYTON in Nanjing. Davor lagen seine unternehmerischen Tätigkeiten im Bereich des chinesischen E-Commerce und Einzelhandels. Seit 2020 managt Mirko den auf die chinesische Digitalisierung spezialisierten “China Digital Leaders” Fonds.

Mirko Wormuth

Mirko Wormuth

Mirko war 23 Jahre lang in China als Anwalt und Unternehmer tätig. Zuletzt war er Global Head of HR für das chinesische EV Startup BYTON in Nanjing. Davor lagen seine unternehmerischen Tätigkeiten im Bereich des chinesischen E-Commerce und Einzelhandels. Seit 2020 managt Mirko den auf die chinesische Digitalisierung spezialisierten “China Digital Leaders” Fonds.

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