Notenbanken zerstören magisches Denken

23. Juni 2023

Liebe Leser und Investoren,

mit Beginn des Sommers könnte Anlegern eine weitere Hitzequelle Kopfschmerzen bescheren. Zu den heißen Temperaturen dürfte sich Marktstress gesellen. Die harte Zinsrealität trifft auf die rosarote Brille der Anleger, und ich fürchte, die Notenbanken werden im zweiten Halbjahr den Takt an den Märkten vorgeben. Sie müssen die Konjunktur abwürgen, weil die Kerninflation hartnäckig ist, was auch an den hohen Lohnabschlüssen liegt. Wo stehen wir heute? Aktienanleger geben sich bisher unverdrossen und bauen auf eine Art Goldilocks-Szenario: begrenzte Zinserhöhungen, eine milde Rezession, umgehend gefolgt von Zinssenkungen. Davon haben vor allem die Tech-Werte profitiert, wie das Plus von knapp 40 Prozent beim NASDAQ 100 bisher in diesem Jahr zeigt. Auch wenig Growth-lastige Indizes wie der DAX und andere Euroland-Aktien, aber auch der japanische Markt haben um zwischen 15 und 25 Prozent zugelegt.

Die Notenbanken werden Anleger zwingen, ihre Bullenmarkt-Thesen zu hinterfragen. Am brutalsten ging gestern die Bank of England vor, die den Markt mit einem großen Zinsschritt überraschte. Dieser hätte angesichts der Kerninflationsrate von über sieben Prozent im Mai eigentlich nicht ganz so überraschend sein dürfen, führte aber dazu, dass Premier Rishi Sunak umgehend öffentlich Abstand von Steuersenkungsplänen nahm. Auch wenn die CPI-Raten in den USA stagnieren und in der Eurozone rückläufig sind, ist die Teuerung überall hartnäckig und vor allem zu hoch. Fed-Chef Jerome Powell bekräftigte im Kongress, man habe noch einen “weiten Weg” bei der Inflationsbekämpfung vor sich. Bundesbank-Chef Joachim Nagel bezeichnete diese Woche die Inflation als ein “gieriges Biest”. Tauben klingen anders. Relativ zahm zeigt sich allenfalls die türkische Zentralbank, die den Leitzins von 8,5 auf 15 Prozent erhöhte – was angesichts einer offiziellen Inflationsrate von rund 40 Prozent immer noch viel zu wenig ist. 

Die Inflationserwartungen zeigen für die nächsten Jahre abwärts, und manche Optimisten hoffen, dass es die Notenbanken mit dem Zwei-Prozent-Ziel nicht ganz so eng sehen werden. Wer so denkt, läuft Gefahr, erneut überrascht zu werden. Wir müssen uns damit abfinden, dass es dieses Jahr nicht ohne Schmerzen gehen wird – bei der Konjunktur wie an den Märkten. Im ersten Halbjahr war erfreulicherweise Performance angesagt, im zweiten steht eher das Risikomanagement im Vordergrund.

Abonniere hier unseren kostenfreien Newsletter

Disclaimer

Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

Autor

  • Baki Irmak

    Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien bei BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanager bei der Commerzbank und ABN Amro.

Baki Irmak

Baki Irmak

Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien bei BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanager bei der Commerzbank und ABN Amro.

Aktuelle Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Neueste Beiträge

Tags

Neuste Kommentare

Twitter

Instagram