Themen-ETFs: Ewiges Spiel von Boom und Bust

19. Januar 2024

Einige Themen-ETFs haben 2023 ein rauschendes Performance-Fest gefeiert. Angetrieben vom Krypto-Aktien-Comeback waren auch dreistellige Renditen drin. Themen-ETFs, ein Wunderding? Leider nicht. Eine kritische Analyse, die die historische Perspektive, Fallstricke und Potenzial von Themen-ETFs aufzeigt.

Wohl dem, der Anfang 2023 in den VanEck Crypto & Blockchain Innovation ETF investierte. Ende 2023 stand eine Performance von atemberaubenden 263 Prozent unter dem Strich, kein Tenbagger zwar, aber für einen Investmentfonds spektakulär. Der Global X Blockchain ETF lieferte ein Plus von 255 Prozent; 113 Prozent Plus waren es beim WisdomTree Blockchain ETF.

Nicht jeder Themen-ETF war ein Reichmacher

Immer wieder produzieren Themen-ETFs wegen spektakulären Renditen Schlagzeilen. Sie regen damit die Fantasie, sprich: die Gier, von Anlegern an. Aber sie produzieren auch andere Schlagzeilen, denn spektakuläre Erfolge sind nur eine Seite der Medaille. 2023 ging einiges schief.

Jede Hausse hat ihre Kehrseite. Wer Anfang 2023 nicht auf Blockchain-Aktien setzte, sondern, sagen wir, E-Auto-Infrastruktur oder Wasserstoff-Technologie, landete bei Verlusten von bis 43 Prozent. Einer der größten Themen ETFs am Markt, der iShares Global Clean Energy, gut 3,2 Milliarden Euro schwer, brach 2023 um ganze 23 Prozent ein.

Zudem haben viele ETFs, die 2023 die Lichter ausgeschossen haben, Anlegern nur ein bescheidenes Schmerzensgeld gebracht. Der oben erwähnte VanEck Crypto & Blockchain Innovation ETF brach 2022 um 85 Prozent ein. Das Plus von scheinbar sensationellen 263 Prozent im Jahr 2023 war also längst nicht genug, um die Verluste zu kompensieren. Dafür hätte der ETF eine Rendite von knapp 650 Prozent hinlegen müssen. Es fehlten also knapp 400 Prozent.

Die untere Tabelle illustriert den typischen Boom-und-Bust-Zyklus bei Themen-ETFs, der sich in atemberaubend kurzen zeitlichen Abständen vollzieht.

Themen ETFs Performance

Themen_ETFs_Tabelle
Gebühren (p.a.) und Performance in Prozent, alle Rendite-Angaben in Euro, Daten per 17.1.2024,
Quelle: Morningstar

Jenseits der Tops und Flops manifestiert sich auch bei Themen-ETFs der typische Reversion-to-the-Mean-Effekt: Die 148 Themen-ETFs am europäischen Markt mit einer vollen Jahreshistorie erwirtschafteten im vergangenen Jahr im Schnitt ein Plus von 18,2 Prozent. Diese Bilanz klingt gut, ist aber weniger als Anleger mit deutlich weniger Risiko mit ETFs auf den MSCI World erzielten. Diese legten durchschnittlich um gut 19,5 Prozent zu. Die Performance von Themen-ETFs also nicht beeindruckend. Zumal dann nicht, wenn man das Risiko einbezieht. In den vergangenen zwei Jahren lag der maximale Verlust bei Themen-ETFs in Europa bei durchschnittlich 35 Prozent. MSCI World ETFs büßten dagegen nur maximal 13,5 Prozent ein. Die hohe Volatilität bewirkt überdurchschnittlich hohe Verluste und langfristig unterdurchschnittliche Renditen. In der Fachsprache formuliert: Themen-ETFs weisen eine – unerwünschte – linksschiefe Renditeverteilung auf.

Themen-ETFs: Versuch einer Einordnung

Treten wir einen Schritt zurück und ordnen Themen-ETFs in den breiteren ETF-Markt in Europa ein. Themen-ETFs sind kein Massenphänomen Markt. Es existieren heute 165 Produkte mit einem Vermögen von 33,2 Milliarden Euro. Das entspricht einem Anteil von etwas über zwei Prozent am ETF-Markt. Das ist wenig, wobei diese Produkte in den vergangenen 20 Jahren selten mehr als 1,0 Prozent des ETF-Marktvolumens ausgemacht haben. Es handelt sich also um eine wachsende Nische.

Die Historie dieser ETFs geht recht weit zurück. Barclays Global Investors (heute: iShares) brachte im März 2007 den iShares Global Water auf den Markt. Sieben Jahre nach dem Start des europäischen ETF-Börsensegments in Frankfurt war das der erste Themen-ETF. Im Juli desselben Jahres folgte der bereits erwähnte iShares Global Clean Energy. Amundi (damals Lyxor) folgte nur drei Monate später mit nahezu identischen Produkten, dem Amundi Water und Amundi New Energy. Im Oktober 2007 wurde dann der iShares Global Timber & Forestry aufgelegt. Danach schob die globale Finanzkrise einen Riegel vor die Emissionstätigkeit: Die nächsten Themen-ETFs wurden erst 2014 aufgelegt: auf Robotics- und Schwellenländer-Konsumtrends-Indizes. 

Bis dahin handelte es sich bei Themen-ETFs zwar um modische Produkte – Emerging Markets waren damals zum Ende der Rohstoffhausse (auch als „Super-Zyklus“ bezeichnet) immer noch ein ganz heißes Ding. Themen-Fonds und -ETFs wurden auch früher schon kritisch als Gefälligkeitsprodukte kritisiert. Es fehlte damals aber der Tech-Hype der heutigen Themen-ETFs.

Themen der ersten Stunde wie „Wasser“ und „Clean Energy“ muten heute spießig bzw. zukunftsweisend an. Teilweise lässt sich die Bilanz sehen. So lieferten die Wasser-ETFs von iShares und Amundi seit ihrem Start 2007 respektable Renditen von jeweils über 8,5 Prozent pro Jahr. Man könnte sie heute getrost als gut konstruierte Versorger-ETFs bezeichnen. Der 2014 lancierte L&G Global Robotics and Automation brachte seit Start sogar jährliche Renditen von gut elf Prozent. 

Halten wir also fest, dass sich Themen-ETFs behaupten können. Der Pferdefuß ist, dass es nicht leicht ist, einen Trend von einer Eintagsfliege zu unterscheiden. Punktuelle Erfolgsmessungen sind zudem zeitabhängig. Die 2007 lancierten Clean-Energy-ETFs waren mit jährlichen Verlusten von zwischen drei und vier Prozent jährlich rückblickend Performance-Flops. Aber wer wollte heute auf eine ewige Baisse dieser Zukunftsbranche wetten? In zwei Jahren könnte sich die Bilanz dieser ETFs durchaus sehen lassen, wenn die Konsolidierung bei Solar- und Wind-Energie-Herstellern überwunden ist. Die untere Übersicht zeigt die größten Themen-ETFs am europäischen Markt sowie ihre mittelfristige Erfolgsbilanz.

 Die größten Themen-ETFs am europäischen Markt

Themen_ETFs_largest
Gebühren (p.a.) und Performance in Prozent, alle Rendite-Angaben in Euro, Daten per 17.1.2024,
Quelle: Morningstar

Themen-ETFs heute: immer very trendy, oft very risky

Heute sind die Konstruktionen meistens kühner: Es dreht sich unter anderem um Lithium-Batterie-Hersteller, Uran-Produzenten, Smart-Mobility-Anbieter oder Unternehmen, die einzelne SDGs der Vereinten Nationen abbilden. Die Themen werden granularer und das wird mutmaßlich Folgen für die Volatilität der Performance haben.

Aber auch heute sollte man nicht das Kind mit dem Bade ausschütten: Es gibt erkennbar nachhaltige Themen, und diese mit einem Themenfonds oder -ETF einzufangen, kann sinnvoll sein. Stichwort Verteidigungsindustrie. Sie ist ein eher kleiner Teil der Tech- und Industrials-Sektoren und ist damit nur schwer mit herkömmlichen Sektor- oder Strategie-Indizes zu greifen. Egal, wie man zu dem Thema aus ethischer Sicht stehen mag: die globalen Krisen und geopolitischen Spannungen werden die Nachfrage nach Waffen, einschließlich AI und Cyber-Systemen, nachhaltig steigern. Insofern ist es folgerichtig, „Defence“ ETFs als Bestandteil des Asset-Allocation-Baukastens zu definieren.

In einem weiteren Punkt weisen Themen-ETFs einen Vorteil gegenüber anderen Strategie- und Sektor-Fonds auf: Sie sind oft besser diversifiziert. Markt-Indizes wie der NASDAQ oder Sektor-ETFs sind rein kapitalisierungsgewichtet. Sie sind wegen der Dominanz großer Konzerne oft kopflastig. Ein US-Tech-ETF hat in der Regel einen Anteil von 50 Prozent und mehr seines Vermögens in Apple, Microsoft und NVIDIA investiert. US-Telecom-ETFs setzen sich zu über 60 Prozent aus Meta, Alphabet und Netflix zusammen. In europäischen Auto-ETFs dominieren Mecedes-Benz, Stellantis, Ferrari und BMW mit über 60 Prozent der Assets – gut 21 Prozent macht allein Mercede-Benz aus. Dagegen sind bei Themen-ETFs andere Grenzen eingezogen. Oftmals wird der Anteil einzelner Aktien auf fünf Prozent begrenzt. Das mindert das Einzeltitelrisiko.

Einen Beitrag zur Diversifikation liefert auch die Konstruktionslogik. Die Gewichtung der Einzelaktien ergibt sich oft aus dem Exposure zum Thema des ETFs. Stichwort Defence-ETFs. Der Future of Defence ETF, der im Juni 2023 aufgelegt wurde, investiert in Unternehmen, die mindestens 50 Prozent ihres Umsatzes in verteidigungsrelevanten Geschäften erwirtschaften und in den Nato+ Staaten beheimatet sind (das Plus steht für Australien, Neuseeland, Israel, Taiwan und Südkorea).

Doch man sollte die tendenzielle Nivellierung des Einzeltitelrisikos nicht überbewerten. Die oben in der Tabelle aufgeführten Verluste wurden auch mit Portfolios eingefahren, die auf Einzeltitel-Ebene diversifiziert sind. Das Einzeltitelrisiko wird also durch die häufig enge thematische Begrenzung auf wenige Sub-Sektoren überlagert.

Themen-ETFs: Viele Fallstricke und einiges an Potenzial

Anleger begeben sich bei Themen-ETFs auf eine unsichere Reise. Sie müssen nicht nur die tragfähigen Themen von Eintagsfliegen unterscheiden können, sondern wegen der ETF-Volatilität viel Mut und Können aufbringen, um den richtigen Einstiegszeitpunkt zu erwischen. Der erste Faktor ist ein handfestes Risiko, der zweite ist Teil der üblichen Marktunsicherheit. Beide haben eines gemein: Sie können zu hohen Gewinnen führen, aber auch zu verheerenden Verlusten. In Summe weisen Themen-ETFs eine unangenehme linksschiefe Renditeverteilung auf.

Zwei weitere Faktoren machen die meisten Themen-ETFs zu einem „Sucker’s Game“: Anleger und Berater sehen sich mit einer zunehmend diffusen Produktlandschaft konfrontiert. Denn jeder ETF-Anbieter definiert Mode-Themen anders, sie kochen ihr eigenes Süppchen, wie die höchst unterschiedlichen Renditen bei den oben erwähnten Krypto-ETFs zeigen. Manche ETFs sind konzentriert, andere diversifiziert, und sie arbeiten alle mit unterschiedlich eingestellten Filtern und Grenzwerten, die einen wichtigen Einfluss auf die Zusammensetzung der Portfolios haben. Die Beschaffenheit des ETF-Markts begünstigt diese zunehmende thematische Heterogenisierung der Themen: Weil iShares, Amundi und Xtrackers die Platzhirsche sind, müssen kleine Player wie VanEck, WisdomTree, Global-X oder HANetf ihr Heil in der Nische suchen – unter anderem mit Themen-ETFs.

Die vielen Imponderabilien von Themen-ETFs machen sie für die meisten Anleger eher zum Witwen-Macher ihrer Portfolios, als dass sie ihnen zu Reichtum verhelfen. Dagegen können sie für Anleger geeignet sein, die in der Lage sind, die Tragfähigkeit von Themen einzuschätzen, den Stand des Zyklus zu ermitteln, mutig genug sind, antizyklisch vorzugehen und die Ausdauer haben, Abwärtsphasen durchzustehen.

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Autor

  • Ali Masarwah

    Ali Masarwah ist Gesellschafter-Geschäftsführer der Fondsplattform envestor.de und schreibt auch Kolumnen über Investmentthemen für The Digital Leaders Fund. Anleger-orientiertes Research ist seit über 20 Jahren Alis Ding. Vor seiner Zeit bei envestor.de war er zehn Jahre lang bei Morningstar, wo er für die Personal Finance Websites des Analysehauses in Deutschland verantwortlich war. Als Experte für Anlagethemen ist er ein gefragter Ansprechpartner für Finanzmedien im deutschsprachigen Raum.

Ali Masarwah

Ali Masarwah

Ali Masarwah ist Gesellschafter-Geschäftsführer der Fondsplattform envestor.de und schreibt auch Kolumnen über Investmentthemen für The Digital Leaders Fund. Anleger-orientiertes Research ist seit über 20 Jahren Alis Ding. Vor seiner Zeit bei envestor.de war er zehn Jahre lang bei Morningstar, wo er für die Personal Finance Websites des Analysehauses in Deutschland verantwortlich war. Als Experte für Anlagethemen ist er ein gefragter Ansprechpartner für Finanzmedien im deutschsprachigen Raum.

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