Die Hintergründe zur Kursexplosion der Twilio Aktie

10. Mai 2018

Twilio Aktie investieren - Wabenstruktur mit verschiedenen Symbolen der Online Kommunikation

Dieser Artikel ist das Update eines Beitrages über die Twilio Aktie, der im März 2018 ursprünglich auf dem High-Tech-Investing-Blog erschien.

Heute möchte ich Euch mit der Twilio Aktie einen Digital Enabler aus dem Portfolio des Digital Leaders Funds vorstellen, dessen Softwareprodukte fast jeder von Euch schon einmal genutzt hat. Oftmals vom Smartphone aus – und in der Regel ohne es zu wissen. Twilio ist ein in 2007 gegründeter Anbieter von Cloud-Kommunikations-Services. Das Twilio Produktangebot kann man sich vorstellen als eine Toolbox für Software-Entwickler, die möglichst einfach und schnell die verschiedensten Kommunikations-Funktionen in ihre Apps integrieren möchten.

Die Twilio Aktie ist im deutschsprachigen Bereich noch fast gänzlich unbekannt, obwohl es sich um ein milliardenschweres Unternehmen handelt, das seit dem Börsengang in 2016 schon eine bewegte Historie mit Höhen und Tiefen hinter sich hat. In den vergangenen Monaten hat die Aktie um ca. 100% an Wert zugelegt. Und das aus gutem Grund.

Dieser Artikel enthält alle relevanten Punkte für denjenigen, der in Twilio investieren möchte.

Was leistet Twilio?

Wer in Twilio investieren möchte, muss natürlich erst einmal wissen, was das Unternehmen überhaupt leistet. Deshalb nun ein kurzer Überblick:

Twilio macht also z.B. einen Telefonanruf oder das Versenden einer SMS verfügbar als Software-Baustein in der Cloud.

Doch dies sind nur die einfachsten Funktionalitäten, die Twilio anbietet mit seiner Kommunikations-Plattform.

Mittlerweile sind im Twilio-Produktportfolio viele weitere Kommunikationskanäle auch für Video-, Chat,- oder Social Media verfügbar. All das steht für die Softwareentwickler bereit zur einfachen Einbindung in deren Apps über Standardschnittstellen.

Und der Bedarf ist riesig: Über alle Branchen hinweg werden derzeit solche Kommunikations-Funktionen integriert in neue digitale Geschäftsprozesse.

Denn eine Modernisierung der Kanäle für die Kundenkommunikation steht auf der Agenda fast jeder Digitalisierungsstrategie. Das ist natürlich ganz im Sinne einer Verbesserung der Customer Experience. Und nebenbei helfen diese Funktionen den Unternehmen, endlich einen vollständigen 360-Grad-Rundumblick auf ihre Endkunden zu bekommen.

Twilio ist die erste Adresse in diesem Segment und aktuell bestens dafür positioniert, sich zu einem dominanten Player in ihrem Wachstumsmarkt zu entwickeln.

Im Endeffekt geht es hier um nicht weniger als die Disruption der ehemals hardwarelastigen Kommunikationstechnologie durch clevere Softwarelösungen in der Cloud.

Das Geschäftsmodell von Twilio

Twilio agiert auf der Basis eines sogenannten  PaaS-Geschäftsmodells (Platform as a Service). Das heißt, auf der eigenen Plattform werden die Funktionalitäten als Services für Entwickler über einfache Schnittstellen bereitgestellt.

Die Leistungen werden nutzungsabhängig bepreist. Gezahlt wird z.B. für jede einzelne SMS, die in der Applikation des Kunden zum Endkunden verschickt wird. Das kann unter Umständen sehr schnell sehr teuer werden für die Kunden.

Twilio ist in der Branche daher durchaus bekannt dafür, dass man Premium-Preise bezahlen muss, die teilweise 50% teurer sind als beim Wettbewerb.

In der Vergangenheit gab es daher auch schon einige kritischen Analystenkommentare. Die bezweifelten, ob Twilio dauerhaft solche Premium-Preise am Markt durchsetzen kann. Denn es gibt mittlerweile zahlreiche Nachahmer und Anbieter ähnlicher Funktionalität. Aber offenbar funktioniert die Twilio-Technologie tatsächlich zuverlässiger als die der Wettbewerber, so dass die Twilio-Kunden mehr denn je bereit sind, für eine weltweit stabile Kommunikation mit ihren Endkunden tief in die Tasche zu greifen.

Was macht Twilio anders als die Wettbewerber?

Zunächst einmal gibt Twilio viel mehr als andere Unternehmen für die Entwicklung ihrer Technologie aus. Die Ausgaben für Forschung + Entwicklung sind ungewöhnlich hoch (30% des Umsatzes in 2017), dagegen ist der  Aufwand für Marketing und Vertrieb viel geringer als bei den meisten anderen Software Companies.

Das Vertriebsmodell von Twilio ist deswegen so effizient, weil man bewusst die Softwareentwickler als Zielgruppe definiert hat und sozusagen „von Entwickler für Entwickler“ an die IT verkauft. Ich mag solche Entwickler-geführte Unternehmen, denn da kann man sich ziemlich sicher sein, dass hier nur Dinge verkauft werden, die auch wirklich funktionieren und mit den Anforderungen der Kunden skalieren können.

Die Kundenbasis wächst rasant

Twilio hat eine breite Kundenbasis von 54.000 Kunden quer über alle Branchen hinweg. Alleine im Q1 2018 kamen ca. 5.000 Kunden neu dazu. Die Twilio Customer Stories sind eine umfangreiche Ansammlung von Anwendungen bei digitalen Unternehmen wie AirBnB, Uber und Netflix, aber auch klassische Großunternehmen wie Coca-Cola oder Sony sind dabei.

Die Abhängigkeit von einigen wenigen Großkunden wie Uber und Whatsapp war ein Problem, die zum Absturz der Twilio Aktie nach dem IPO in 2016/2017 führte.

Denn als bekannt wurde, dass der Großkunde Uber seine Kommunikationsdienste zukünftig unabhängig von Twilio selbst entwickelt, fiel die Twilio Aktie innerhalb weniger Monate von fast 70 USD bis auf 23 USD. Und hat sich erst seit Beginn 2018 wieder kräftig erholt.

Mittlerweile ist diese Abhängigkeit von einzelnen Kunden aber deutlich reduziert. So macht Twilio insgesamt „nur“ noch gut 10% des Umsatzes mit Uber und Whatsapp.

Twilio Aktie – Umsatzwachstum vorprogrammiert

Eine besonders beeindruckende Kennzahl bei Twilio ist die sogenannte Net Expansion Rate von derzeit über 130%. Die bedeutet, dass alleine das Wachstum mit den bestehenden Kunden bei 30% liegt – und das unabhängig vom Neukundengeschäft.

Das Land+Expand-Geschäftsmodell mit nutzungsabhängigen Servicegebühren funktioniert also wunderbar. Der Gesamtumsatz wuchs in 2017 um 44% auf USD 399M. Und im Q1 2018 hat sich das Umsatzwachstum sogar nochmals auf +49% beschleunigt. Bereinigt um den Großkunden Uber waren es in den vergangenen Quartalen sogar über 60% Wachstum, das ist schon bemerkenswert und fast schon eine Klasse für sich.

Twilio Aktie – Wie sieht es mit der Profitabilität aus?

Leider sind die Brutto-Margen bei Twilio längst nicht so hoch wie etwa bei anderen Cloud-Softwarefirmen und liegen aktuell bei 55%.

Der Grund dafür ist, dass der Betrieb des weltweiten Netzwerks für die Twilio-Services sehr viel Geld kostet. Allerdings ist das wohl gut angelegtes Geld, denn das Unternehmen lebt von der überlegenen Zuverlässigkeit dieses Netzwerks.

Unterm Strich stehen bei Twilio noch bis auf weiteres rote Zahlen.

Die Verluste im Q1 2018 sind sogar gegenüber dem Vorjahresquartal in absoluten Zahlen noch etwas angestiegen. Denn noch immer ist das Unternehmen im Land Grab – Modus, d.h. das Umsatzwachstum geht vor Profitabilität und das wird sich wohl auch in 2018/2019 so schnell nicht ändern.

Für mich besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist der operative Cashflow. Und der war in etwa ausgeglichen in 2017.

Das heißt, die Company „verbrennt“ aktuell kein Geld mehr auf ihrem Wachstumskurs. Im ersten Quartal 2018 wurde sogar ein positiver Free-Cash-Flow von USD 16M erzielt. Und das Erreichen dieses Meilenstein eines deutlich positiven Cash-Flows war wohl auch der Auslöser dafür, dass die Aktie nach den Zahlen zum Q1 nochmals einen zweistelligen Freudenhüpfer gemacht hat.

Twilio investieren – Neue Produkte in der Pipeline

Die langfristige Strategie von Twilio zielt darauf ab, dass man sich vom reinen Infrastruktur-Anbieter weiterentwickelt zum Anbieter von kompletten Businesslösungen rund um die Kommunikation. Das erste Produkt in dieser Richtung namens Twilio Flex ist eine Komplettlösung für Kontaktcenter (sprich Callcenter) und befindet sich aktuell im Beta-Programm.

Dieses Flex-Produkt soll noch in 2018 den Einstieg in den hochmargigen Markt für Applikations-Software aus der Cloud (SaaS) bringen. Bereits verfügbar ist mit Twilio Wireless ein weiteres neues Produkt, das auf die drahtlose Kommunikation von Endgeräten abzielt. Und außerdem zahllose IoT (Internet of Things) Anwendungsmöglichkeiten bietet.

Twilio ist ein Übernahmekandidat

Schon vorbörslich hatten sowohl Salesforce als auch Amazon in Twilio investiert. Dies ist allerdings nicht ungewöhnlich bei Silicon Valley-Companies. Bemerkenswerter ist aber, dass Salesforce vor einigen Monaten weitere Aktien gekauft hat. Allerdings ist der Anteil bisher dennoch eher unbedeutend bei 1-2%.

Die Absicht von Salesforce ist unklar, aber mit seiner offenbar überlegenen Technologie ist Twilio sicherlich ein attraktives Übernahmeziel für eine ganze Reihe von potentiellen Käufer wie z.B. Cisco.

Potential der Twilio Aktie

Die Twilio Aktie hat sich in den letzten Monaten im Wert fast verdoppelt und die zeitweilige klare Unterbewertung damit erstmal abgebaut.

Mit einem aktuellen EV/Sales-Ratio von 7,3 ist die Aktie sicherlich kein Schnäppchen mehr. Aber für Unternehmen mit einem derart rasanten Wachstum von deutlich über 40%, die dennoch schon einen positiven Cashflow vorweisen können, ist diese Bewertung nicht ungewöhnlich.

Sollte Twilio wie angestrebt auch erfolgreich den Markt für Applikationssoftware ernsthaft angreifen können, dann eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten für weiteres Wachstum. Und damit auch Argumente, um in die Twilio Aktie zu investieren.

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Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser

Stefan war in seinem gesamten Berufsleben in der High-Tech-Industrie tätig. Er hat sein eigenes Software-Unternehmen gegründet, internationalisiert und vor einigen Jahren ins Silicon Valley verkauft. Der Wirtschaftsmathematiker investiert seit über 30 Jahren in Aktien. Er verwaltet eines der erfolgreichsten investierbaren Musterportfolios auf der wikifolio Plattform.

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