Die Libra-Kryptowährung ist tot. Es lebe die Libra Payment-Plattform

22. April 2020

Libra Payment Plattform - Handy und Geld mit Libra Logo auf blauem Hintergrund

In den vergangenen Monaten war es sehr ruhig um Libra geworden. Mittlerweile ist es 10 Monate her, seit Facebook zusammen mit einem Konsortium aus teilweise sehr prominenten Gründungsmitgliedern an die Öffentlichkeit gegangen war und seine Pläne für eine neue digitale Währung vorgestellt hatte. Wir hatten hier im Blog die damaligen Pläne ausführlich vorgestellt.

In den Wochen und Monaten nach der Veröffentlichung hat Libra vor allem dadurch Schlagzeilen gemacht, dass eine ganze Reihe prominenter Gründungsmitglieder aus dem Konsortium ausgeschieden sind, nachdem die Politik und Regulatoren weltweit das Projekt zur Schaffung einer eigenen digitalen Währung scharf kritisiert hatten.

Vor allem Betreiber von Payment-Plattformen wie PayPal, Stripe, Mastercard, Visa, Vodafone (M-Pesa) und MercadoPago (MercadoLibre) haben sich aus dem Libra Konsortium zurückgezogen. In den vergangenen Monaten neu dazugekommen sind hingegen der Krypto-Handelsplatz Tagomi und die E-Commerce-Plattform Shopify.

Libra Payment Plattform ohne Vodafone, PayPal, Stripe, Mastercard, Visa, MercadoPago - Shopify und Tagomi neu dabei
Libra Payment-Plattform: Neu dabei sind Tagomi und Shopify. Andere wie PayPal, Stripe und Mastercard haben sich zurückgezogen.

Diese Veränderungen im Libra-Konsortium lassen sich seit einigen Tagen wesentlich besser einordnen. Denn jetzt wird klar, dass es das wesentliche Ziel der Libra-Stiftung ist, schnellstmöglich ein global verfügbares, kosteneffizientes Zahlungssystem auf Blockchain-Basis zu schaffen.

In der vergangenen Woche hat die Libra Stiftung ein neues White Paper veröffentlicht, in dem sie ihre deutlich veränderten Pläne publiziert.

Die wichtigste Veränderung: im neuen White Paper ist jetzt ausdrücklich und ausschließlich von der Schaffung einer blockchain-basierten Libra Payment-Plattform die Rede. In den Medien war bisher im Zusammenhang mit Libra immer von einer Facebook-eigenen Kryptowährung die Rede.

Nach dem neuen Whitepaper müssen die Headlines aber komplett neu geschrieben werden, denn Libra ist nach dem Redesign tatsächlich nicht mehr aber auch nicht weniger als ein global zugängliches und blockchain-basiertes Zahlungssystem.

Das Libra Netzwerk ist nach umfangreichen Änderungen jetzt so designt, dass es staatliche Währungssysteme lediglich ergänzen, aber keinesfalls mit ihnen konkurrieren oder sie gar ersetzen kann.

Aufgrund der regulatorischen Bedenken wurden 4 wesentliche Änderungen bzw. Ergänzungen im Libra-Konzept vorgenommen, auf die ich im Folgenden näher eingehen werde:

  1. Die Schaffung von verschiedenen Stablecoins, die jeweils auf einzelnen Währungen basieren (Single-Currency Libra-Coins)
  2. Ausgestaltung eines robusten Compliance-Frameworks für das Libra Network
  3. Verzicht der künftigen Weiterentwicklung der Libra-Blockchain zu einem vollständig dezentralen (permissionless) System
  4. Aufbau von umfangreichen Schutzmechanismen für die aus Fiat-Geld bestehende Libra-Reserve

Hört sich kompliziert an?

Ist aber ganz gut zu verstehen und ist sehr durchdacht!


1. Single-Currency Libra-Coins

Ursprünglich war es geplant, einen einzigen digitalen Libra-Coin zu schaffen, der fest gekoppelt war an einen ganzen Korb von verschiedenen Fiat-Währungen (Multi-Currency-Coin).

Daraus resultierten große Bedenken seitens Regierungen und Zentralbanken dergestalt, dass dieser Libra-Coin als eigene digitale Weltwährung fungieren und dadurch mit den Fiat-Währungen rund um den Globus konkurrieren könnte, anstatt diese zu ergänzen.

Nun ist stattdessen geplant, digitale Abbilder der großen Fiat-Währungen zu schaffen, d.h. es sollen u.a. LibraUSD, LibraEUR und LibraGBP ausgegeben werden, deren Wert direkt und 1:1 z.B. an den US-Dollar bzw. an den Euro gekoppelt sind. Diese Single-Currency Stablecoins sollen jeweils vollständig durch eine Reserve gedeckt sein, die ausschließlich aus Bargeld oder Bargeldäquivalenten und sehr kurzfristigen Staatsanleihen in der jeweiligen Währung bestehen.

Sollten die Zentralbanken in der Zukunft eigene digitale Währungen herausgeben (es gibt z.B. entsprechende Pläne der Europäischen Zentralbank), so sollen diese in das Libra Netzwerk integriert werden und könnten dann den jeweiligen Single-Currency-Libra-Coin ersetzen. Dieses Szenario ist seitens der Libra-Stiftung im aktuellen White Paper ausdrücklich so vorgesehen. Damit würde im Libra Netzwerk die Notwendigkeit entfallen, die entsprechende Währungsreserve selbst zu verwalten.

Zusätzlich zu den Single-Currency Libra-Coins soll es auch nach den aktualisierten Plänen einen aus verschiedenen Währungen zusammengesetzten Libra-Coin geben. Dieser Multi-Currency-Coin soll jedoch kein eigenständiger digitaler Vermögenswert sein, sondern vielmehr eine Art Währungskorb, der sich aus den vorhandenen Single-Currency-Coins zusammensetzt. Es gibt also keinen eigenen Mining-Prozess für das Erzeugen von Multi-Currency-Coins, sondern dieser ist lediglich als Smart Contract auf der Libra-Blockchain implementiert.

Die Zusammensetzung und Gewichtungen der im Multi-Currency-Coins enthaltenen Währungen soll den Planungen zufolge von internationalen Regulatoren bzw. einer Organisation, wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF),  überwacht werden.  Der Multi-Currency-Libra-Coin ist  für den grenzüberschreitenden Handel gedacht und soll in denjenigen Ländern eingesetzt werden, für deren Währung (noch) kein dedizierter Single-Currency-Coin existiert.

2. Das Libra Compliance Framework

Das Libra White Paper hat sich seit Juni 2019 wesentlich weiterentwickelt bei der Ausgestaltung eines Compliance Frameworks. Offensichtlich wurde in den vergangenen 10 Monaten intensiv mit Regulatoren und Regierungsbehörden weltweit zusammengearbeitet, um nun auf Basis deren Feedbacks einen Rahmen für das Risikomanagement vorzulegen.

Dieser muss mit bestehendem internationalem Recht und Regulatorik vereinbar sein und soll von Beginn an strenge Standards bzgl. Geldwäschebekämpfung  (Anti-Money-Laundering AML) setzen und dabei helfen, die Finanzierung von Terrorismus und illegalen Aktivitäten zu bekämpfen.

Gleichzeitig will man die wichtigsten Ziele wie Offenheit und finanzielle Inklusion der bisher von Banken unterversorgten Menschen weiter verfolgen.

Im neuen Libra-White Paper nimmt die konkrete Ausgestaltung des Compliance-Frameworks breiten Raum ein. Genau werden die verschiedenen Rollen der Teilnehmer des Libra Netzwerks beschrieben. Die schon sehr konkreten Vorstellungen der Rechte und Pflichten von Libra Association, Designated Dealers, Virtual Asset Provider und Unhosted Wallets kannst Du bei Interesse hier nachlesen.

3. Die Libra Blockchain

Verzichten will man nach dem neuen Konzept auf die Weiterentwicklung der Libra-Blockchain zu einem „Permissionless System“. Ursprünglich war geplant, dass die Libra-Blockchain mittelfristig geöffnet werden sollte für beliebige Betreiber von Validierungsknoten (Libra Nodes). Damit sollte sich Libra zu einem vollständig dezentralisierten Krypto-Netzwerk weiterentwickeln. Regulatoren hatten hier große Bedenken geäußert, da zumindest theoretisch die Gefahr besteht, das unbekannte Netzwerkteilnehmer Kontrolle über das Netzwerk erlangen könnten. 

Die aktualisierten Pläne sehen nun vor, dass dauerhaft das Libra-Netzwerk die Blockchain betreut und neue Mitglieder der Betreiber-Organisation nur nach vorheriger ausführlicher Due Dilligence  aufgenommen werden. Das White Paper beschreibt nun die Ziele für einen offenen und transparenten Aufnahmeprozess für neue Mitglieder, die einen Validator-Knoten für die Libra-Blockchain betreiben wollen. Die genaue Ausgestaltung dieses Prozesses steht allerdings offenbar noch aus.

Der Libra-Stiftung mit Sitz in der Schweiz kommt damit eine noch wichtigere Rolle zu. Sie ist die Muttergesellschaft der operativen  Libra Networks Gesellschaft, die direkt verantwortlich sein wird für den Betrieb des Libra Payment Systems also für das Erzeugen (Mint) und ggfs. Einziehen (Burn) von Libra Single-Currency-Coins und für die Verwaltung der entsprechenden Libra Reserve. Libra Networks wird von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA in der Schweiz reguliert und hat dort bereits die notwendige Lizenz als Betreiber eines Zahlungssystems beantragt.

4. Die Libra Reserve

Mit den Regulatoren wurde ebenfalls diskutiert, wie man durch die Ausgestaltung der Libra-Reserve sicherstellen kann, dass die Libra-Reserve auch in extremen Situationen einwandfrei funktioniert.  Die Besitzer der Libra-Coins müssen jederzeit Gewissheit haben, dass ihr digitales Geld sicher ist und bei Bedarf jederzeit wieder in Fiat-Geld getauscht werden kann.

Von großer Bedeutung ist hier die Minimierung des Liquiditätsrisikos. Das will man  mit ausschließlich kurzfristigen Staatsanleihen in der Reserve und mit  höchster Liquidität sämtlicher Assets sicherstellen. Zusätzlich soll ein Kapitalpuffer eingerichtet werden, der die Nutzer des Libra-Netzwerks u.a. gegen potentielle Verluste aus Betrug und Systemfehlern absichern soll.

Libra Payment-Plattform – Fazit

Die Libra-Kryptowährung ist tot, es lebe die Libra Payment Platform! Ich habe den Eindruck, die nun vorliegenden Pläne sind ein sehr guter Ansatz, um zukunftsweisende Blockchain-Technologie erstmals mit den weltweit akzeptierten regulatorischen Rahmenbedingungen des etablierten Finanzsystems miteinander in Einklang zu bringen.

Es war in der Öffentlichkeit sehr ruhig geworden um Libra, aber hinter den Kulissen wurde offenbar großer Fortschritt erzielt. So hat die Libra Stiftung mit einer Arbeitsgruppe der G7 an einem Report zu den Auswirkungen von Stablecoins gearbeitet.

Interessant ist die Tatsache, dass nun von vornherein vorgesehen ist, dass die Libra-eigenen Stablecoins im Libra Paymentsystem durch die offiziellen digitalen Währungen ersetzt werden könnten, sobald diese verfügbar werden.

Damit treibt man einerseits die Digitalisierung der Währungen zeitnah voran und macht auf der anderen Seite von vornherein klar, dass sich die Privatwirtschaft bereitwillig wieder aus geldpolitischen Aufgaben der Notenbanken zurückzieht, sobald diese die Digitalisierung ihrer Währungen erfolgreich voranbringen.

Zunächst mal ist das Libra Netzwerk nur eine weitere Alternative zu der Vielzahl an heute bestehenden Payment-Systemen. Libra hat aufgrund seines blockchainbasierten Ansatzes und der großen Userbasis von 2,7 Milliarden Nutzern der Facebook-Plattformen aber  das Potential, ein echter Disruptor zu sein und wird langfristig mit anderen Zahlungsplattformen konkurrieren. Vor diesem Hintergrund ist der Ausstieg von Stripe, PayPal, Vodafone (M-Pesa), MercadoPago sowie Mastercard und Visa aus dem Konsortium nur konsequent und gut nachvollziehbar.

Es wird spannend zu beobachten sein, wie es nun weitergeht. Welche Banken bzw. Finanzdienstleister werden sich dafür interessieren, als Designated Dealer für das Libra Network tätig werden? Wie schnell kann die Libra-Blockchain zur Produktionsreife gebracht werden? Wann erteilt die FINRA dem Libra-Network die nötige Lizenz für den Start seiner Payment-Plattform?

Wenn Du die weitere Entwicklung rund um Libra gemeinsam mit uns weiterverfolgen willst, dann kannst Du jetzt hier unseren kostenlosen Newsletter abonnieren.


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Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser war in seinem gesamten Berufsleben in der High-Tech-Industrie tätig. Er hat sein eigenes Software-Unternehmen gegründet, internationalisiert und vor einigen Jahren ins Silicon Valley verkauft. Der Wirtschaftsmathematiker investiert seit 30 Jahren erfolgreich in Aktien und ist Co-Founder des Digital Leaders Fund.

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