Facebook-Währung: Ist Libra das Geld der Zukunft?

26. Juni 2019

Facebook Geld Libra - Ist Libra die Währung der Zukunft - Libra Logo und Schriftzug

Nun ist es also soweit. Facebook hat am 18. Juni 2019 seine lange erwarteten Pläne zu einer neuen digitalen Währung veröffentlicht.

Sowohl das Echo der Medien als auch der Aufschrei in der Politik und von Regulatoren könnte nicht größer sein.

Dabei wurden in der vergangenen Woche gerade in deutschsprachigen Medien auch etliche Halbwahrheiten und Unwahrheiten verbreitet.

Ich habe den Eindruck, viele der Kommentatoren und auch der Bundesbank Vorstand haben das Libra Whitepaper gar nicht vollständig gelesen.

Anders kann ich mir solche irreführenden Beiträge wie „Facebook wird Großgläubiger der Staaten“  oder „Facebooks Libra bedroht das Weltfinanzsystem“ nicht erklären.

Mit diesem Beitrag wollen wir versuchen, den aktuellen Stand der Dinge rund um die Facebook-Währung Libra zusammenfassen, ein grundlegendes Wissen über Libra zu vermitteln sowie unsere erste Einschätzung zu teilen.

Hier zunächst die wichtigsten Fakten rund um die neue digitale Währung Libra.


Libra: Es wird keine von Facebook beherrschte Krypto-Währung geben

Facebook hat die unabhängige non-profit Libra Association (Libra-Stiftung) mit Sitz in Genf in der Schweiz initiiert.

Das ist ein jetzt schon beeindruckendes Konsortium von derzeit knapp 30 Gründungsmitgliedern.

Mit dabei sind weltweit führenden Organisationen wie Mastercard, Visa, Paypal, Stripe, Ebay, Facebook, Uber, Lyft, Spotify, Vodafone, Coinbase, Andreesen Horrowitz, etc.

Facebook hat es geschafft, all diese Unternehmen zusammenzubringen, um gemeinsam eine neue Krypto-Währung mit dem Namen Libra zu erschaffen.

In der Libra-Stiftung sind tatsächlich direkte Wettbewerber wie Uber und Lyft vereint, um zusammen an der Zukunft des Geldes zu arbeiten und eine erste echte digitale Weltwährung zu etablieren.

Bis zum Start in 2020 sollen es circa 100 Mitglieder sein, die der Libra-Stiftung angehören.

Facebook ist dann in dieser Stiftung rein rechtlich nur noch ein Mitglied unter vielen.

Und Facebook wird damit keine Kontrolle über die Libra Blockchain haben, die als Basis der Libra-Währung dient und als Open Source Projekt aufgesetzt ist.

Die Libra-Stiftung hat zwei wesentliche Aufgaben:

  1. Das gemeinsames Betreiben und die Weiterentwicklung der Libra-Blockchain
  2. Das Verwalten der Libra-Reserve (dazu später mehr)

Ich denke, der Ansatz eine digitale Währung durch einen Zusammenschluss einer Vielzahl von weltweit weit verbreiteten Unternehmen und Organisationen zu schaffen ist eine exzellente Idee.

Libra ist dadurch von Anfang an viel mehr als nur die „Facebook-Währung“.

Immer wieder liest man, dass Facebook mit Libra die Datensammlung über seine User nun auch um die Finanzdaten ergänzen möchte.

Die Realität ist, dass die Finanztransaktionen in der Libra-Blockchain unter einem Pseudonym stattfinden, das heißt von Facebook + Co. nicht auf den User zurückverfolgbar sind.

Ein wichtiges Langfristziel der Libra-Stiftung ist es, dass die Libra-Blockchain geöffnet wird auch für beliebige andere Betreiber von Validierungsknoten (Libra Nodes) und sich damit zu einem echten dezentralisierten Netzwerk weiterentwickelt.

Der angestrebte Zeithorizont für den Übergang hin zu einer solchen „Permissionless Blockchain“ wird mit 5 Jahren angegeben.

Die Details zur Technik der Libra-Blockchain kannst Du in der empfehlenswerten Analyse von Binance Research nachlesen.

Facebook Währung Libra - Übersicht der Gründungsmitglieder der Libra Stiftung
Facebook-Währung Libra: Mitglieder der Libra-Stiftung.

Facebook-Währung Libra wird Zahlungsmittel und kein Spekulationsobjekt

Libra ist im Gegensatz zu Bitcoin + Co. vollständig mit einer Reserve von Vermögensgegenständen hinterlegt.

Für jeden Libra, der ausgegeben wird, wird also ein entsprechender Betrag an FIAT-Geld in die Reserve eingezahlt.

Diese besteht aus einem Korb verschiedener Währungen (dominiert von USD, EUR, GBP und JPY) sowie kurzfristigen Staatsanleihen der führenden Zentralbanken.

Das soll möglich niedrige Schwankungen sicherstellen.

Allerdings ist damit auch klar, dass Libra nicht fest an eine einzige Währung gekoppelt ist.

Libra ist durch diese Struktur von vornherein ungeeignet als Spekulationsobjekt, da der Wert sich in direktem Zusammenhang mit dem Wert der Libra-Reserve entwickelt.

Die Assets der Reserve liegen nicht etwa auf den Konten von Facebook oder anderen Mitgliedern der Libra-Stiftung.

Stattdessen werden die Assets bei einem weltweit verteilten Netzwerk von Verwahrstellen mit erstklassigem Kredit-Rating liegen.

Die Zinsen, die mit der Libra-Reserve erwirtschaftet werden, sollen zunächst verwendet werden, um die Kosten des Libra Netzwerks zu decken.

Die Gründungsmitglieder sollen als Investoren in das Libra-System (jeder Partner trägt mit einer Anschubfinanzierung von $10 Millionen zum Aufbau einer initiale Reserve bei) nach Möglichkeit zudem Ausschüttungen bekommen.

Für Nutzer ist die Verzinsung eines Libra-Guthabens durch die Libra-Stiftung nicht vorgesehen.

Die Libra-Stiftung wird nicht mit Libras handeln

Die Libra-Stiftung wird Libras nicht an Verbraucher herausgeben oder mit diesen handeln.

Stattdessen wird es verschiedene Handelsplätze geben, um FIAT-Geld wie Euro oder USD gegen Libras zu tauschen.

Diese Libra-Börsen sollen im Wettbewerb miteinander stehen.

Wenn man als Enduser „normales“ Geld gegen Libra eintauschen möchte, so kann man das ausschließlich bei einer der zugelassenen Libra-Reseller tun und muss dort im Zweifel nachweisen, woher das Geld stammt.

Eine solche KYC (KnowYourCustomer) – Dokumentation ist von der Regulatorik generell gefordert, um Geldwäsche zu bekämpfen.

Diese Endpunkte, an denen Geld ins Libra-System hinein- und wieder hinausfließen kann, sind vom Gesetzgeber besonders zu überwachen.

Das betrifft insbesondere auch Handelsplattformen wie Coinbase und Xapo, die beide ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern der Libra-Stiftung gehören.

Facebook Währung Libra - Libra-Stiftung als Non-Profit-Organisation
Die Libra-Stiftung wird nicht mit Libras handeln.

Facebook-Währung Libra: Calibra und andere Wallets

Calibra ist eine neue Tochtergesellschaft von Facebook, die Finanzdienstleistungen rund um die neue Facebook-Währung Libra anbieten wird.

Das erste Produkt wird eine Wallet sein, mit der die mehr als 2 Milliarden User von WhatsApp und Facebook Messenger mit wenigen Klicks Guthaben aufladen, versenden, abheben oder auch in der physischen Welt bei angeschlossenen Händlern bezahlen können.

Calibra als FinTech-Unternehmen unterliegt der Regulierung in jedem Land, in dem man tätig sein will.

Calibra muss dabei die gleichen Vorschriften erfüllen wie Kontoführer, sprich Compliance, Anti Money Laundering, Geldverkehrskontrollen beachten etc.

Das ist extrem aufwendig und bei Verstößen extrem teuer.

Und es muss seitens Facebook/Calibra Land für Land mit vielen verschiedenen Stellen zusammengearbeitet werden.

Es wird keinen plötzlichen globalen Rollout von Calibra geben, sondern es wird – ähnlich wie bei Apple Pay – wohl viel langsamer in einem Land nach dem anderen gelauncht.

Es bleibt abzuwarten, in welchen Ländern die regulatorischen Hürden dann wirklich schon wie angekündigt in 2020 genommen sein werden.

Etablierte Payment-Dienstleister weisen darauf hin, dass es nicht eine Frage der Technologie ist, warum grenzübergreifende Zahlungen so teuer sind, sondern ein Hauptgrund sei der hyperregulierte Markt.

Facebook hat angekündigt, dass eine klare Trennung zwischen den Persönlichkeitsprofilen auf Facebook und den Finanzdaten von Calibra vollzogen wird.

Die Calibra Daten sollen nicht zur Vervollständigung der Facebook-Profile herangezogen werden.

Das kann man glauben, muss es aber nicht.

Die gute Nachricht: Man muss als Enduser nicht Calibra nutzen, um von der Libra Währung zu profitieren.

Facebook Währung Libra - Grafik jeder kann Libra offen nutzen auch ohne Calibra Plattform
Die Facebook-Währung Libra soll von allen Menschen genutzt werden können.

Es soll eine Vielzahl von Wettbewerbsprodukten zur Facebook-eigenen Wallet geben.

Der Plan ist, dass man auch als Nicht-Facebook-User die neue digitale Libra Währung mit alternativen Tools und Services nutzen kann.

Facebook begegnet in seinen Planungen also von vornherein den sicherlich reichlich vorhandenen kartellrechtlichen Bedenken.

Die Konkurrenz soll also auch hier das Geschäft beleben.

Allerdings dürfte Calibra aufgrund der großen Nutzerbasis von WhatsApp und Messenger alle anderen Wallets wie von Coinbase um das Vielfache übertrumpfen und somit zur führenden Plattform für die Nutzung von Libra werden.

Das Erwachen der Regulatoren

Der Handel mit bisherigen Kryptowährungen ist bisher nur sehr uneinheitlich und unvollständig reguliert.

Dank Libra werden die Regulatoren und Notenbanken nun weltweit aufwachen.

Nun kommen sie nicht umhin, sich endlich ernsthaft mit der Überwachung von Kryptowährungen inklusive Libra zu beschäftigen.

Die Libra Association ist von vornherein darauf vorbereitet, mit den Regulatoren weltweit zusammenzuarbeiten:

  • Bei der Verwaltung der Libra-Reserve
  • Es soll keine komplett anonymen Konten oder keine versteckten Transaktionen geben
  • Die Endpunkte des Systems (On/Off Ramps) sollen ausschließlich regulierte und akkreditierte Plattformen sein
  • Die Regulatoren sollen bei ihrem Kampf gegen Geldwäsche (AML = Anti Money Laundering) aktiv von Libra unterstützt werden

Für die Regulatoren wird es viel Arbeit geben, um die Libra-Börsen (dort wird FIAT-Money eingetauscht) und Anbieter von Libra-Wallets (dort kann ein Konsument sein digitales Geld verwalten) zu beaufsichtigen.

Diese werden KYC/AML-Regularien einhalten müssen.

Userbasis der neuen Facebook-Währung

Mit den durch über 2 Milliarden Nutzer entstehenden Netzwerkeffekten ist Facebook in der Lage, die größte Plattform für digitales Geld zu initiieren, die jemals erschaffen wurde.

Aber die Ambitionen von Libra sind noch viel größer.

Denn Facebook wird nach dem Launch nur eines von 100 Gründungsmitgliedern der Libra-Stiftung sein.

Stell Dir mal vor, welche Möglichkeiten es gibt, zukünftig auch ohne Bankkonto oder Kreditkarte die Dienste von Vodafone, Uber, Booking.com, Spotify weltweit in Anspruch zu nehmen.

Der Erwerb von Libra wird sogar möglich sein, ohne jemals mit FIAT-Geld in Berührung zu kommen.

Denn es ist zu erwarten, dass digitale Marktplätze wie eBay oder Mercado Libre es ermöglichen werden, Produkte oder Dienstleistungen gegen die Bezahlung in Libra zu verkaufen.

Schon vom Start weg soll es die Calibra-App kleinen Händlern ermöglichen, Libra-Zahlungen mit einem QR-Code zu akzeptieren.

Derzeit sind weder Banken noch Apple, Amazon aber auch E-Commerce-Riesen wie Square und Shopify bei der Libra-Stiftung mit dabei.

Jack Dorsey plant offenbar mit Square gar ein Konkurrenzprojekt.

Ich bin gespannt wie sich diese Wettbewerbssituation in den kommenden Monaten weiterentwickelt bis zum Launch der Libra-Blockchain in 2020.

Facebook-Währung Libra – Fazit

Für uns in Mitteleuropa ist Libra eine spannende Innovation am Finanzmarkt und mittelfristig sicherlich auch eine weitere Zahlungsmöglichkeit – nicht mehr und nicht weniger.

Jedoch wird Libra nicht in erster Linie für die gut versorgten Menschen hierzulande entwickelt.

Für viele Millionen Menschen in den Entwicklungsländern, die zwar ein Smartphone sowie Internetzugang, aber kein Bankkonto besitzen, dürfte Libra hingegen ein echter „Game-Changer“ sein.

Fast die Hälfte aller erwachsenen Menschen weltweit hat kein Konto.

Facebook Währung Libra - Grafik beschreibt dass 1,7 Milliarden Menschen kein Konto besitzen
Facebook-Währung Libra kann ein „Game-Changer“ werden für über eine Milliarde Menschen ohne Bankkonto.

Der Erfolg von Libra wird davon abhängen, ob es der Libra-Stiftung gelingen wird, erfolgreich mit den Regulatoren, den Zentralbanken und dem bestehenden Finanzsystem zusammenzuarbeiten.

Gerade Zentralbanken werden sich aufgrund der fehlenden Kontrolle zunächst schwer tun mit der neuen Währung.

Am 21. Juni wurde wurde bekanntgegeben, dass die Notenbanken der G7-Staaten eine Sonderkommission einrichten, die die gesetzliche Regulierung von Libra untersuchen soll.

Die Unabhängigkeit der Libra-Stiftung von Facebook wird eine ganz entscheidende Rolle spielen bei dem Versuch, das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen.

Die vorgesehene Struktur mit einer gemeinnützigen Schweizer Gesellschaft ist tatsächlich gut dazu geeignet, die Bedenken über eine weitere Stärkung der Macht von Facebook einzugrenzen.

Ich persönlich habe niemals Bitcoin oder eine andere Krypto-Währung besessen.

Aber ich werde wohl zu den ersten gehören, die Libra nutzen.

Denn dieses Konzept überzeugt und fasziniert mich – auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch viele Fragen offen sind.

Wir werden in kommenden Beiträgen weiter über die Entwicklungen rund um Libra, mögliche Gewinner und Verlierer und die Auswirkungen auf Facebook und andere unserer Portfoliounternehmen berichten.

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Stefan Waldhauser

Stefan Waldhauser

Stefan war in seinem gesamten Berufsleben in der High-Tech-Industrie tätig. Er hat sein eigenes Software-Unternehmen gegründet, internationalisiert und vor einigen Jahren ins Silicon Valley verkauft. Der Wirtschaftsmathematiker investiert seit über 30 Jahren in Aktien. Er verwaltet eines der erfolgreichsten investierbaren Musterportfolios auf der wikifolio Plattform.

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5 Antworten

  1. Lieber Stefan, vielen Dank für Deine gute Beschreibung, die hoffentlich viele lesen. Zum Thema Bitcoin musst Du uns mal besuchen! Danke nochmals für Deine gute Arbeit! Gruss Ceyhun

  2. Hallo Stefan, vielen Dank für den interessanten Artikel. Hast Du eigentlich jemals einen Kommentar zum Bitcoin geschrieben. Soviele Bekannte haben mich als Finanzfachmann immer wieder zum BC gefragt und dennoch konnte ich aufgrund meiner konservativen Einstellung zum Wert von Assets nie eine Empfehlung aussprechen.

    1. Hallo Thomas, zum Bitcoin oder anderen Kryptowährungen habe ich mich bisher bewusst zurückgehalten und noch nie etwas dazu geschrieben. Das ist nicht meine Welt, ist mir viel zu spekulativ. Da gibt es andere Experten, die mich aber bisher nicht überzeugen konnten… wahrscheinlich bin ich im Grunde meines Herzens zu sehr Value-Investor, um mit BC etwas anfangen zu können. Daher bin ich selbst erstaunt darüber, dass mich das Libra Konzept derart überzeugt.

  3. Sehe ich ähnlich. Libra wird primär für Entwicklungsländer mit notorisch hoher Volatilität und Inflation attraktiv sein, also für Menschen, welche kein Bankkonto (geschweige eine Kreditkarte) haben. 98% des Wachstums der Weltbevölkerung geschieht genau in diesen Ländern. Da geht’s um einen Markt mit ca. 4-5 Mia Menschen mit wachsendem Bedarf an Konsum. Kann mir daher nur sehr schwer vorstellen, dass sich die grössten Zahlungsdienst-Anbieter dieses Planeten ein solches Riesen-Geschäft (…Transaktionsgebühren…) entgehen lassen

    1. Ja, ich bin auch schon sehr gespannt wie genau z.B. die Zusammenarbeit von Paypal, Mastercard, Visa mit Libra ausgestaltet wird. In den kommenden Monaten wird es da sicherlich noch einige Aha-Effekte geben.

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