Straumann Group Aktie – Von Implantaten zur Verzahnung der Welt

16. August 2019

Straumann Group Aktie - Illustration Zahnpflege Implantat Digital

Die Schweiz ist ein Beispiel dafür, dass man keinen großen Binnenmarkt braucht, um Unternehmen von Weltrang hervorzubringen. Das Land ist die Heimat von Nestlé, von mehreren Giganten des Rohstoffhandels wie Glencore, von Pharmariesen wie Roche und Novartis und natürlich auch bekannt für seine führende Stellung im Markt für Luxusuhren. Auf Medizintechnik und die Uhrenindustrie gehen auch die Ursprünge des vergleichsweise unbekannten schweizer Unternehmens Straumann Holding zurück, das sich aufgemacht hat, den weltweiten Markt für Zahnimplantate zu dominieren.


Die Ursprünge in der Medizintechnik

Die Ursprünge des Unternehmens gehen auf Reinhard Straumann zurück. Der Tüftler hatte in den zwanziger Jahren in seinem Forschungslabor entdeck, dass Knochen eine kristalline Struktur enthalten, die ihnen Festigkeit verleiht. Damit legte er den Grundstein von mehreren Medizintechnikunternehmen, darunter Synthes-Stratec, das 2012 für 20 Milliarden Dollar von Johnson & Johnson übernommen wurde. Sein Enkel Thomas Straumann entscheidet sich 1990 aus der Holding heraus das damals kleine Dentalgeschäft zu übernehmen und sich künftig auf Zahnimplantate zu konzentrieren. Sein Vater Fritz Straumann hatte 1980 in Kooperation mit der Universität Bern die International Team for Implantology (ITI) gegründet, ein Forschungsinstitut für dentale Implantologie. Mit diesem Know-how baut Straumann das Geschäft weiter aus und bringt sein Unternehmen 1998 an die Börse. Bis 2007 steigt der Wert von 300 Millionen Schweizer Franken (CHF) auf 5,5 Milliarden CHF. Schon damals steigt das Unternehmen in neue Geschäftsfelder wie Biomaterialien und der digitalen Zahnheilkunde ein. Doch mit der Wirtschaftskrise 2008 kommt es zu einer Krise bei der Nachfrage nach Premium-Implantaten, und das Unternehmen verliert schrittweise bis 2012 Marktanteile und Börsenwert.

Straumann Group Aktie - Entwicklung des Aktienkurses
Straumann Group Aktie: Entwicklung des Aktienkurses.

Im Mai 2012 kauft Straumann das brasilianische Unternehmen Neodent und steigt damit in das Value-Segment ein. Seit Ende 2012 führt der ehemalige CFO Marco Gadola das Unternehmen. Unter seiner Führung ist das Unternehmen durch gezielte Akquisitionen und hohem organischen Wachstum zu einem führenden Anbieter im Markt für günstige Implantatsysteme aufgestiegen.

Straumann heute

Die Straumann Group entwickelt Zahnimplantate, CAD/CAM-Prothetik, Biomaterialien und digitale Lösungen für Zahnersatz und Restauration. Kunden sind Zahnärzte, Kliniken, Dentalunternehmen und Labore auf der ganzen Welt.

Die regionalen Umsätze 2018 sind wie folgt:

  • Europa, Mittlerer Osten und Afrika (EMEA) – 43 Prozent
  • Nordamerika – 29 Prozent
  • Asien-Pazifik – 19 Prozent
  • Lateinamerika – 9 Prozent
Straumann Group Aktie - Umsatzverteilung nach Kontinent Grafik
Umsätze der Straumann Group in 2018 nach Region. (Quelle: Geschäftsbericht 2018)

Das Unternehmen ist also regional breit diversifiziert. Nahezu überall wachsen die Geschäfte organisch deutlich über 15 Prozent.

Von Implantaten zu Digital Dentistry

Viele Jahre war Straumann nur ein Anbieter von Implantaten im Premium-Segment. Von den heute circa 25 Millionen jährlich gesetzten Implantaten entfallen nach Unternehmensangaben circa 75% auf das sogenannte Value-Segment, also Implantatsysteme, die deutlich günstiger angeboten werden. Daher ist Straumann in den letzten Jahren über viele Akquisitionen und Partnerschaften in die Value-Sparte eingestiegen. Zudem hat das Unternehmen das Leistungsangebot auch horizontal erweitert und versteht sich heute als Gesamtlösungsanbieter für ästhetische Zahnmedizin. Somit ist der adressierbare Gesamtmarkt des Unternehmens von 4,5 Milliarden Dollar auf nun 26 Milliarden angestiegen.

Straumann Group Aktie - Überblick des Dental Marktes Grafik
Der adressierbare Gesamtmarkt von Straumann steigt durch Akquisitionen und Partnerschaften von 4,5 Milliarden auf 26 Milliarden Dollar.

In dem stark konsolidierten Markt für Premium-Implantate hat Straumann einen Marktanteil von 25 Prozent. Die 6 großen Unternehmen in diesem Markt sind für 80 Prozent der Umsätze verantwortlich. Im restlichen Markt kommt Straumann auf einen Anteil von 5 Prozent. Im 5 Milliarden Dollar großen Markt für CAD/CAM Prothetik (computergestützte Herstellung von Zahnersatz) liegt der Marktanteil bei 2 Prozent. Ziel des Unternehmens ist hier 10 Prozent des Marktes zu erobern.

Straumann Group Aktie – Digital Business Unit

In den letzten Jahren hat die Digitalisierung die Zahnarzt-Praxen und vorher schon die Zahnlabore erobert. Von der Behandlungsplanung bis zur finalen Restauration, einschließlich orales Scanning, Implantatplanung, Prothetikdesign, Fertigung und die Kommunikation unter Dental-Experten kann nun alles in einem Workflow erfolgen.

Statt zum Beispiel Abformungen, die bei Patienten oft einen Würgereiz auslösen, werden heute in zunehmend mehr Praxen Interoralscanner eingesetzt und die Daten direkt an die Labore geschickt. Dort oder sogar in den Praxen können mit Fräsmaschinen und 3D-Druckern passgenaue Kronen, Brücken und Prothesen hergestellt werden. Genau hier hat Straumann in den letzten Jahren durch Übernahmen von ClearCorrect, Dental Wings und Createch, durch Beteiligungen an Geniova, RapidShape und Dental Monitoring sowie durch Partnerschaften mit 3Shape und Amann Girrbach ein beeindruckendes Digital-Portfolio aufgebaut.

Wir können von außen die Sinnhaftigkeit solcher Investments kaum beurteilen. Straumann wird sicher wissen, dass das Kerngeschäft nicht Fräsmaschinen, Scanner und 3D-Drucker sind. Straumann betont, dass das Angebot technologisch offen ist für bestehende Systeme in den Laboren und Praxen, so dass man modular einzelne Lösungen verkaufen kann. Der Reiz ist natürlich groß, den exzellenten Ruf und die Kontakte zu den Laboren und Praxen zu nutzen, um sich als Vollsortimenter durchzusetzen. Zumal man sich mit dem stark wachsenden Geschäft für Biomaterialen den Absatzmarkt sichert, wenn man die Fräsmaschine und den 3D-Drucker vorher installiert hat.

Boom-Markt Aligner

Das größte Wachstum innerhalb der Digital Unit entfällt auf das Geschäft mit transparenten Zahnschienen für Zahnkorrekturen (Aligner). Straumann ist 2017 mit dem Kauf des etablierten Anbieters ClearCorrect und der Beteiligung am spanischen Startup Geniova in den Markt für Kieferorthopädie eingestiegen. Der Markt für Aligner wächst jedes Jahr zweistellig. Von den circa 1,1 Millionen Fällen, die mit Aligner behandelt werden, entfallen 60 Prozent auf die USA, 20 Prozent auf China und 20 Prozent auf Rest der Welt. Der dominante Player ist das US-Unternehmen Align Technology mit etwa 70 Prozent Marktanteil. Das Produkt Invisalign und die Muttermarke ist daher auch ein Synonym für Aligner. Align Technology macht 85 Prozent des Umsatzes mit Aligner. 2018 hat Align nur damit etwa 1,6 Milliarden Dollar Umsatz gemacht. Das ist mehr als Straumanns Gesamtumsatz für das Jahr. Derzeit hat Straumann hier einen Marktanteil von circa 2 Prozent. Doch das Unternehmen möchte deutlich aufholen. Im ersten Halbjahr 2019 ist die Kundenanzahl über 15 Prozent angestiegen, Anzahl der Fälle gegenüber Vorjahr sogar um 60 Prozent. Wachstumsbremse ist derzeit nicht die Nachfrage, sondern die Fertigungskapazität, die nun deutlich ausgebaut wird. Allerdings kommen hier immer neue Angebote auf den Markt, die sogar Zahnärzte umgehen und den Endkunden direkt ansprechen, wie zum Beispiel SmileDirectClub. Auch in Deutschland sind bereits Startups wie Dr Smile in diesem Markt unterwegs.

Straumann Group Aktie – Premiumbewertung

In einem Markt, der im Schnitt 4-5 Prozent wächst, hat Straumann in den letzten Jahren ein organisches Wachstum von durchschnittlich mehr als 15 Prozent hinlegen können. Das allein ist schon bemerkenswert. Gleichzeitig hat das Unternehmen die EBITDA-Marge sukzessive auf nun 31,5 Prozent steigern können.

Straumann Group Aktie - Grafik 5 Jahre Entwicklung Umsatz und EBITDA
Straumann Group Aktie: Starkes organisches Wachstum

Die Bruttomarge liegt im ersten Halbjahr 2019 bei 77 Prozent, die operative Marge bei 27,5 Prozent. Das sind Werte, die sogar Align Technology nicht erreicht. Entsprechend ist die Aktie bewertet. Mit einem FWD EV/Sales von 7,8 und einer FWD PE von circa 40 ist das Unternehmen sicher kein Schnäppchen mehr. Während die meisten vergleichbaren Unternehmen, die börsengelistet sind, nicht annähernd an die Wachstumszahlen von Straumann herankommen, ist vielleicht eher ein Vergleich mit Danaher und Aling Technology angemessen. Bei dem wesentlich größeren Unternehmen Danaher liegen diese Multiples bei 5,2 beziehungsweise 38. Allerdings wächst das Unternehmen seit Jahren nur einstellig und kommt nicht an die Profitabilität von Straumann heran. Das gilt auch für das Dentalgeschäft, das Danaher im zweiten Halbjahr 2019 separat an die Börse bringen wird.

Bei Align ist die Bewertung attraktiver geworden, nachdem sich der Aktienkurs seit November praktisch halbiert hat. Mit FWD EV/Sales von knapp 5,8 und einem FWD PE von 35 ist Align jetzt nicht mehr teuer bei einem Umsatzwachstum von über 20. Allerdings ist das Unternehmen quasi ein Ein-Produkt-Unternehmen, und die Konkurrenz bei Aligner wird gerade durch die Direct-to-Consumer-Anbieter täglich größer.

Straumann operiert in den meisten Ländern mit einem eigenen Vertriebsteam und hat so direkten Kontakt zu den Laboren und Zahnärzten. Das bietet nicht nur einen Burggraben für das Geschäftsmodell, sondern hilft auch bei der Einführung neuer Produkte in den Markt. Gerade hat das Unternehmen ihr erstes vollkonisches Implantatsystem BLX auf den Markt gebracht und gleich in den ersten 6 Monaten 30.000 Einheiten abgesetzt. Auch Straumann ist nicht resistent gegen eine konjunkturelle Abkühlung, aber der Gesundheitsmarkt sollte sich ingesamt stabiler halten als der Rest der Wirtschaft.

Straumann Group Aktie – Fazit

Straumann operiert in einem Markt der prosperiert und bietet Produkte und Lösungen an, die noch viel stärker wachsen. Die Wachstumsziele für das aktuelle Jahr hat Straumann gerade angehoben. Das Unternehmen wird exzellent geführt und hat bei Zahnmedizinern einen hervorragenden Ruf. Diese Reputation nutzt das Unternehmen, um sich auch als ein führender Anbieter der digitalen Zahnmedizin zu etablieren. Wir stufen das Unternehmen als einen attraktiven Digital Transformation Leader ein und sind bei Kursen unter 800 Franken eine erste Position bei Straumann eingegangen.

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Baki Irmak

Baki Irmak

Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien für BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanger bei der Commerzbank und ABN Amro.

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