Die einsame Börsenrallye der Digitalunternehmen

22. Mai 2020

Die einsame Börsenrallye der Digitalunternehmen - Spalt zwischen Digitalunternehmen Traditionsunternehmen und Main Street

Sind die Investoren jetzt komplett gaga? Während die führenden Ökonomien den größten wirtschaftlichen Einbruch seit Weltkriegszeiten verzeichnen, steigen die Börsen seit Wochen unaufhörlich. „A dangerous gap“ titelte der Economist die wachsende Disparität zwischen der realen Wirtschaft und den Aktienmärkten.

A dangerous Gap zwischen Main Street und Wall Street - Economist

Never bet against America?

Es gibt kein Drehbuch darüber, wie man wirksam eine Pandemie bekämpft. Doch für viele politische Akteure heute ist die Pleite von Lehman Brothers und die anschließende Finanzkrise eine noch frische und traumatische Erfahrung. Damals hatte man zu zögerlich auf die Krise reagiert. Jetzt haben die Regierungen weltweit in Rekordzeit Rekordsummen freigemacht, um den wirtschaftlichen Einbruch einzudämmen.

Finanzielle Unterstützung durch Regierungen

Die Austäritäts-Politik war auch schon mit Ausnahme Deutschlands aus der Mode gekommen. Lange hatten führende Politiker sich auf die Erkenntnisse der Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart bezogen, um ihre Sparpolitik zu rechtfertigen. Rogoff und Reinhart hatten berechnet, dass die Volkswirtschaften schrumpfen, sobald die Verschuldung 90 Prozent des Bruttosozialproduktes übersteigt. Später stellte ein Student bei Rechenübungen fest, dass die beiden Professoren mit lückenhaften Excel-Daten gerechnet hatten. Statt 0,1 Prozent zu schrumpfen, würden die Volkswirtschaften demnach um 2,2 Prozent wachsen. Seither steigt die Staatsverschuldung in den meisten Ländern ungeniert weiter.

Der Kampf gegen Covid-19 ist „our big war“, sagt der amerikanische Präsident. Die Staatsverschuldung in den USA überschreitet erstmals seit dem zweiten Weltkrieg die Wirtschaftsleistung des Landes. Staatsschulden mögen zwar in absoluten Werten immer größer werden, gemessen am Bruttosozialprodukt sind sie aber in florierenden Volkswirtschaften wie in UK und den USA über lange Zeiträume auch gefallen. Neben Wirtschaftswachstum braucht es dafür ein wenig Inflation und historisch niedrige Zinsen: Finanzielle Repression

Never bet against the Fed

Die Notenbanken, allen voran die Fed, haben unmissverständlich klar gemacht, dass sie zu allem bereit sind, um den ökonomischen Kollaps zu verhindern. Niedrige Zinsen, maximale Liquidität und das gesamte Arsenal der unkonventionellen Geldpolitik.

Zunächst schien es so, als würde die Senkung des Leitzinses auf null Prozent an den Kapitalmärkten verpuffen. Die Bondmärkte waren ausgetrocknet, entsprechend machte sich Panik breit. Doch dann kaufte die Notenbank in einem historisch einmaligen Ausmaß nicht nur Staatsanleihen und Corporate Bonds, sondern auch Unternehmensanleihen mit zweifelhafter Bonität.

Wertpapierbestände der US-Notenbank im Zeitablauf
Wertpapierbestände der US-Notenbank im Zeitablauf.

Die große Abkoppelung

Seither haben insbesondere die amerikanischen Börsen sich massiv von den Kursverlusten erholt. Doch ein genauer Blick auf „Wall Street“ zeigt, dass eine große Lücke klafft zwischen traditionellen Unternehmen und den Gewinner der Digitalisierung.

Während sich der Nasdaq-100-Index bereits in einer V-Formation komplett erholt hat, sind die kleineren traditionelle Value-Unternehmen noch tief im Minus dieses Jahr.

Erholung der Digitalunternehmen schneller als Erholung der traditionellen Unternehmen

FAANG + Microsoft sind heute mit knapp 22 Prozent im S&P 500 gewichtet. Das sind nochmal 2 Prozent mehr als im Dezember. Microsoft und Apple sind an der Börse circa 700 Milliarden Dollar mehr wert als alle börsengelisteten deutschen Unternehmen zusammen.

Die Konzentration von Macht und Kapital und die große Abkoppelung der Digitalunternehmen vom Rest der Börse haben sich seit der Corona-Pandemie noch mal beschleunigt. Wir haben uns für das Beitragsbild dieses Artikels die Freiheit genommen, das Coverbild vom Economist etwas anzupassen.

Die große Umverteilung

Die drakonischen Quarantäne-Maßnahmen weltweit haben die Adaption digitaler Dienste beschleunigt. Der März und April werden auch als Monate des größten Massen-Crashkurs in Digitalisierung in die Geschichte eingehen.

Wie radikal das Nutzungsverhalten sich von offline auf online verschoben hat, illustriert folgende Graphik.

Durchdringung Ecommerce in den USA
Quelle: Bank of America, US Department of Commerce, ShawSpring Research.

Der Anteil von E-Commerce am Einzelhandel in den USA ist in 8 Wochen von 16 auf 27 Prozent gestiegen. Der letzte Anstieg dieser Größenordnung hatte vor der Pandemie 10 Jahre gedauert.

Entsprechend sind die Kurse von E-Commerce-Unternehmen regelrecht explodiert.

Kurse von verschiedenen E-Commerce-Unternehmen

Vom Tief im März hat Wayfair unfassbare 500 Prozent zulegen können. Der hochdefizitäre Onlinemöbelhändler hat offensichtlich von dem neuen Bedarf fürs Homeoffice profitieren können, doch die Downloadzahlen haben Ende April das Hoch erreicht.

HelloFresh mehr als doppelt so viel wert als Metro

Die Euphorie beschert auch den deutschen E-Commerce-Unternehmen wie Shop Apotheke, Zooplus und HelloFresh aktuell neue Kursrekorde. Die Kursreaktionen sind befeuert worden von Aussagen das Management, wie großartig die Geschäfte aktuell laufen. Auch hier bestätigen die Download- und Trafficzahlen den Optimismus für März und April bei HelloFresh und Shop Apotheke, aber bei beiden Unternehmen ist das vorläufige Hoch der Downloadzahlen Ende April erreicht.

Einzig bei Zalando zeigen die Downloadzahlen nach einer Schwäche im März wieder deutlich nach oben. Allein in den letzten drei Wochen knapp 50 Prozent. Internationaler Spitzenreiter beim Wachstum ist Shopee, das E-Commerce-Unternehmen von SEA Limited.

HelloFresh, das sich auf den Versand von Kochboxen spezialisiert hat, wird an der Börse mit 6,5 Milliarden Euro bewertet. Damit ist das Unternehmen an der Börse mehr als doppelt so viel wert als die Metro AG. Vielleicht sollten Edeka, Rewe, Real & Co. Abonnements für Einkaufsboxen einführen.

Die großen Gewinner von E-Commerce sind Facebook & Co.

Ich halte die Kursreaktionen bei vielen der E-Commerce-Unternehmen für überzogen. Dafür sind die Eintrittsbarrieren zu niedrig und die Netzwerk-Effekte sehr eingeschränkt, wenn das Produktangebot limitiert ist.

Viele Supermarktketten haben große Fortschritte bei E-Commerce gemacht, viele andere stationäre Geschäfte werden nachziehen. Dabei werden sie unterstützt von Plattformen wie Shopify und bald auch Facebook. E-Commerce ist in naher Zukunft keine Differenzierung mehr.

Nach diesem E-Commerce-Push wird der Kampf um den digitalen Kunden noch intensiver geführt. Die Gewinner sind dann die Plattformen, die die besten Nutzerprofile anbieten, also Facebook, Alphabet und Amazon. Denn tausende von E-Commerce-Unternehmen müssen alle auf einer Handvoll von Plattformen Kundenakquise betreiben.

So wie beim Payments MasterCard und Visa immer mitverdienen, so werden im digitalen Vertrieb Facebook und Alphabet immer mitkassieren. Die oft belächelten Plattformen der zweiten Reihe wie Pinterest, Twitter und Snap werden dann auch gefragter sein, wenn sie ihre Werbeformate attraktiver für diese Kunden machen.

Auch Unternehmen wie The Trade Desk, die das Matching dazwischen orchestrieren, sind die langfristigen Gewinner dieser Entwicklung. Daher setzt der The Digital Leaders Fund mehr auf solche Unternehmen und auf Digital Leaders, die dauerhaft von der zunehmenden digitalen Adaption profitieren.


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Baki Irmak

Baki Irmak

Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien bei BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanger bei der Commerzbank und ABN Amro.

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