Wirecard ist eine Dauerwette auf die Glaubwürdigkeit des Managements

6. Mai 2020

Wirecard ist eine Dauerwette auf die Glaubwürdigkeit des Managements - Programmier Code auf dunklem Hintergrund

Nachdem wir bereits unsere Zweifel an Wirecard in 2018 und diese Zweifel erneut in einem Artikel in 2019 hier im Blog aufgeführt haben, brodelt es wieder rund um Wirecard. Wir haben in einem Kommentar zur aktuellen Situation bei Wirecard Stellung genommen:

Die Wirecard Aktie bleibt auch dieses Jahr ihrem Image als Skandalnudel des DAX treu. Dem Unternehmen wurden Bilanzmanipulation, illegale Überwachung von unliebsamen Journalisten und Investoren und allerlei andere Dinge vorgeworfen. Nun sollte Anfang des Jahres die KPMG als Sonderprüfer alle Zweifel an der Richtigkeit der Jahresabschlüsse ausräumen.

Die Erwartungen waren allerdings ohnehin zu hoch. Maximal konnte ein Prüfer wie die KPMG einen kleinen Ausschnitt der Vorwürfe adressieren. Gegen vorsätzliche Täuschungen, falls diese überhaupt vorliegen sollten, sind externe Prüfer machtlos. Doch selbst meine niedrigen Erwartungen hat der KPMG-Sonderbericht enttäuscht.

Der 74-seitige Report liest sich teils wie eine Klageschrift. Unterlagen wurden nicht, verspätet oder in mangelnder Qualität geliefert, Interviews kurzfristig abgesagt, Geschäftspartner wie Third Party Acquirer verweigerten die Zusammenarbeit mit den Prüfern.

Noch gravierender ist aber die Einschätzung von KPMG, dass Gelder auf zwei Treuhandkonten als Cash in den Bilanzen ausgewiesen wurden, obwohl sie nicht jederzeit ohne Strafe verfügbar wären. Auch die intransparenten Kriterien für die Auswahl der Treuhänder, der abrupte Abzug des Treuhänders 1 kurz vor der Prüfung und die Wahl seines Nachfolgers durch eben diesen wirken absurd.

Bis zu 40 Personen hat KPMG für die forensische Arbeit eingesetzt. Das vorliegende Zwischenergebnis wirft allerdings mehr Fragen auf als es beantwortet.

Vor Gericht mag zwar in den meisten Ländern die Unschuldsvermutung gelten, an der Börse gilt aber meist die Schuldvermutung, und das ist auch gut so.

Die Gesellschaft war Jahre lang einfach zu intransparent. Man weiß auch heute nicht, wieviel Umsatz eigentlich aus Acquiring, aus Issuing oder aus Payment Processing kommt, wie stark die Kundenbindung (net retention) ist, ob Wirecard z.B. die Kunden auch binden und hohe Margen halten kann, wenn die bargeldlosen Umsätze bei den Kunden deutlich steigen.

Bei von außen messbaren Dingen wie z.B. der Payment App Boon fallen die Zahlen auch deutlich bescheidener aus als die Jubelmeldungen des Managements vermuten lassen. Nach Zahlen von Sensor Tower kommt die App in einem Jahr nicht einmal auf 180.000 Downloads. N26 schafft das locker in einem Monat.

Zudem schießen lokale Payment-Anbieter aus dem Boden, und die Internetgiganten wachsen täglich stärker in die Verwertungsketten der Paymentindustrie.

In Anbetracht der Zweifel, der fehlenden Transparenz und der desolaten Kommunikation hat Wirecard einen deutlichen Abschlag gegenüber den Wettbewerbern verdient.

Ich erinnere mich an einen Sonderbericht von E&Y zur Deutschen Bank im Zuge des Libor-Skandals. Der las sich harmloser als der aktuelle Sonderbericht zu Wirecard. Damals musste aber ein Großteil des Vorstands und der Ebene drunter das Haus verlassen.

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Baki Irmak

Baki Irmak

Baki war viele Jahre in leitender Funktion für den Deutsche Bank Konzern und DWS tätig. Zuletzt u.a. als Global Head of Digital Business für die Deutsche Asset & Wealth Management und Mitglied im Digital Executive Commitee der Deutschen Bank. Seine berufliche Laufbahn hat er als Fondsmanager für Technologie, Telekommunikation und Medien für BHF Trust begonnen. Danach war er Fondsmanger bei der Commerzbank und ABN Amro.

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6 Antworten

  1. Nanu? “schießen lokale Payment-Anbieter aus dem Boden” – Payment ist eine klassische economies of scale Industrie, die zudem in letzter Zeit noch stärker konsolidiert hat – es gab in den letzten 1-2 Jahren meiner Erinnerung nach zumindest 2 Transaktionen (Merger) mit Unternehmenswerten 》 20 Mrd $ – googelt mal

    1. Stimmt, dennoch haben sich in den großen Märkten lokale Anbieter etabliert, die den Markt dominieren, so wie z.B. PhonePe (Payment Lösung von Flipkart), die die staatliche UPI Plattform nutzen. Nahezu alle Banken sind angebunden, andere Unternehmen nutzen es auch; das ganze is sogar kostenfrei. StonCo, Pagseguro, Mercado Pay in Brasilien, Yandex Money in Russland, über China müssen wir nicht sprechen. Selbst die Karibik hat mit Evertec einen Top Player im Payments.

  2. Schade, dass Sie nun auch meinen, zu Wirecard Ihre Meinung zum Besten geben zu müssen. Ich empfehle jedem, den KPMG Bericht zu lesen. Man gewinnt einen ungeschönten, intimen Einblick in wichtige Punkte des Unternehmens. Meine Einschätzung nach dem Lesen des Berichts teilt sich nicht mit Ihrer.

    Ich würde es im übrigen begrüßen, wenn Sie auch an andere Ihrer Beteiligungen, insbesondere bei Opera, einen strengeren Maßstab angelegt hätten. Dort investiert der CEO bspw. mit dem Geld aus dem IPO in ein Unternehmen, an dem er zufällig privat beteiligt ist, welches aber mit den Geschäftstätigkeiten von Opera nichts zu tun hat. Ich habe das in Ihren Berichten nicht gelesen – ist Ihnen das entgangen?

    1. Wir kommentieren relevante Unternehmen im Kontext Digitalisierung seit Start unseres Blogs. In viele davon haben wir nicht investiert, dazu gehört auch Wirecard. Zu keinem anderen Unternehmen werden wir so häufig von unseren Investoren und Lesern angesprochen. Daher haben wir das Unternehmen im September 2018 detaillierter porträtiert, bei einem Kurs von knapp 180. Investieren heißt, Entscheidungen treffen auf Grundlage unvollkommener Information. Dabei sollten wir eigentlich die Zuverlässigkeit der Bilanzdaten nie bezweifeln. Im Fall von Wirecard sind die Informationen nicht nur unvollkommen, sondern werden von Teilen der Anleger und nun auch Sonderprüfer auch noch angezweifelt bzw. anders bewertet. Wir wollen alle hoffen, dass die Zweifler sich irren.

      Ihr Verweis auf Opera bringt uns in Sachen Wirecard nicht weiter. Whataboutism ist ein schlechter Ratgeber. Wenn Sie sich aber für unsere Meinung bei Operas CG interessieren: Die Corporate Governance bei Opera ist problematisch. Das haben wir in den Artikeln klar dargelegt und detailliert mit dem Management besprochen. Wenn Sie das an Opera kritisieren, bin ich als Investor nicht beleidigt. Opera verdient einen Abschlag. Wir meinen, dieser ist zu hoch.

      1. Also ich verstehe jetzt auch Ihre Kritik hinsichtlich Intransparenz nicht wirklich. Welches B2B Unternehmen und das ist Wirecard nun mal primär (boon ist ja eher ein Randthema) gibt bspw. Kundenbinding (net retention) bekannt?

        Adyen, ein Wettbewerber, der vermutlich von den gelisteten Fintechs am ehesten mit Wirecard vergleichbar ist, gibt eigentlich auch nicht mehr Kennzahlen als Wirecard bekannt, bspw. keine net retention rate. Das ist doch eher ein KPI, bei dem man sich für B2B Geschäftsmodelle, insbesondere SaaS, interessiert.

        1. Square macht es z.B. über die cohorten economics. Dadurch bekommt man einen sehr guten Einblick über revenue retantion. Es geht mir um die Kundenloyalität. Wir kennen die Jubelmeldungen über die Neukunden. Die Liste liest sich auch sehr imposant. Doch wie viele Kunden verlassen Wirecard? Wie ist Aufteilung der Umsätze auf die Größe der Unternehmen? Meine Befürchtung ist, dass mit wachsendem Gross Payment Volume Kunden Wirecard verlassen könnten.

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