Zenvia-Aktie: Strohfeuer oder nachhaltiger Aufschwung?

16. Februar 2024

Zenvia-Aktie Quartalszahlen

Seit dem IPO hat die Zenvia-Aktie nur enttäuscht. Der brasilianische Communication Platform as a Service (CPaaS)-Anbieter ist führend in Lateinamerika, schob aber einige Altlasten vor sich her. Deren Abbau führt jetzt zu einem Kursfeuerwerk. Ist nach dem Plus von 100 Prozent noch mehr drin?

Bis vor kurzem war die Historie der Zenvia-Aktie an der Börse ein einziges Trauerspiel. Von einem Emissionskurs von 13 Dollar im Jahr 2021 stürzte die Aktie letztes Jahr auf Kurse von unter einem Dollar. Jetzt führt die Finanzspritze des Gründers und eine weitere Streckung der Verpflichtungen aus vergangenen Übernahmen zu einer Kursrally von 100 Prozent. Wir analysieren die Perspektiven für Zenvia und das weitere Kurspotenzial der Zenvia-Aktie.

Zenvia-Aktie: Kurschart seit IPO Juli 2021

Zenvia-Aktie Kursverlauf

Refresher: Das Zenvia Geschäftsmodell

Wir haben Zenvia bereits im Februar 2022 vorgestellt. Zenvia ist eine Customer Experience Communication Plattform (CX Communication Plattform) – das große Vorbild ist hier der US-Anbieter Twilio. Die Geschäftskunden von Zenvia können mithilfe dieser Plattform die Kommunikation zu ihren Endkunden für diverse Anwendungsfälle optimieren. Dazu gehören zum Beispiel Multichannel-Marketing Kampagnen mit SMS, Autorisierung von Transaktionen über SMS, Kundenkommunikation über Chatbots oder Auftragsnachverfolgung mit WhatsApp Notifizierung. Mit Zenvias digitalen Lösungen können Kunden gleichzeitig die Umsätze erhöhen und die Kosten senken. 

Restrukturierung der Schulden – Déjà-vu?

Lange Zeit trug Zenvia eine schwere Bürde mit sich: Es bestanden hohe Zahlungsverpflichtungen, die aus der Übernahme von den drei Unternehmen D1, Moviedesk und Sensedata resultierten. Neben einer Nettoverschuldung von 60 Millionen Real bestanden noch 346 Millionen Real an Earn-out Verpflichtungen. Bereits im Dezember 2022 haben wir über die erste Restrukturierung der Zahlungsverpflichtungen aus vergangenen Übernahmen berichtet

Seinerzeit war allerdings schon klar, dass noch weitere Schritte notwendig waren, denn trotz positiven EBITDA bestand eine erhebliche Finanzierungslücke, da alleine in diesem Jahr 207 Millionen BRL fällig geworden wären. Das Unternehmen hat es zum Unwillen der Finanzinvestoren gemächlich angehen lassen und die Zenvia-Aktie hat im letzten Jahr infolge der mangelhaften Liquidität ein Mauerblümchendasein geführt.  

Vor wenigen Tagen zeichnete sich eine Lösung ab: Es wurde eine Einigung über die zweite Streckung der verbliebenen 294 Millionen Zahlungsverpflichtungen aus den Akquisitionen auf fünf Jahre bis 2028 erzielt. Zudem hat Zenvia jetzt eine Option, bis zu 100 Millionen BRL Zahlungsverpflichtungen in neue Aktien umzuwandeln.

Auch die Bankkredite von rund 100 Millionen BRL wurden auf drei Jahre gestreckt, die ersten sechs Monate muss Zenvia hier gar nichts zahlen.

Zenvia-Aktie Chart Bisher

Das gleichzeitig für 2024 in Aussicht gestellte Ebitda-Ziel von 120 bis 140 Millionen BRL dürfte für die geplante Rückzahlung von 88 Millionen BRL reichen. Die 2023 ЕBITDA Guidance von 70 bis 90 Millionen BRL ist laut Unternehmenssprecher außerdem weiter aktuell, die finalen Zahlen sollen Anfang April kommen. Zenvia wechselt den Wirtschaftsprüfer, die aktuell Zahlen müssen laut US-Vorschriften vom alten und vom neuen Wirtschaftsprüfer diktiert werden.

Rekapitalisierung: Der Chef macht es selbst

Lange war für die Kapitalisierung eine Partizipation von Finanzinvestoren im Gespräch. Am Ende macht es der Gründer und CEO Cassio Bobsin dann aber plötzlich alleine: Er investiert rund 50 Millionen BRL und kauft rund 9 Millionen Aktien zu einem Kurs von 1,14 Dollar. 

Das ist zum einen natürlich der Best-Case: Der Unternehmens-Insider schlechthin tritt mit eigenem Geld den ultimativen Vertrauensbeweis an. Wermutstropfen: Finanzinvestoren, die zumeist bei weit höheren Kursen eingestiegen sind, konnten bei dieser Schnäppchen-Kapitalrunde nicht mitmachen. „Kleiner Trost”: Kleinere Fonds wie der EMDL konnten sich einfach an der Börse eindecken. Wir sind im Lauf des Jahres 2023 zu Niedrigstpreisen eingestiegen.

Zenvia-Aktie verdoppelt sich – und nu?

Vor der Ankündigung stand die Zenvia-Aktie bei 1,15 Dollar und verdoppelte sich innerhalb von zwei Tagen. Der letzte Kurs liegt bei 1,96 Dollar. Der obere Chart zeigt den Sprung, aber auch, wie weit die Aktie noch vom IPO Preis entfernt ist.

Wir hatten 2023 immer wieder darauf hingewiesen, wie billig die Aktie war und uns im EMDL bei Kursen zwischen 1,10 und 1,16 Dollar eingekauft. Wir haben unsere Position jetzt wieder reduziert, um die Gewichtung der Position im Portfolio konstant zu halten

Das Unternehmen geht dieses Jahr von 10 Prozent Umsatzwachstum aus, im SaaS (Software as a Service) Bereich könnte es sogar 15 Prozent werden. Die EBITDA-Marge soll bei gleicher Kostenstruktur von 10 auf 15 Prozent steigen.

Ausgehend von der aktuellen Marktkapitalisierung von knapp 500 Millionen BRL und Verbindlichkeiten von 394 Millionen BRL ergibt sich auf Basis der aktuellen Schätzung ein 2024 EV/EBITDA von 6,9 und ein EV/Umsatz von 1,1. Damit bleibt Zenvia deutlich günstiger bewertet als die Werte in der Peer-Group (siehe Tabelle).

Zenvia-Aktie Peer Group

Auch 2025 soll CPAAS um 10 Prozent und SaaS um mehr als 10 Prozent wachsen, die Kosten dagegen nur um 5 Prozent. Dann könnte die EBITDA-Marge auch das obere Ende der langfristigen Zielmarke von 15 bis 20 Prozent erreichen. In absoluten Zahlen könnte das bedeuten: 1 Milliarde BRL Umsatz, 450 Millionen Bruttogewinn und 200 Millionen EBITDA. Bei gleichen Bewertungsmultiplikatoren könnte sich die Zenvia-Aktie also noch einmal verdoppeln.

Ein wenig Schmunzeln löste bei uns allerdings das vorzeitige „Vorfühlen“ des Unternehmenssprechers aus, ob wir bei Kursen um 4 dem Unternehmen noch einmal frisches Kapital geben würden. De facto-Alleinentscheider Bobsin hat es sich einfach gemacht. Das Unternehmen ist jetzt aus dem Gröbsten raus, große (Investitions-) Sprünge kann es allerdings auch nicht machen. Ab jetzt soll es nach seinen Vorstellungen der Kapitalmarkt richten – bei deutlich höheren Kursen.

Die Zenvia-Aktie könnte als Lehrstück für die Bedeutung von langfristigem Timing dienen.  Auch bei einem künftigen Kurs von 4 Dollar hätten IPO-Investoren immer noch mehr als zwei Drittel verloren. Schnäppchenjäger hätten dann aber schon 300 Prozent verdient. Wir fühlen uns mit unserer aktuellen Position wohl.

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Autor

  • Steffen Gruschka

    Steffen war von 1998 bis 2006 im Fondsmanagement der DWS als Leiter Aktien Osteuropa tätig und dort für bis zu 5 Mrd. Euro AuM verantwortlich. Er wurde für seine Arbeit als Fondsmanager mehrfach prämiert u.a. wurde er von der Zeitschrift Finanzen 2003 mit dem DWS Russia als Fondsmanager das Jahres ausgezeichnet. Anschließend machte er sich in London selbständig und verwaltete über 10 Jahre lang Hedge Fonds. Anfang 2021 stieg er als Partner bei Pyfore Capital ein und ist seither für das Fondsmanagement des EM Digital Leaders verantwortlich.

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Steffen Gruschka

Steffen Gruschka

Steffen war von 1998 bis 2006 im Fondsmanagement der DWS als Leiter Aktien Osteuropa tätig und dort für bis zu 5 Mrd. Euro AuM verantwortlich. Er wurde für seine Arbeit als Fondsmanager mehrfach prämiert u.a. wurde er von der Zeitschrift Finanzen 2003 mit dem DWS Russia als Fondsmanager das Jahres ausgezeichnet. Anschließend machte er sich in London selbständig und verwaltete über 10 Jahre lang Hedge Fonds. Anfang 2021 stieg er als Partner bei Pyfore Capital ein und ist seither für das Fondsmanagement des EM Digital Leaders verantwortlich.

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